Joab – Kapitel 42 – Absaloms Empörung

Joab

Absaloms Empörung

Dawid hatte viel dafür getan, dass alle Stämme, die einst aus Jakobs zwölf Söhnen hervorgegangen waren, ihren Anteil an Jeruschalajim hatten und jene Stadt mit der Lade darin als die gemeinsame Mitte betrachteten. Doch wie Schaul aus Benjamin gekommen war und dort bis zu diesem Tage die treusten und bittersten Anhänger hatte, so hielten die Mannen Judas den König fast für ihr Eigentum. In Judah war er groß geworden, in der Wüste des Südlandes hatte er Härte und Stärke erlangt und mit Hebron und Karmel die beiden wichtigsten Stätten mit den angesehensten Familien dieses Stammes zuerst an sich gebunden. Auch Jeruschalajim war überwiegend von judäischen Männern erobert worden und sie wohnten zahlreich in den neuen Mauern. Hatten auch die Söhne der Zeruja keinen Vater, so zählten sie doch zu Dawid und damit zum großen Haus Judah, das an Zahl der Männer den Ephraimiten kaum nachstand. Und auch die Ephraimiten fühlten sich eher dem König verpflichtet als die anderen Stämme.

Ein jeder Mann in Israel sah immer noch mehr nach seinem eigenen Zelt und Haus, wenn er nicht zum Krieg gerufen wurde. Es gab jedoch schwerwiegende Angelegenheiten, in denen man den Entscheid Dawids schätzte und eifrig suchte. Jeruschalajims Haupttor war vom Morgen bis zum Abend verstopft von Menschen, die aus allen Richtungen kamen, um darauf zu warten, beim König vorgelassen zu werden. Der Sohn Isais war ein Mann, dem das Anliegen eines Einzelnen nicht gleichgültig war, doch wie konnte er in derselben Weise sein Gesicht jedem der Tausenden Israels zeigen? Es war nicht möglich. Solange jeder noch immer nach sich selbst und seinem Erbteil sah, war dies keine Schwierigkeit. Noch war das Königtum in Israel jung und längst nicht so festgefügt und über allem stehend wie bei den umliegenden Völkerscharen, die von den Söhnen der Zeruja erfolgreich zurückgedrängt worden waren. Frieden auf viele Jahre hin für Dawids Lebensabend und seine Söhne, ja für den Mann, der nach ihm König sein würde, einer seiner zahlreichen Söhne.

Würde Dawid die Versöhnung mit Absalom so innig vollziehen, dass er seinen nun ältesten Jungen zum Nachfolger machte? Der schöne Mann schien es kaum erwarten zu können. Er hatte viel Besitz aus der Hand seines liebenden Vaters erhalten, Schafe und Land und ein großes Haus in Jeruschalajim. So viel brachte ihm sein zu Lebzeiten ausgeteiltes Erbe ein, dass er sich das Kriegsspiel leisten konnte. Joab beobachtete still das Gebaren des langhaarigen, hochgewachsenen Mannes mit der Lieblichkeit Ruths auf seiner Stirn und dem ernsten Zug um seine Lippen, der dort noch nicht hin gehörte. Mit Eisen beschlagene, teure Kriegswagen ließ Absalom sich fertigen und er hielt sich fünfzig treue Kriegsknechte, die ihn überall hin begleiteten. Ja, er gab sich ganz als der Sohn seines königlichen Vaters. Gerne hielt er sich am Tage vor dem Tor der Stadt auf und redete mit den Israeliten, die zu Jeruschalajim hinaufzogen.

Er küsste einige der Männer wie Brüder und behandelte sie freundlich. Er ließ nicht zu, dass sie sich vor ihm verbeugten oder gar in die Knie sanken. Absalom übte sich nun in der barmherzigen, freundlichen Weise seines Vaters und er schien ihn darin noch zu übertreffen. Dawid freute sich an seinem Jungen und noch mehr freute es ihn, als Absalom wieder einmal vor ihn trat und ihn dieses Mal nicht um etwas bat, das seine Wünsche nährte und seinen Besitz vergrößerte. Ja, der Junge war ein Mann geworden und er richtete sein Herz endlich auf die Dinge aus, die einem Sohn Jakobs, einem Sproß Israels wichtig sein mussten.

„Vier Jahre nun ist es her, seit ich nach Jeruschalajim zurückgekehrt bin, mein Vater. Lass mich nach Hebron ziehen, wo ich geboren wurde, mein Herr. Denn als ich fern von dir in Geschur weilte, da machte ich ein Versprechen. Ich schwor dem Herrn, unserem Gott, dass ich ihm opfern will, wo ich geboren bin, sollte Er mich in das Land meines Vaters zurückbringen. Und siehe, es ist so geworden. Dein Diener bin ich, so lass mich doch hinziehen und Hebron sehen und dem Herrn opfern, was ich Ihm schuldig bin.“

Dawids Augen glänzten. Ohnehin konnte er seinem Sohn nichts verwehren und diese Bitte war etwas, das sein altes Herz erfreute. „Zieh dort hin in Frieden.“, sagte er und ließ Absalom mit seinen Wagen und seinem kleinen Gefolge aus Jeruschalajim fortgehen. Er gab ihm sogar noch zweihundert von den eigenen Mannen mit. Mit seinem Jungen sollte nichts geschehen. Amnon hatte er verloren, Absalom sollte doch behütet bleiben und sein junges Leben in Frieden dem Herrn, dem Gott Israels weihen. Vielleicht wäre er einmal ein tüchtiger König oder er würde selbst das Heer anführen, während einer seiner Brüder Dawid nachfolgte. Denn der Junge schien Gefallen an den eisernen Wagen, den Pferden und dem Spiel der Waffen zu haben. Ein Mann musste sich erproben. Dawid hatte genug Gelegenheit gehabt, nun war es Zeit, Absalom loszulösen. Ja, sollte er nach Hebron ziehen. Gehörte diese Stadt nicht Dawid selbst? Hatte er nicht sieben Jahre dort als König geherrscht und war siegreich ausgezogen und wieder zurückgekehrt? Es war ein Zeichen der Freude, wenn Absalom, sein Ältester, jetzt dort Wohnung nahm. Der Enkel des Königs von Geschur sollte ruhig Macht und Kraft zeigen, dass man sich die Aramäer gewogen hielt.

Es dauerte nur wenige Tage, da lief ein Bote nach Jeruschalajim, ein verlässlicher Mann. Er berichtete Dawid eilig von den Dingen, die er nicht hatte sehen wollen. Joab und Abischai standen dabei und sie lauschten grimmig. Entschlossen fassten ihre Hände zum Griff ihrer Schwerter und ihre Blicke fielen auf den König, als der dem Boten zuhörte und sein Gesicht die Lieblichkeit verlor. Der Schatten Adullams fiel auf den König.

„Absalom hat die Männer Israels hinter sich gebracht. Sie folgen ihm, weil sie glauben, dass sie mit ihm größeren Anteil am Königtum haben als mit dir. Er hat sie beredet, Boten zu ihnen gesandt. Sogar Ahitofel ist aus seinem Haus getreten und zu ihm übergegangen! Ahitofel, dein klügster Ratgeber! Tag für Tag ziehen weitere Kriegsmannen aus ganz Israel nach Hebron, wo er sie sammelt.“

Der König stand auf und gab sofort Befehl. „Wir brechen auf. Absalom wird nach Jeruschalajim zurückkehren und von hier aus können wir nichts tun. Er wird die Stadt überrennen. Woanders müssen wir überlegen, was zu tun ist. Judah wird mir treu sein. Auf uns kommt es jetzt an. Lasst uns sofort aufbrechen! Ruft mir meine Frauen und Kinder. Nehmt eure mit euch. Wir müssen fliehen, ehe es zu spät ist!“

Joab und Abischai sammelten alle Männer aus Jeruschalajim, während der König die Angelegenheiten seines eigenen Hauses ordnete. Zehn von den älteren Nebenfrauen ließ er zurück. Ihnen würde nichts geschehen. Sie waren zu unwichtig und sie sollten nur das Haus bestellen, bis ihr Herr zurückkehrte. Doch die Hauptfrauen und alle Söhne und Töchter nahmen sie mit. Sollte Absalom sich wirklich so hoch erheben, würde er nicht zögern, das ganze Haus Dawids zu vernichten. Hatte er nicht seinen Bruder Amnon getötet um das Leiden eines Weibes willen? Was erst würde er jetzt tun, wenn er Gelegenheit hatte?

Hinaus! Hinaus aus Jeruschalajim!

Mit festen Schritten und auf brüllenden Mauleseln, die unter ihren Lasten zitterten, zogen sie hinunter von der Anhöhe, wo das Zelt des Herrn und das Haus des Königs waren. Die Priester Abjatar und Zadok zögerten nicht, einige der Leviten anzuweisen, die Lade mit den Stangen aufzuheben und dem abziehenden Volk voranzutragen. Wenn der König fliehen musste, so sollte auch Jah mit ihm fliehen aus der Stadt. Kein Segen für einen Sohn, der sich gegen seinen eigenen Vater empörte. Es war ein Gräuel. Es war eines der Gebote, die auf den uralten Tafeln im Inneren der Lade standen. Und Absalom brach es.

Hinaus! Hinaus aus Jeruschalajim!

Großes Weinen hörte man von den Weibern in den Seitengassen, als sie ihre Männer, Väter, Brüder vorüberziehen sahen. Doch ihr Heulen wurde jäh unterbrochen und übertönt, als plötzlich alle Kreter und Pleter, die Inselmenschen, die aus den Philistern zu Dawid übergegangen waren, zum Troß des König stießen. Ein Mann nach dem anderen zog an Dawid vorbei. Auch ein neuer Krieger aus Gat, dem Sechs Hundert grimmige, mit Eisen hart bewaffnete Gatiter folgten, warf sich vor Dawid nieder. „Wir ziehen mit dir!“

Joab betrachtete den Mann. Er hatte nicht viel übrig für die unbeschnittenen Philister, die ihm und allen anderen in der Jugend das Leben hart und schwer gemacht hatten. Auch der König zögerte. „Es ist, als wärest du gestern erst aus Gat hierher gezogen. Schau, ich schätze deine Dienste, doch du bist ein Fremder, bist Gast. Gerade hast du Ruhe gefunden in deiner Verbannung, du und deine Männer, und jetzt soll ich euch aufscheuchen? Kehre um und bleibe bei dem neuen König. Du bist mir zu nichts verpflichtet. Mein Weg ist nicht dein Weg. Führe deine Brüder mit dir fort und lass mich allein ziehen. Die Güte Jahs sei mit dir!“

Ittai, der sture Gatiter, dessen eigener König ihn so schmählich verstoßen hatte, schüttelte das Haupt und er schwor Dawid, der ihn so freundlich aufgenommen hatte: „So wahr der Herr, der Gott Isreals, lebendig ist und so wahr du, mein Herr und mein König, lebst! An jedem Ort, wo du sein wirst, werde auch ich sein. Ob es Tod oder Leben bedeutet, ist mir gleich. Ich bleibe!“ Er hatte bei dem Heiligen Israels geschworen und das konnte man nicht unbeachtet lassen.

Ja, der Sohn Isais wusste immer noch, wie er sich Freunde machen konnte. Dafür bewunderte Joab ihn und er bewunderte auch die Aufrichtigkeit des Gatiters. Wenn er schon nicht zum Volk Jahs gehörte, so war er doch zum Zelt des Herrn geflohen und erwies sich jetzt als treu. Anerkennend nickten sich die Söhne der Zeruja zu. Das war ein guter Mann. Sie würden ihn noch brauchen können in den kommenden Tagen. „Zieh vorüber mit deinen Männern!“, befahl Dawid.

Hinaus! Hinaus, aus Jeruschalajim!

Und so schlossen sich die Judäer, die in Jeruschalajim weilten, die Kreter und Pleter unter Benaja, die Sechs Hundert Gatiter unter Ittai und einige Heerhaufen aus dem Umland dem König an, als er aus der Stadt hinabzog, ins Tal ging und den Bachlauf des Kindron, wo man allen Unrat entsorgte, überschritt. Klagend und weinend zogen die Weiber mit ihnen und sie zogen in den Hain hinauf, wo die Ölbäume traurige Schatten auf sie warfen. Auf einer Anhöhe opferten Abjatar und Zadok vor der abgesetzten Lade des Höchsten Gottes. Sie schlachteten ein Tier nach dem anderen und der Rauch der ganzen Brandopfer stieg weit über die Wipfel der Bäume hinauf und verdunkelte die Sonne über Jeschurun. Die Priester und Leviten hörten nicht auf zu opfern, zu beten und zu singen, bis jeder Einzelne des Kriegsvolkes über den Bach zu ihnen hinaufgezogen war, damit sie sie alle segnen konnten wie es einst Mosche seinem Bruder Aaron geboten hatte:

„Jah möge euch segnen und euch bewahren,

Licht Seines Angesichts zu euch und Seine Gunst,

Sein Angesicht über euch und Er schaffe euch Frieden!“

Joab schlug seine Hand auf die Brust. Ja, Frieden für alle Söhne Israels. Oh, hätte er doch nur nicht so klug für Absalom gebeten! Er war kein Prophet, er war ein Kriegsmann. Besser ein Krieg mit Tausenden Aramäern, gegen die der Heilige Israels gewiss aufgestanden wäre, als ein Töten zwischen Brüdern. Wie bei Adullam war es auch jetzt, weil sie Absalom geschont hatten, weil Joab Mitleiden gehabt hatte, weil Dawid seinen Sohn liebte. Sei hart, Sohn der Zeruja. Dieses Mal wird der Junge mit seiner Unverschämtheit nicht entkommen!

Dawid schickte die Priester mit der Lade zurück. Er wollte den Thron Gottes nicht rauben. Er warf sein Leben in die Waagschale. „Wenn Jah mir Seine Gunst erweist, dann wird Er mich zu seinem Angesicht zurückbringen! Ihr und eure Söhne, kehrt zurück. Das Beste, was ihr tun könnt. Seid in Jeruschalajim und sendet mir Nachricht durch eure Söhne.“

Wie alle anderen hatte Joab mit dem Tuch sein Gesicht bedeckt und er stieg mit Dawid weiter hinauf, wo ein alter Altar aus unbehauenen Steinen ruhte, bei dem man einst den Herrn angerufen hatte, als die Lade noch nicht für alle erreichbar in Jeruschalajim, im Herzen der zwölf Stämme, ruhte. Barfuß standen sie und weinten.

Ein Bote bestätigte Dawid, dass Ahitofel tatsächlich mit seinem Sohn Absalom war. „Herr, mein Gott, vernichte den Rat Ahitofels und verkehre ihn in große Torheit!“, schrie der König verzweifelt. Ein anderer Mann hetzte auf seinem Maultier die Anhöhe hinauf. Es war Huschai, ein weiterer Ratgeber des Königs, den Dawid sehr schätzte. Er nannte den Mann seinen Freund und wie ein Freund zeigte er sich auch. In Trauer hatte er das Kleid zerrissen und sich mit Erde und Asche beworfen.

Plötzlich schien das Licht der Klugheit auf dem sorgenvollen Gesicht Dawids auf. Du bist die Erhörung meiner Bitte, du kennst Ahitofel! Er schickte den Mann nach Jeruschalajim. Dort sollte er sich verstellen und Absalom dienen. Jedes Wort aus dem Mund seines Sohnes und seiner neuen Berater würde über die Priestersöhne Ahimaaz und Jonathan in die Wüste Judahs eindringen und zu Dawids Ohren kommen. Hart war der König und es war ein hochmütiges Unterfangen, gegen einen solchen Kriegsmann aufzustehen. War Absalom denn wirklich so bitter und blind? Joab beschloss bei sich, dass der Mann sterben musste, ehe Dawid noch einmal in Versuchung kam, sich mit ihm auszusöhnen.

Den Brudermord hatte Joab ihm nachsehen können, war er doch seiner eigenen Tat um Asaëls Willen so ähnlich gewesen. Doch Joab hatte das Herz des Jungen mit dem schönen Gesicht verkannt. Versöhnung und Treue bedeuteten Absalom nichts, wo sie für Joab alles waren. Um der Versöhnung Willen hatte er ja den Absalom zurückgeholt, weil er sich selbst in ihm gesehen hatte. Jetzt blieb nur noch Verachtung übrig. Verrat, Verrat am eigenen Vater, am großen Haus Isais, am König, den Schmuel gesalbt hatte! Dawid hatte nicht einmal gewagt den verdrehten, verwirrten Schaul zu töten, weil er mit dem heiligen Öl dem Herrn geweiht war. Absalom würde es wagen, wie er es gegen Amnon gewagt hatte.

Als Joabs Gerstenfeld gebrannt hatte, hätte der Oberste bereits erkennen müssen, dass der Sohn des Königs ganz verdorben war. Dennoch beherrschte er sich und bat ein zweites Mal für ihn bei Dawid. Grimmig blickte der König seine Neffen Joab und Abischai an. Schlecht habt ihr mir geraten, ihr Söhne der Zeruja.

Ein weiteres Mal würde Joabs Klinge wohl nicht stillhalten, sollte Absalom ihm allein begegnen.