Joab – Kapitel 39 – Die Dinge des Königshauses

Joab

Die Dinge des Königshauses

Wie alle Väter liebte Dawid ganz besonders seinen erstgeborenen Sohn. Amnon war dem Vater in vielen Dingen ähnlich und der König sprach oft mit ihm und er verwehrte ihm kaum einen Wunsch oder ein Begehren. Der Sohn der Jesreeliterin war ein lebendiger, hochgewachsener Mann geworden und er teilte die Vorlieben seines Vaters. Seine Augen erfreuten sich ebenso an der Schönheit einer Frau, seine Ohren an der Schönheit einer wohl gesetzten Melodie. Wenn er einige Kämpfe im Heer bestanden hätte und ein Stück Bitternis des Lebens kosten würde, wäre er durchaus ein geeigneter Mann, um die Nachfolge des Königs anzutreten. Dawid hatte noch nie geäußert, welchen seiner Söhne er für besonders geeignet hielt, aber seine Stirn ging am freundlichsten mit Amnon um und danach mit Absalom, seinem dritten Sohn. Absalom war geschickt im Umgang mit dem Schwert und er hatte ein schönes Gesicht. Die Lieblichkeit Ruths lebte in ihm fort und sein Vater spiegelte sich in ihm.

Joab beobachtete Dawids Umgang mit seinen Söhnen und es behagte ihm nicht. Dawid war zu nachsichtig, zu sanft und er schonte sie, wo er konnte. Wie sollte einer von ihnen die Fähigkeit erlangen, die der Sohn Isais durch harte Prüfungen seit seiner Kindheit bei den Schafen im Feld geübt hatte? Von Anfang an besaßen die fünfzehn Söhne seiner Hauptfrauen alles, was man sich nur wünschen konnte. Sie kannten seit sie etwa sieben Jahre alt waren weder Mangel noch Verlust noch Bedrängnis. Solche Männer taugten nicht zur Härte, taugten nicht zum Königtum über die eigensinnigen, versprengten Stämme Jakobs. Dawid hätte die ältesten von ihnen zumindest ins Heer einordnen müssen. Stattdessen erlaubte er gerade Amnon und Absalom Besitz und eigene Herden und Felder. Sie kümmerten sich um sich selbst und bauten ihre eigenen Häuser, bis eine passende Frau für sie gewählt würde.

Und Dawid tat gerade jetzt, wo seine erwachsen werdenden Söhne ein aufrechtes Beispiel benötigt hätten, nichts, um es ihnen zu geben. Im Gegenteil. Joab sah den König allzu oft mit seinem neuen Hauptweib scherzen und lachen. BatSchua hing mit ihrer ganzen Seele an dem Sohn Isais und der leichtherzige Enkel Ruths bevorzugte dieses Weib genauso. Er lag oft bei ihr und Joab warf, wo er nur konnte, ein sehr dunkles Auge auf das Weib. Sie hatte Angst vor ihm, dem grimmigen Obersten der Dreihundert Tausend Männer in Waffen. Er war auch der Oberste ihres Mannes Uria gewesen. Wenn sie Joab sah, sah sie den Mann, der ihren Mann getötet hatte. Wenn Joabs Auge auf sie fiel, wurde er an all seine Schuld erinnert.

Dawid hingegen lachte in die Tage hinein. Oh, er hatte furchtbar gelitten und gebetet und geweint. Nathan hatte ihn durch die Offenlegung der Schande zutiefst gedemütigt. Buße hatte Dawid getan. Er hatte gefastet und sich in Sacktuch und mit Asche auf dem Haupt im Zelt des Herrn auf den Boden gelegt. Dennoch war das Kind gestorben, das er mit BatSchua gezeugt hatte, bevor Uria im Feld durchbohrt wurde. Danach jedoch kehrte sofort die Lieblichkeit Ruths auf das Gesicht des Mannes zurück.

Das Kind ist dahin. Ich kann es nicht retten. Er tröstete mit allen Kräften sein neues, verruchtes Weib über den Verlust ihres ersten Mannes und den Verlust des Kindes hinweg. So ging sie bald wieder schwanger und brachte einen schönen, kräftigen Knaben zur Welt. Schlomo nannte ihn sein Vater. Einen Sohn des Friedens. Für ihn wollte der König Frieden schaffen an allen Grenzen des Landes Israels. Dieser Sohn sollte Frieden haben und in Frieden wachsen und gedeihen. Nathan, der zuvor den Fluch Jahs auf Dawid gesprochen hatte, redete jetzt freundlich mit dem König und er verhieß dem Kind eine große Zukunft. Die Gunst des Königs wich nicht von seinem unrechtmäßig erlangten Weib. Sie wurde allzu schnell wieder schwanger. Bei Bat-Schua schien der König Ruhe zu finden. Vielleicht hatte er auch deshalb seinen zweiten, lebenden Sohn mit ihr Schlomo genannt.

Joab zerriss es, wenn er über all das nachdachte. Dawid war schuldig geworden und ein stinkendes Gerücht kroch durch die Räume seines Palstes und hinein in die Mauern Jeruschalajims. Das Volk ahnte es und wusste es beinahe sicher, doch dem Mann war nichts nachzuweisen. Uria war anständig in der Schlacht gefallen. Und war es nicht sogar großmütig von Dawid, dessen Weib aufzunehmen und es zu trösten? Unbekümmert lachte der Sohn Isais in die kommenden, friedlichen Tage. Er aß mit seinen erwachsenen werdenden Söhnen, besuchte seine Frauen und seine hübschen Töchter. Er wiegte die neugeborenen Knaben Bat-Schuas – vier insgesamt brachte sie ihm zur Welt, so viele wie keine seiner anderen Frauen oder Nebenfrauen. Und er sang wieder mutige und fröhliche Lieder auf seine Hände hinab, die so glücklich wie nie über die Saiten der alten Hirtenzither glitten.

Das neue Lied, das der König sich nach der Sache um Uria erdacht hatte, erschütterte Joab und er weigerte sich, es zu verstehen.

 

„Oh Gnade mir Elohim,

Barme dich mir Elohim,

Wische fort meine Abwege,

Wasche ab meine Fehler,

Lösche aus meine Schuld!

 

Ich erkenne meine Abwege sehr wohl,

Ich sehe meine Schuld klar vor mir.

An dir habe ich mich vergangen,

Was dir arg ist, habe ich getan!

Dein Wort ist wahr,

Dein Richten ist eindeutig!

 

Schon meine Mutter gebar mich mit Schuld,

Gezeugt wurde ich bereits mit Sünde.

Was dir jedoch gefällt,

Ist Treue bis in die Tiefe.

Was du mir zeigst,

Ist verborgene Weisheit.

Sprenge das Bündel des Ysop über mich

Zur Reinigung von aller Schuld.

Wasche mich rein von allen Fehlern,

So weiß, als wäre ich frisch gefallener Schnee.

 

Jubel und Frohsein und Jauchzen!

Das zeige mir, den du geschlagen hast.

Bedecke meine Schuld,

Lösche sie ganz aus,

Dass dein Gesicht sie nie mehr sieht.

Mache mein Innerstes neu und rein,

Gieße einen standhaften Geist auf mich!

Entferne mich nicht von dir,

Nimm deinen Geist nicht fort.

Jubel über deine Befreiung,

Ein fester Wille in mir,

Dass ich die anderen auf Abwegen mahne und lehre,

Damit sie umwenden sich zu dir.

 

Aus der Gewalttat löse mich aus,

Mein Befreier-Gott!

Jubel meines Mundes,

wegen deiner Gerechtigkeit.

Geöffnete Lippen,

um dich zu preisen.

Es ist nicht das Schlachten, das dir gefällt,

Es ist nicht das Dargebotene, das dir gefällt.

Wäre es so, ich würde es dir alles geben!

Das rechte Schlachten ist ein zerbrochener Geist,

Das rechte Opfern ist ein zerstoßenes Herz.

Das wirst du nicht ablehnen!

 

Baue und gründe Jeruschalajim,

Der Feste Zion tue Gutes.

Hier gefällt dir Schlachten, Darbringung und ganzes Opfer.

Stiere bringt man bald zu deinem Altar.“

 

Hin und wieder spielte es der König und er lehrte es die Leviten, dass sie es bei den Opfern sangen, die sie für die Schuld eines Mannes brachten oder für die Schuld des Volkes. Joab begriff, dass ein blutiges Opfer für Jah ihm bedeuten sollte, dass die Sünde bedeckt ist vor den Augen Jahs. Das Blut des geschlachteten Tieres wusch Unreinheit und Schuld ab, so dass man sich dem Höchsten Gott nähern und ihn bitten konnte.

Doch was Dawid da sang und was er von Herzen glaubte, das wollte der Oberste nicht verstehen. Es gab Fehler, die durch Blutvergießen an einem Mann beglichen werden mussten, ansonsten würden sie immer bestehen bleiben. Joab selbst hatte einfach nur eine günstige Stellung inne. Er hatte Macht und er gehörte zu dem Sohn Isais und es hatte sich kein Verwandter des Abner gefunden, der nach Blutrache verlangt hätte. Sicher brachte auch Joab dem Herrn ein Opfer für seine Schuld und er meinte es aufrichtig.

Dawid jedoch betete etwas ganz anderes. Das Opfer war nicht wichtig. Es kam auf das Herz an, dass es sich umdrehte und erkannte, wie verkehrt es gewesen war. Und Gott würde sich erbarmen. Er würde alles unrecht vergossene Blut wegwischen. Dawid glaubte das und sein Gesicht war glatt und schön, als er es sang. Bat-Schua gehörte ihm, als hätte er für sie niemals ihren Mann beseitigen lassen. Sie war ganz sein, ohne Schuld vor Jah. Denn Er hatte vergeben. Das Leben des ersten Kindes war genommen, aber das zweite Leben aus dem Schoß der neuen Frau bereits auf ferne Zeiten gesegnet.

Doch es war Joabs Arm gewesen, der Uria in den Tod geschickt hatte. Und für Joab gab es neben dem großzügigen Opfer, das er den Priestern Abjatar und Zadok dafür überreichte, keine Gebete oder Lieder. Er hatte keine Zither. Er hatte nur das Schwert, um dem Höchsten Gott zu dienen. Für den Obersten gab es nur eine Auslösung von Blut mit Blut. Das erschien ihm gerecht.

Dawid hatte sich nun ebenso schuldig an einem Leben gemacht wie Joab. Mehr noch. Der König hatte heimlich und feige töten lassen für die Lust nach einem geringen Weib. Joab hingegen hatte als Bluträcher an Abner gehandelt. Er hatte das Leben des Sohnes des Ner für das Leben Asaëls genommen. Hierin hatte Joab das Recht bis zum Zerbrechen gebeugt, denn Abner war im Frieden gekommen und gegangen, Asaël im Krieg gefallen. Was Joab getan hatte, war falsch gewesen. Auch vor den Augen Jahs. Doch was der König getan hatte, war noch geringer. Darum begegneten sich Dawid und Joab nun wieder ganz so freundlich wie zu den Zeiten Adullams. Onkel und Neffe waren sich nahe wie lange nicht mehr. Der Oberste konnte wieder zum König reden und ihn ermahnen. Er versuchte, auf die bedenklichen Wesenszüge seiner Söhne aufmerksam zu machen, doch ein Vater ließ sich nicht gerne sagen, dass seine Kinder untauglich waren. Dawid winkte ab, widmete sich der Liebe zu Bat-Schua und machte seinen Söhnen weiter großzügige Geschenke.

Joab sollte Recht behalten mit seinen Ahnungen. Denn Amnon, sicher verschlossen und verwöhnt im Haus seines Vaters und die Lust des Königs an seinen Weibern stets vor Augen, lenkte seinen Sinn auf die Schönste der Schwestern. Es war nicht falsch, nach ihr zu verlangen, schließlich war sie die Schwester seines Bruders Absalom, nicht seine eigene. Sie war eben nur eine Halbschwester, denn sie hatte eine andere Mutter, Maacha, die Tocher des Geschuritischen Königs, mit dem Dawid in friedlichem Bund war. Hatte nicht auch Abraham in seinem Weib Sarah eine Halbschwester geheiratet? Warum sollte nicht Amnon die Tamar bekommen? Liebestoll und liebeskrank hingen seine Blicke und Gedanken an der jungfräulichen Tochter des Königs.

Als Joab sah, wie sein Vetter Jonadab, ein kluger und verschlagener Mann, der Sohn von Dawids Bruder Schamma, sich vertraulich mit dem kränklich aussehenden Amnon unterhielt, ahnte er Übles. Als dann einige Tage später, nachdem der König seinen liebsten, kranken Sohn besucht und ihn nach seinen Wünschen gefragt hatte, die Schreie Tamars gellend im Innenhof erklangen, wusste der Oberste, dass neues Unglück über den Sohn Isais beschlossen war. Mit zerrissenen Kleidern floh das Mädchen in das Haus ihres Bruders Absalom. Der Mann schwieg dazu, während Dawid tobte. Der König war außer sich und er beschimpfte seinen Sohn Amnon wie er ihn nie beschimpft hatte. Wie hatte er nur so handeln können und bei seiner Schwester liegen? Er hatte sie als Pflegerin zu sich gelockt und sie mit Gewalt gezwungen. Eine unerhörte Tat.

Nur Absalom, der Bruder Tamars, blieb ruhig. Joab kannte diese Ruhe. Er kannte sie von sich selbst. Sollte er den König warnen? Würde er auf ihn hören? Der Oberste schwieg jedoch und er ließ den Dingen ihren unheilvollen Lauf. Er verachtete den jungen Amnon für seine Schwäche und sein schändliches Handeln an der unschuldigen Frau, die noch dazu seine Schwester war. Er wollte sie nicht mehr, nachdem er sie einmal angefasst hatte. Tamar zu zwingen, mit einem Mann zu leben, der sie jetzt missachtete, war grausamer, als sie im Haus ihres Bruders zu lassen. Um sie an einen anderen Mann zu verheiraten, war ihre Stellung zu hoch. Keiner würde eine Tochter des Königs nehmen, die nicht mehr unberührt war.

Joab verstand den schweigenden, beleidigten Stolz Absaloms sehr gut. Er sah den Hass in seinen Augen, den er von sich selbst kannte. Amnon war schwach. Amnon war nicht die Bedrohung. Der Bruder Tamars war es, der finster brütete. Und Joab brütete ebenso für sich. Er wartete auf eine Gelegenheit. Die Söhne der Zeruja waren hart und sahen die Notwendigkeiten. Sollte noch irgendeiner der verwöhnten Königssöhne würdig werden für die Nachfolge, musste Furchtbares geschehen, das den Frieden des Königs störte und ihn aufweckte. Joabs Rat und Schwert hielten sich bereit. Sei mutig und sei stark, sagte er sich. Es kommt die Zeit und Gelegenheit, wo du vielleicht härter sein musst als je zuvor.