Joab – Kapitel 37 – Die Mauern Rabbas

Joab

Die Mauern Rabbas

Gelangweilt hob Joab seine Hand und legte sie an die Stirn, um die Stadtmauer im Gegenlicht der aufgehenden Sonne in den Blick nehmen zu können. Er stand am Eingang seines Zeltes, das er von seinen Knechten so hatte aufstellen lassen, dass er Rabba jederzeit beobachten konnte. Der Oberste der Heerscharen Jahs hielt nicht viel davon, sich feige im Schutz der anderen Zelte zu bergen, Mittelpunkt der Dreißig Tausend zu sein, umjubelt und hofiert. Sein Onkel Dawid brauchte den Jubel des Volkes zuweilen. Er hatte in seiner Jugend die Lieder genossen, die sie ihm einst sangen, als er unter Schaul groß wurde und den Goliath erschlug. Der König genoss ebenso die bewundernden Blicke der Frauen. Immer noch. All das scherte Joab nicht. Für ihn gab es in diesem Augenblick nur Rabba und es musste fallen. Unbedingt. Abischai stand neben ihm und brütete genauso finster.

Hin und wieder wagten die Ammoniter einen Ausfall vor die Stadtmauer. Dann gaben sich einige Heerhaufen der Israeliten mit ihnen ein kurzes, blutiges Stelldichein und zogen sich wieder zurück in ihre Stellung. Doch die meiste Zeit brieten sowohl die Mauern Rabbas als auch die Zelte Israels schweigsam in der Sonne. Joab raufte sich missmutig den Bart. Wie lange würden sie die Stadt belagern müssen? Konnte man die Mauern ohne allzu große Verluste erstürmen? Es würde den Tod einiger tüchtiger Männer bedeuten, soviel stand fest.

Wenn sie länger warteten, dann würden Hunger und Durst im Innersten der Stadt ihr zermürbendes Werk tun. Die Mannen Dawids hingegen waren gut versorgt. Dennoch konnten sie keine Schwäche zeigen vor Hanun, der sie mit der Schändung von Dawids Boten so tief beleidigt hatte. Die Kunde darüber war sicher längst zu den anderen, besiegten Königen gedrungen und je länger Rabba den Scharen der Krieger Israels trotzte, desto größer wurde die Gefahr, dass sich auch andere wieder erhoben und man die Ammoniter ungestraft lassen musste.

Die Schritte eines Mannes holten Joab aus seinen finsteren Gedanken. Die schweren Füße eines Ermatteten wirbelten den Staub zwischen den Zelten auf. Ein Knecht aus dem Königshaus näherte sich, begleitet von zwei Wachen, die am Rande des Lagers Ausschau gehalten hatten und ihn zu Joab brachten. Botschaft vom König für seinen Heerführer Joab. Der Mann beugte sich tief. Der Schmutz eiliger Reise bedeckte seine Füße, befleckte den Saum seines Gewandes und ließ die Haare und den Bart traurig hängen. Der Mann war erschöpft, denn der Sohn Isais hatte ihn dringlich gesendet. Was will der König, sprich!

„Schicke mir von den Dreißig den Uria. Der von den Hetitern. Ich will ihn sehen!“

Joab verengte seine Augen und er wechselte einen schnellen Blick mit Abischai. Uria war ein verlässlicher, tapferer Mann. Ein Hetiter, der es bis in die höchsten Dienste für Dawid geschafft hatte. Er war nicht unter den ersten der Leibwache, doch er war einer der Männer, die in vorderster Reihe ohne Zögern zuschlugen. Ein aufrechter, guter und treuer Mann, der sogar eine israelitische Frau geheiratet hatte. Geachtet von seinem Schwiegervater, geehrt vom König. Doch Uria war nicht der wichtigste der Männer, dass man ihn jetzt vom Schlachtfeld holen musste. Was war der Grund? Joab fragte nicht. Auch Uria fragte nicht. Der Hetiter wurde mit Nachrichten über den Fotgang der Dinge bei Rabba nach Jeruschalajim geschickt. Urai ging mit Freuden, denn er liebte Dawid. Joab jedoch blickte ihm mit Sorgen nach. Etwas war ungut in dieser Angelegenheit. Dem Obersten wollte nicht einfallen, was es sein könnte.

Die Tage vergingen und Joab vergaß den Uria. Stattdessen untersuchte er gemeinsam mit Abischai die Mauern Rabbas, an welcher Stelle sie die Seile und Brücken anzulegen hätten, um die Stadt zu erstürmen. Sie mussten einen ersten Versuch wagen. Die Helden drängten ihn, doch Joab wollte nicht zuschlagen ohne Nachricht von Dawid. Uria würde sie bringen, welche auch immer es war.

Ein anderer Morgen dämmerte herauf, an dem Joab wie gewohnt mit finsterer Miene auf Hanuns Stadt starrte. Wieder wirbelten die Füße eines Boten den Sand auf und als die Staubwolke sich teilte, erschien das strahlende Gesicht des Hetiters. Er war glücklich und geehrt. Der Besuch bei seinem König war gut gewesen. Sie hatten gemeinsam gegessen und getrunken. Ja, Dawid hatte ihm sogar ein Geschenk gemacht und er hatte ihm erlaubt, in sein Haus in Jeruschalajim zu gehen, um bei seinem Weib zu sein. Doch nein, Uria hatte abgelehnt. Mit Stolz wiederholte er die Worte, die er zum Kömig gesprochen hatte.

„Die Lade des Gottes Jah wohnt in einem Zelt. Die großen Männer Judas haben nicht alle Häuser. Sie wohnen in Zelten. Mein Herr Joab wohnt seit vielen Wochen auf dem freien Feld, ebenso alle ausgehobenen Mannen vor Rabba. Und nur, weil ich als ein Bote ausgewählt bin und einmal mit dem Herrn, meinem König, esse, soll ich in mein Haus gehen und zu meiner Frau? Die anderen Männer können das nicht. Ich will nicht mehr sein als als sie.“

Eine gute Antwort. Eine gerechte Antwort. Uria war ein Mann voller Ehre und Joab lächelte über die Unschuld seiner Worte. Er trank mit dem Hetiter in seinem Zelt und er ließ ihm die Füße waschen. Dann nahm er die Rolle aus seinen Händen. Dort stand sicher die kluge Entscheidung des Sohnes Isais, wie man mit den Söhnen Ammons verfahren sollte. Er hatte sich bestimmt vor der Lade Jahs niedergeworfen, Abjatar und Zadok die Urim und Thummin werfen lassen, die Gesichte Nathans angehört und Ahitofels Rat abgewogen. Joab erbrach das Siegel und ließ seine Augen über die vertrauliche Botschaft seines Onkels fliegen. Wachsam und neugierig blickte Uria den Obersten an. Hatte er ihm gute und nützliche Botschaft überreicht?

Was Joab las, ließ ihm das Herz in der Brust versteinern. Er konnte es zuerst nicht begreifen. „Stelle Uria dort auf, wo der Kampf am härtesten tobt. Lasst ihn dort stehen und zieht euch zurück. Er soll vom Feind getroffen werden und sterben.“ Eilig faltete der Oberste das Schriftstück zusammen. Dawid hatte den Mann sein eigenes Todesurteil überbringen lassen. Ein unbedingtes und heimliches Urteil.

„Gute Botschaft, Herr?“, fragte der Hetiter sehr freundlich.

Joab machte seine Stirn hart und undurchdringlich. „Gute Botschaft. Sorge dich nicht. Geh hinaus zu den anderen.“

Der Oberste musste nachdenken. Was hatte Uria über den Besuch in Dawids Gemächern erzählt? Sie hatten gegessen und getrunken und der König hatte ihn nach Hause geschickt. Zu seiner Frau. Der Mann hatte abgelehnt. Er hatte treu und aufrichtig gehandelt. So etwas musste man ehren. Wie nur war Uria, der fröhliche Hetiter, bei Dawid, dem lieblichen Enkel Ruths, in Ungnade gefallen? Die beiden Männer schienen geschaffen für eine Freundschaft miteinander, dennoch hatte der König seinem Obersten unmissverständlich befohlen, den tüchtigen Krieger unauffällig zu Tode zu bringen. Joab konnte nicht schon wieder in offenem Ungehorsam gegen seinen König handeln. Die Geschichte mit Abner war genug gewesen. Doch es tat ihm leid um Uria, den er sehr schätzte. Ein Mann sollte offen angeklagt und verurteilt werden und nicht heimlich getötet wie Joab es mit Abner getan hatte. Trotz Asaël bereute der Oberste seine ungestüme Tat manchmal, auch wenn sie Dawid schließlich nur umso schneller und sicherer das Königtum verschafft hatte.

Andererseits würde Uria in der Schlacht sterben und das war als ein geschickt herbeigeführtes Todesurteil die ehrenhafteste Art, für ein Vergehen blutig gerichtet zu werden. Was nur hatte dieser freundliche Mann getan, um Dawid derart in Zorn zu versetzen? Welche Beleidigung musste getilgt werden? Wie auch immer Joab es wendete, die Schuld lag in diesem Fall wohl beim König.

Der Oberste grübelte lange und er entschied sich für ein Gottesurteil. Ja, er würde Uria an einer Stelle einsetzen, die gefährlich war. Er würde diesen kriegstüchtigen Mann tatsächlich dem Tod aussetzen. Aber niemals würde er die anderen Männer, seine Gefährten, dazu anhalten, den Uria allein zu lassen, damit er zu Tode kam. Joab würde den Dingen ihren Lauf lassen, aber er würde sie nicht beschleunigen. Sollte Uria leben, dann war es der Wille Jahs, der den Mann vorm Tode bewahrt hatte und jeder würde bezeugen können, dass der Oberste den Hetiter tatsächlich für eine schwer zu bewältigende Aufgabe eingeteilt hatte. Aber Feigheit und Verrat würde Joab niemals zulassen, erst recht nicht durch seine eigene Aufforderung veranlassen!

Der Tag einer erneuten Schlacht dämmerte herauf. Die Ammoniter konnten nicht für immer in ihrer Stadt bleiben. Sie wagten einen großen Ausfall, hielten sich jedoch nah bei der Mauer. Dieses feige Spiel musste ein Ende nehmen. Joab befahl Abischai und allen anderen führenden Männern, dicht aufzurücken und die Feinde zurückzudrängen bis unter die Mauern. Aber sie schießen mit Pfeilen von oben herab, widersprach sein Bruder Abischai. Joab warf ihm nur einen einzigen, dunklen Blick zu, dann war er still. Es wurde gemacht, wie Joab es befohlen hatte. Wenn Uria sterben sollte, dann auch andere mit ihm. Das heimliche Urteil des Königs würde ihn etwas kosten. Dafür sorgte der Oberste. Er war das Werkzeug seines Onkels, doch er würde sich nicht in dieser Weise benutzen lassen. Zu lange schon durchschaute er die Lieblichkeiten des Sohnes Isais.

Der Kampf wurde heftig und die Männer rieben sich aneinander auf. Joab behielt die Reihen fest im Blick und schlug selbst kräftig drein. Der Zorn über seine zusätzliche Aufgabe trieb ihn an und machte ihn durstig nach Blut. Er rief dem Hetiter zu. Du, du bist tüchtig, rücke dort hin. Ich weiß, sie schießen, aber du und deine Männer, schlagt dort eine Bresche, ihr könnt diese starken Ammoniter schlagen.

Uria lachte. Der fröhliche Hetiter fühlte sich geehrt vom Sohn Isais und vom Sohn Zerujas. Mit unschuldigem und mutigem Herzen trat er dem sicheren Tod entgegen. Er fiel und seine Gefährten mit ihm. Man feierte ihn als großen Helden, nachdem die Ammoniter sich wieder hinter die Mauern Rabbas zurückzogen. Man hatte sie empfindlich getroffen, doch selbst zu viele Verluste dafür hinnehmen müssen.

Joabs Zorn kochte in ihm auf. Die Wut wollte ihn von innen zerfressen. Du willst mich prüfen, mein Onkel? Warte, dein Neffe wird dich ebenso prüfen. Ich muss es wissen, deine Antwort wird mir verraten, ob Uria zu Unrecht gestorben ist. Bebend packte der Oberste einen der Knechte und befahl ihm, als Bote aus der Schlacht zu Dawid nach Jeruschalajim zu gehen. „Berichte dem König vom Kampf. Von allem, was du gesehen hast. Und besonders merke dir eines. Sollte der König zornig werden über die Verluste und darüber, dass ich euch so dicht an die Mauer geführt habe, sollte er mir Unklugheit vorwerfen, dann lass ihn eines wissen und zwar ganz besonders: Dein Knecht Uria ist tot.“

Der Bote ging nicht mit Freuden, aber er würde seine Aufgabe gewissenhaft ausführen. Joab und Abischai brüteten gemeinsam vor Rabba und sie warteten auf die Antwort ihres Königs und sie lauerten auf die Regungen der Ammoniter, wann sie sich wieder zu einem Ausfall sammeln würden. Ein letztes Mal kam der Bote Dawids. Sein Gesicht war erleichtert und freundlich, keine Sorge ruhte auf der Stirn des Knechtes und Joab fürchtete seine Antwort.

„So sagt Dawid, dein König, zu dir, Joab, seinem Obersten: Lass es dir nicht zu schwer werden, was vor Rabba geschehen ist. Das Schwert frisst, wen es will, bald den einen, dann den anderen. Kämpfe weiter gegen Rabba, mutig und entschlossen! Reiße es bis auf die Grundmauern nieder! Sei mutig und sei stark!“

Joab schickte den Boten fort und er und Abischai sahen sich lange an. Die Antwort des Königs war zu erleichtert, zu freundlich und zu gelassen. Urias Tod war ihm wichtiger gewesen als die beinahe durch Joab herbeigeführte Niederlage durch das zu dichte Aufrücken gegen Rabbas Mauern.

– Ich sage dir, Abischai, kehren wir zurück, hat unser Onkel ein neues Weib, noch eines.

Der jüngere Bruder nickte. – Es war schon immer seine Schwäche, seine einzige.

Eine gefährliche Schwäche, entgegnete Joab und blickte noch finsterer als zuvor zu den Ammonitern hinüber.

Der Oberste Israels hatte nun wirklich einen unschuldigen Mann getötet. Das war noch viel weniger zu rechtfertigen als das Niederstechen Abners. Joab würde nie vergessen, dass Dawid ihn dazu gedrängt hatte, den Hetiter aus Gehorsam zu vernichten. Von jetzt an würde nicht nur der Sohn Isais sich die Dinge behalten, die ihm ein Mann tat. Auch der Sohn der Zeruja würde sein Gedächtnis schärfen. Er würde Urias schändlichen Tod niemals vergessen. Joab raufte sich den Bart und er schlug sich an die Brust. Möge Jah mir vergeben. Möge ich hart sein in der entscheidenden Stunde.