Joab
Absaloms Unverschämtheit
Ihr graues, langes Haar hing offen über ihre gebeugten Schultern herab. Die Strähnen waren stumpf und wirr und fielen ihr ins Gesicht, als sie auf die Knie sank und sich so weit nach vorn beugte, dass ihre Stirn die Erde berührte. Asche lag auf ihren Wangen und ihr Gewand war grob, schmutzig und dunkel. Sie musste lange in großer Not und Traurigkeit gewesen sein. „Hilf mir, oh König!“, flehte sie mit bebender Stimme.
Die Stirn des Sohnes Isais zeigte mitfühlende Sorge. Es bewegte ihn, wenn er einen Israeliten oder eine Israelitin leiden sah. Das hatte ihn erst zu einem so großen König gemacht, an dem alle Herzen hingen. „Was ist mit dir?“, fragte er sie sanft und freundlich.
Das trauernde Weib richtete sich etwas auf und sie begann mit ihrem Bericht: „Mein Herr und mein König, du siehst, ich bin eine arme Frau und in großer Trauer. Ich bin eine Witwe in Israel. Doch ehe mein Mann starb, beschenkte mich der Herr durch zwei starke Söhne. Aber als sie allein waren auf dem Feld, da gerieten sie in Streit und sie schlugen sich wie Brüder es eben manchmal tun. Wir wissen es seit Kain und Abel. Nun, es gab keinen Schlichter zwischen ihnen und der Streit wurde so heftig, dass der eine meiner Söhne den anderen niederschlug und ihn auf diese Weise tötete. Kein Zeuge war bei ihnen und doch bedrängen mich meine Nachbarn und meine Verwandten, das Versteck meines lebenden Sohnes anzuzeigen, dass sie ihn ergreifen und ihn ebenso zu Tode bringen. Aber, mein Herr und mein König, wenn das geschieht, dann bleibt mir nichts mehr und auch der Name meines Mannes wird sein, als hätte es ihn nie gegeben. Andere werden sein Erbe an sich reißen und mich ausstoßen. Was nur soll geschehen?“
Hinter einer der Zedernsäulen stand Joab und er verfolgte, was die Frau redete und wie sie sich gab. Sie machte ihre Sache sehr gut, ja beinahe zu gut. Doch ihre Worte zeigten große Wirkung auf Dawid wie er es erwatet hatte. Der König stand auf und ordnete an: „Geh zurück in dein Haus. Ich selbst werde den Befehl ausgeben wegen deiner Sache.“
Dawid war auf die Geschichte eingegangen. Jetzt musste das Weib nur noch ein geschicktes Wort der Weisheit reden, um den König auf den rechten Weg zu lenken. Die Frau erhob sich und sie pries den König Israels mit der gebotenen Freundlichkeit für die erwiesene Gunst. „Gibt es eine Schuld, ja, so liegt sie auf mir und auf dem Haus meines Vaters, doch du, König, deine Herrschaft ist unschuldig an allem, was geschehen mag!“
Dawid lächelte über ihre Ehrerbietung. Er hatte schon immer eine Schwäche dafür gehabt, wenn ihm das Volk seine Liebe entgegenbrachte. Wäre die Frau noch jünger gewesen, da war Joab sich fast sicher, der Sohn Isais hätte nicht gezögert, sie schützend in das Haus seiner Nebenfrauen aufzunehmen. Auch Abigajil, die Frau des Kalebiters, war einst eine Witwe gewesen, als er sie geheiratet hatte, um mit dem edelsten Haus Judas einen geschickten Bund zu schließen. Jetzt jedoch war der König alt geworden und er hing an Bat-Schua, als müsste er bis zu seinem Lebensende an ihr alles wiedergutmachen, was er an Uria übel gehandelt hatte. Dawid sprach noch freundlicher mit dem Weib. „Wer auch immer ein Wort gegen dich erhebt, den sende zu mir und ich will ihm bestätigen, dass in der Sache mein Wille geschieht. Keiner wird Hand an dich legen!“
Das Weib aus Tekoa nickte eifrig. „Ja, denke an den Herrn, deinen Gott, und bewahre uns vor dem Bluträcher, dass mein Sohn nicht stirbt!“
Dawid hob seine Hand und er schwor es ihr: „So wahr der Herr, unser Gott, lebendig ist, nicht ein einziges Haar soll vom Haupt deines Jungen auch nur zur Erde fallen!“
Dankbar verneigte sich die Frau vor dem König. „Mein König, ich habe noch ein Wort für dich, wenn du es hören willst.“
Joab straffte sich in seinem Versteck. Jetzt war es entscheidend, wie geschickt sich die Frau anstellte und wie treu sie die Worte nachsprechen würde, die er ihr zuvor in den Mund gelegt hatte.
„Nur zu! Rede!“, forderte Dawid sie unbefangen auf.
„Du König, hast eben jene Absichten, vor denen du mich und meinen Sohn bewahren willst! Warum handelst du so vor deinem Gott? Indem du dein Urteil gesprochen hast, hast du dich selbst schuldig gesprochen. Denn den Verstoßenen, der um Blutschuld geflohen ist, den lässt du nicht zurückkehren. Sind wir nicht alle sterblich? Der Tod kommt schnell und plötzlich, doch muss er einen Mann ereilen, wenn er fern von Gott ist? Der Herr selbst ist barmherzig und will, dass der Abtrünnige zu ihm umkehrt. Als ich beschloss, in meiner eigenen Sache zum König zu gehen, da sagte ich mir: Vielleicht hört er doch auf das Wort seiner Dienerin und handelt danach. Vielleicht retter er mich und meinen Sohn. Ja, das Wort des Königs ist Frieden für meine Seele, als würde der Engel des Herrn zu mir sprechen. Du, König, kannst das Gute und das Böse abwägen. Der Herr, Jah selbst, ist mit dir und Er segnet dich!“
Das Lächeln auf dem Gesicht des Königs erstarb. Es war fast wie zu jener Zeit, als der Prophet Nathan zu ihm gekommen war, um ihm die Geschichte des armen Mannes zu erzählen, dessen einziges Lamm von einem sehr reichen Mann geraubt und geschlachtet worden war. Damals ging es um Bat-Schua und Uria, jetzt betraf es Absalom. Joab war kein Prophet und die Frau war einfach nur klug und geschickt mit Worten so wie er selbst es nicht konnte. Gerade in einer Sache der Blutrache hatte Joab wegen Asaël kein Recht, in gerader und offener Weise zu seinem Onkel zu sprechen.
„Frau, ich will dich etwas fragen!“, sagte der König und er wurde ernst und drohend in seinem Tonfall. „Rede die Wahrheit!“ Barmherzig war der Sohn Isais, aber er ließ sich nicht spotten.
„Sprich, mein König.“, bat das Weib jetzt wieder unterwürfig und bebend, denn es war keine leichte Sache, die man ihr aufgetragen hatte.
„Es ist Joab, der dir diese Worte in den Mund gelegt hat, nicht wahr?“, fragte Dawid nachdrücklich.
Das Weib schlug sich an die Brust. „Bei deiner Seele und deinem Leben, mein Herr und mein König! Vor dir kann niemand ausweichen. Ja, es war dein Diener Joab. Er hat mir den Befehl erteilt. Er hat mir jedes dieser Worte in den Mund gelegt. Um die Sache anders aussehen zu lassen, hat er das mit mir ausgemacht.“ Die Frau gestand alles. Sie konnte ja nichts dafür. Sie musste es jetzt aussprechen und Joab hoffte darauf, dass sein Onkel die dringliche Botschaft verstanden hatte. Es war kein Wort aus den Gesichten Nathans, sondern der Rat eines nüchternen Heerobersten, der eine Notwendigkeit erkannt hatte. Joab vertraute auf den tapferen Sohn Isais, den er in den Höhlen bei Adullam bewundern gelernt hatte. Dawid würde die richtige Entscheidung treffen.
Der König winkte das Weib hinaus. Er war fertig mit ihr. „Joab!“ Er rief nach seinem Obersten und der Sohn der Zeruja trat hervor. Die Stirn seines Onkels blieb kühl, doch er gab den vernünftigen Befehl. „Ich gebe deinen Worten nach. Geh selbst nach Geschur und hole den Jungen zurück von dort. Bring ihn nach Jeruschalajim, in sein Haus. Doch hüte dich, ihn vor mich zu bringen. Ich habe ihm längst vergeben, doch dass er seinen Bruder getötet hat, wiegt schwer. Er darf nicht vor mich treten. Er wird mein Gesicht nicht sehen.“
Joab war getroffen. Der König hörte auf seinen Rat, weil er darauf hören musste, aber die Sache mit Abner stand immer noch zwischen ihnen. Dennoch verhielt sich der Oberste, wie es seinem Onkel gebührte. Immerhin war er ihm soweit entgegengekommen, Absalom zurückholen zu lassen, das hieß auch, dass Joabs eigene Blutschuld wieder ein wenig mehr verblasste. Der Sohn der Zeruja sank demütig auf seine Knie. „Der Herr, Jah, segne dich, König! Ich bin dein Knecht und ich sehe, ich stehe heute in deiner Gunst, dass du nach meinem Rat handelst.“
So bedankte sich Joab und er brach sofort auf in den Norden, um dem König von Geschur die Friedensbotschaft zu bringen und Absalom in die Stadt Jeruschalajim zurückzugeleiten. Der junge Mann kehrte unbehelligt in sein eigenes Haus zurück und er widmete sich dort seinem Weib und seinen vier Kindern. Zu seinem Vater wurde er nicht vorgelassen. So kamen zu den drei Jahren seiner Flucht noch zwei weitere Jahre in Jeruschalajim hinzu, in denen er zwar unangetastet, doch auch ohne Versöhnung mit dem Vater lebte. Sein Gesicht war schön, doch seine Miene hatte einen bitteren Zug gewonnen, den Joab nicht gutheißen konnte.
Der Oberste hatte viel gewagt, den König um diese Gunst zu bitten und mehr konnte er nicht versuchen, deshalb hörte er sich zweimal die Boten Absaloms an, die ihn bedrängten, noch einmal bei Dawid vorzusprechen, um für seinen Sohn zu bitten. Doch Joab weigerte sich. Du verlangst zu viel, mein Junge. Ich bewahrte dich davor, das Leben eines Verstoßenen zu führen und du kannst ohne die Drohung des Todes dein eigenes Haus bauen. Noch einmal bitte ich nicht für dich. Der Sohn der Zeruja blieb hart. Das Betteln des Jungen war unverschämt und es widerstrebte dem strengen Heerführer Israels, dem verwöhnten Jungen seines Onkels ebenso zu Willen zu sein wie es stets der eigene Vater getan hatte. Dawid selbst musste die Hand nach Absalom ausstrecken.
Das war nicht Joabs Angelegenheit. Er war ein alternder Mann und hatte sich um sein kleines Haus zu kümmern. Zwei Söhne, von dem der eine weit weg lebte, weil er an Aussatz erkrankt war. Der andere war noch jung und Joab würde ihm zumindest seine Felder hinterlassen, wenn schon nicht einen Namen, weil er selbst ja keinen Vater hatte, keinen Platz in Israel außer dem, den sein Onkel Dawid ihm gab. Sohn der Zeruja, Sohn der Schwester seines Herrn. Man konnte um Gunst bitten, aber man durfte es nicht überziehen.
Doch es kam der Morgen, an dem Joab vor seinem kleinen Feld stand, auf dem er Gerste hatte aussäen lassen. Nicht ein Halm stand mehr. Stattdessen stieg beißender Qualm vom Grunde auf und ließ ihm die Augen wütend tränen. Eine ganze Ernte dahin. Fassungslos blickte er darauf und beobachtete die Knechte Absaloms, wie sie dafür sorgten, dass die glimmenden Reste nicht auf das benachbarte Feld übersprangen, denn dieses gehörte dem Sohn des Königs selbst. Voller Zorn straffte sich Joab und er schritt weit aus, bis er bei Absaloms Haus war. Er grüßte den Mann nicht, sondern stieß die Tür mit Gewalt auf und trat mitten in die Kammern des unverschämten Jungen.
„Warum haben deine Knechte mein Feld in Brand gesetzt?“, schrie er außer sich.
Absalom stand ruhig da, aber seine Stimme nahm einen nahezu klagenden Tonfall an. „Zweimal hatte ich Boten zu dir geschickt, um dich auszusenden zum König, vor dem du jeden Tag stehst. Du solltest ihm sagen: Wozu bin ich aus Geschur hierher zurückgekehrt? Ich hätte dort bleiben sollen! Ich will sofort das Gesicht des Königs sehen! Oder er soll mich endlich töten, wenn er mich immer noch für schuldig hält!“
Joab beherrschte sich. Der Junge hatte Recht. Entweder vergab ihm sein Vater oder er verstieß ihn, doch es war für einen Mann schwer zu ertragen, einfach nur geduldet zu sein. Trotzdem wallte der Zorn in dem Obersten hoch auf. Absalom hätte selbst zu ihm kommen können und ihn bitten. Oder einen anderen schicken. Doch den Besitz eines Mannes anzutasten, die Nahrung seiner Familie zu vernichten, war unwürdig und so handelte kein Sohn eines Königs. Joab war ein mächtiger und reicher Mann. Das kleine Feld schmerzte ihn nicht. Einen Geringeren hätte solch eine Tat vernichten können. Wäre Absalom nicht der Spross des Königs gewesen, Joab hätte in diesem Augenblick kaum gezögert, sein Schwert zu ziehen und ihm heimzuzahlen, was er an Amnon getan hatte. Es war die zweite Dreistigkeit des verwöhnten Jungen und Joab merkte sie sich gut.
Finster beobachtete er, wie auf seine Bitte hin das Herz Dawids sich noch einmal erweichte und er allzu bereitwillig seine Arme ausbreitete und weinend den schönen Sohn, der sich vor ihm niedergeworfen hatte, an seine Brust presste. Dawid küsste Absalom innig. Vater und Sohn waren versöhnt, doch Joab blieb wachsam.
Sei hart, Sohn der Zeruja. Unheil steigt herauf. Die Sache ist noch nicht beendet.

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