Joab
Absaloms ähnliche Tat
Dawid hatte Land bei der Höhe Hazor in Ephraim. Es war Erbe aus einem Teil seiner Familie, der sich zum Stamm der Ephraimiter zählte. Aus diesem Grunde waren viele kriegstüchtige Mannen bereits zu Zeiten Schauls auf die Seite des Isai-Sohnes gewechselt. Da für Amnon, den Ältesten Sohn, die Nachfolge als König offen stand oder zumindest der Hauptteil des Erbes bei Jeruschalajim und Bethlehem, übergab Dawid dem tüchtigen Absalom dieses Land. Er war wie sein Vater und liebte die Schafzucht. Seine Herden waren groß und er hielt bald in jedem Jahr ein großes Fest nach der Schur. Auch dieses Mal wollte der schöne, lebensdurstige Junge feiern und er bettelte seinen Vater an, die ganze Familie einladen zu dürfen.
Joab sagte nichts dazu, doch er merkte auf, als Dawid zögerte. Freundlich sprach er mit seinem liebsten Sohn. Er wolle nicht, dass ihm die zahlreichen Brüder zur Last fallen. Es war ein großer Aufwand, für die Knechte, Schafscherer und die große Schar der Söhne aller Frauen und Nebenfrauen Dawids ein Fest zu halten. Absalom antwortete ebenso freundlich. Wenigstens seinen Bruder Amnon wolle er dann einladen. Ein Fest der Versöhnung, wo doch die Geschichte um Tamar zwischen ihnen stand. Der König zögerte. Würden die beiden nicht eher in Streit geraten? Oder könnte Absalom seinen Bruder Amnon vielleicht sogar umstimmen, sich der Tamar noch einmal zuzuwenden und sie zur Frau zu nehmen? Dann wäre die Schande aus der Welt und das unglückliche Mädchen würde sich mit einem eigenen Heim und Kindern trösten, anstatt verschlossen im Haus Absaloms zu leben, wie sie es seit jenem Tag tat.
Joab schüttelte unmerklich den Kopf und auch die anderen Vertrauten des Königs schienen es für keine kluge Sache zu halten. Doch Dawid war schwach, wenn es um seine Söhne ging. Vor allem der kluge, schöne, tüchtige Absalom hatte bisher noch jeden Wunsch aus den Händen seines Vaters erfüllt bekommen. Dawid seufzte und gab sein Einverständnis. Alle Söhne sollten gehen, nicht Amnon allein. Das war weise beschlossen, doch den Hass eines Mannes konnte man schwer abmessen, selbst wenn seine Rede freundlich war und seine Augen glänzten wie die des schönen Absalom.
Joab war nicht überrascht, als einige Tage später schreiende Boten durch Jeruschalajim rannten und sich vor Dawid auf die Knie warfen. Ihre Kleider waren über der Brust zerrissen. „Absalom! Absalom! Er hat sie alle erschlagen, die Königssöhne! Alle sind sie dahin!“
Mit bleichem Gesicht erhob sich Dawid von seinem Sitz. Seine Hände packten unwillkürlich den Saum seines Ausschnittes und er riss mit einem gellenden Schrei das feste Obergewand weit auseinander. Er sank in die Knie und legte sich mit dem Gesicht voran auf den Boden. Keine Regung war zu sehen. Der König lag ausgestreckt und ohne Kraft.
Selbst den grimmigen Heerobersten, der immer geahnt hatte, dass Unheil von diesem Jungen kommen musste, bewegte es. Ihm schwindelte und er zögerte nicht, wie alle anderen der Leibwache und der Vertrauten des Königs sein eigenes Obergewand zu zerreißen. Stumm stand er da und schlug sich an die Brust. Er hatte es geahnt. Absalom war wie er selbst. Er hatte es nicht ertragen können, dass seine Schwester angetastet worden war. Seine Schwester, die er liebte und der er ein gutes Leben gewünscht hatte. Was Amnon ihr angetan hatte war beinahe so, als hätte er sie getötet, denn nie mehr würde sie ihr Haus verlassen und niemals ein Kind an ihrer Brust ernähren. Es war, als hätte es sie nie gegeben.
Wie Joab den Abner erschlagen hatte um Asaëls Willen, so hatte Absalom seinen Hass gegen alle Königssöhne gerichtet. Der Oberste verstand den Schmerz des Jungen, doch er war erschüttert vom Ausmaß seines Zornes. Tränen traten in seine Augen, die sonst nie weinten. Er litt mit seinem König. Er wollte ihn trösten, doch er hatte wie alle anderen keine Worte für dieses Unglück. Das ganze Haus an einem einzigen Tag dahin.
Da ließ sich eine Stimme hören. Einer der anderen Neffen Dawids trat vor, der Sohn seines Bruders Schamma. Joabs Augen verengten sich und sie blieben jetzt doch tränenlos. War das nicht Jonadab, der mit Amnon geflüstert hatte? War er nicht der Mann, der seine Hand ausgestreckt hatte und die Sache mit Tamar durch seinen Rat erst begünstigte? Es war so gut, als hätte er selbst die Königssöhne erschlagen. Joab hatte den Drang, den Vetter niederzustechen, doch er beherrschte sich.
„Mein Herr und mein König. Bitte glaube nicht diesen Gerüchten. Noch haben wir keine sichere Kunde aus dem Haus deines Sohnes. Es ist weit weg in Ephraim. Warum sonst hätte Absalom bitten sollen, dass man nur Amnon mit ihm schickt? Um ihn allein ging es ihm. Ja, dein Sohn Amnon ist erschlagen. So wird es sein. Doch die anderen sind entronnen. Glaube mir, sie werden zu dir zurückkehren. Nur Amnon ist dahin, denn Absalom hat ihn seit der Tat an Tamar gehasst.“
Du hinterhältiger Mann, dachte sich Joab. Doch sein Zorn beruhigte sich, als die Söhne des Königs weinend in das Haus Dawids einkehrten, ihrem Vater in die Arme fielen und ihm berichteten, was geschehen war. Viel Wein hatte es gegeben, mehr als üblich war nach der Schafschur. Die Königssöhne waren jung und durstig und sie freuten sich an der Großzügigkeit Absaloms. Sie konnten verschmerzen, dass Dawid ihn bevorzugte, solange sie ihr Teil erhielten.
Besonders dem Amnon reichte man viel des vergorenen Traubensaftes. Ja, der schöne Absalom trug ein glänzendes Gesicht. Sein langes Haar war gekämmt und geölt und er trug sein bestes Festgewand. Er trank dem älteren Bruder zu. Es war ein Fest der Versöhnung. Was zählte schon das Leben einer unbedeutenden Schwester? Wer war Tamar, wenn es noch tausend andere Frauen in Israel gab? Vergessen schien sie. Hatte nicht Absalom selbst zu ihr gesagt: „Ich weiß, dass er nach dir Ausschau gehalten hat. Er hat bei dir gelegen. Er ist doch dein Bruder. Gräme dich wegen dieser Sache nicht allzu sehr.“? So hatte er sie zum Schweigen gebracht. So hatte er selbst zwei Jahre geschwiegen. Und nun waren alle Brüder beisammen, ganz gleich, von welchem Weib sie geboren waren. Sie lachten und sie tranken.
Doch als die Nacht tief war und Absalom einen letzten Tropfen seines eigenen Weines gekostet hatte, da veränderte sich sein Gesicht. Die Schönheit darauf, die Lieblichkeit Ruths verblasste und wurde zu grauem Stein. Er hob seine Hand und winkte seinen engsten Knechten, allesamt grimmige Männer, einige davon Leute aus dem königlichen Haus seines Großvaters in Geschur. Aramäer, denen es gleichgültig war, ob sie einen Hebräer erschlugen.
„Seid stark und seid mutige Männer! Folgt meinem Befehl! Erschlagt Amnon!“, rief Absalom ihnen zu. Sie zögerten nicht. Eine Hand voll Männer zogen scharfe Klingen und es entstand ein Gedränge um den ältesten Sohn Dawids, der mit trägen und entsetzten Augen aufblickte. Er begriff kaum, was geschah, als der erste Schlag ihn traf. Nur wenige Male und lautlos schlugen sie zu. Der Tod kam schnell. Der Scheol tat seinen Mund auf und alle Brüder sahen tief hinein, trunken von Wein und erhitzt vom Fest. Sie sprangen schreiend auf. In alle Richtungen ritten sie davon und quälten ihre Maultiere voran, bis sie sich Richtung Süden vor Jeruschalajim wieder vereinten. Deshalb war das Gerücht schneller als sie gewesen.
Großes Mitleiden überkam Joab und er legte die Hand über seine Augen, um mit dem König, seinen Söhnen und den anderen zu weinen. Der Oberste wurde ausgeschickt, nach Absalom zu suchen, doch der König gab den Befehl nur halbherzig, gelähmt von der Trauer. Und auch Joab mühte sich nicht besonders. Er brachte jedoch schnell in Erfahrung, dass Absalom sofort nach der unerhörten Tat in den Norden aufgebrochen war, um im Gebiet Geschur Zuflucht zu suchen. Sein Großvater Talmai nahm ihn schweigend auf und Dawid konnte seinen Sohn dort nicht erreichen. Zu wichtig war der Friedensbund mit diesen Amoritern, die das Gebiet Israels von allen anderen Aramäergebieten sicher abtrennten.
Der König ließ ab und er widmete sich der Trauer um Amnon. Traurige, leise Lieder flossen aus seinen Händen auf die Saiten der alten Hirtenzither. Drei Jahre dauerte es, bis diese Lieder verstummten und Dawid viel mehr von Absalom als von Amnon sprach. Auch sein Weib Bat-Schua bot ihm Tröstungen durch vier Söhne, die er liebte. Ihr Ältester, Schlomo, war sein neuer Liebling. Amnon war nicht vergessen, doch der Schmerz hatte sich gelegt. War dieser Sohn nicht selbst Schuld an seinem Unglück? Hatte Absalom nicht aus Liebe zu Tamar gehandelt, geblendet von Hass, doch niemals gegen den Vater gerichtet, den er doch auch liebte? Dawid seufzte. Er sehnte sich nach dem schönen Jungen, doch er konnte nicht handeln. Oder er wusste nicht wie.
Joab war ein kluger Mann und ein Sohn der Zeruja erkannte die Gelegenheiten. Absaloms Tat war seiner eigenen so ähnlich, dass der Oberste den Zeitpunkt für günstig hielt, den Riss im Haus Dawids zu heilen und auch sich selbst zu beruhigen. Mächtespiel und Rednerei lagen ihm nicht so sehr wie eine gut ausgetragene Schlacht, aber er kannte das Herz seines Onkels und wusste, wie man es bewegen konnte. Dawid war ebenso barmherzig wie er auch unbedingt gerecht sein konnte. Es galt, je die passende Eigenschaft in ihm zu befördern.
Der nun älteste Sohn des Königs musste zurückgeholt werden, ehe noch mehr Zeit verstrich und vielleicht größeres Unglück hereinbrach. Man musste sich auch die Gerschoniter gewogen halten. Zu hart waren die Kämpfe gegen die eisernen Wagen gewesen und die Aramäer waren zahlreich ausgebreitet bis hin zu den zwei Strömen, von deren Ufern her einst Abraham selbst heraufgekommen war. Nicht auszudenken, wenn Talmai, der König Geschurs, Absaloms Großvater sich mit einigen von ihnen verbünden würde, weil Dawid seinen Sohn verstieß, dem sogar das Königtum zustand.
Joab, der hunderte Male alle Stätten in Israel durchzogen hatte, wusste um viele Dinge, die sein Herr und König nicht wissen konnte. Seine Lösung lag klar in Tekoa, wo er eine verschlagene Frau kannte, die gegen ein wenig Geld vieles tun würde, wenn sie nicht schon aus Angst vor dem Sohn der Zeruja jedes seiner Worte einhielt.

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