Joab
Ungeduld
Von der Anhöhe aus beobachteten sie, wie der junge Absalom mit seinem recht großen Gefolge in das Tor Jeruschalajims einzog. Sie hatten Huschai ein neues Gewand gegeben und ihn mitten in diese Schar geschickt. Mit traurigem Blick hob der König die Hand und Joab und Abischai gaben den Befehl zum Abzug. Sie mussten so schnell es ging, aus der Sichtweite der Stadt entkommen, ehe Absalom auf den Gedanken kam, ihnen hinterherzujagen. Hoffentlich konnte Huschai den blinden Knaben bereden und Ahitofel zur Seite drängen. Sie mussten jetzt auf die Ränke der wenigen, in der Stadt verbliebenen Getreuen setzen.
Von den Flanken des Berges stiegen sie eilig herab in die Ebene, die bereits den Benjaminitern gehörte. Einst waren sie vom Norden in den Süden geflohen, um in den Höhlen Adullams auszuharren, jetzt flohen sie in umgekehrter Richtung, ehe sie wieder den Bogen schlagen konnten, um den Schutz der Wüste Judahs zu suchen. Zuerst erwies es sich als hilfreich, das Gebiet der Brüder Schauls zu streifen. Auf einem Maulesel, von zahlreichen Knechten mit weiteren, schwer beladenen Mauleseln begleitet, ritt ihnen ein wohlbekannter Mann entgegen. Es war Ziba, einer der letzten Knechte des Königs Schaul, der jetzt die Felder und Herden des verbliebenen Erben dieser einst großen und stolzen Familie verwaltete. Einzig der an beiden Füßen verkrüppelte Mefi-Boschet, ein Sohn des liebsten Freundes Jonathan, hatte die Auslöschung seiner Sippe überdauert und Dawid erfüllte das Versprechen, das er einst seinem Freund gegeben hatte und erwies dem Elenden große Gunst. Er durfte jederzeit vor den König kommen, an seinem Tisch essen und alles, was Ziba mit seinen Söhnen erarbeitete, gehörte dem Spross Jonathans. Mefi-Boschet selbst schleppte sich auf verwachsenen Füßen mühsam dahin, aber er war ein reicher Mann ohne Sorge. Deshalb freute sich Dawid, als er den Knecht sah. Sicher eine Gabe der Treue. Seine erwiesene Freundschaft wurde in großer Not zurückgezahlt.
Doch ein enttäuschter Schatten legte sich auf die Züge des Königs, als er hörte, dass Ziba von sich aus gekommen war, während Mefi-Boschet in Jeruschalajim auf Absalom wartete, in der Hoffnung, von dem abtrünnigen Spross des Isai-Sohnes wieder in Macht und Herrschaft über die Benjaminiter eingesetzt zu werden.
„Zwei Hundert Brote. Hundert Kuchen von Rosinen. Hundert Teile getrocknete Früchte vom Obst des Sommers. Und ein Schlauch Wein. Für den König, der in der Wüste müde wird und für seine Knechte, die ihm beistehen.“
Verschlagen und berechnend war der Blick des Mannes, doch Dawid forschte nicht weiter nach. Er entschied sofort: „Dir und deinen Söhnen soll alles gehören, was einst Schaul gehörte! Nichts mehr für Mefi-Boschet, der mich verriet, obwohl ich ihm Gunst erwies, wo ich die Macht hatte, das Licht Benjamins ganz auszulöschen!“
Dankbar verbeugte sich der Knecht und übergab ihnen die Esel und ihre Lasten. Es war nützlich, auf diese Weise versorgt zu werden, wo sie sich jetzt nach Osten in Richtung Bahurim schlugen, um den Weg zur Wüste zu suchen, aus der Reichweite Jeruschalajims fort. Einige der entfernten Verwandten Schauls wohnten an diesem Ort. Auch seine Tochter Michal hatte der verworfene König einst dort an einen Mann gegeben, um seinen Schwiegersohn Dawid zu kränken. Joab hatte gewusst, dass es Folgen haben könnte, wenn sein Onkel auf den Besitz dieses Weibes bestand und es zurückholte, dennoch überraschte ihn die Heftigkeit und Unverschämtheit des Ausbruchs, den sich ein Mann mit Namen Schimi an diesem Ort herausnahm.
Der Benjaminiter stürmte aus seinem Haus und er kratzte mit vollen Händen den Staub vom Boden. Schreiend und fluchend warf er die Brocken nach Dawid und auf die Leibwache, die ihm umgab. Er nahm sogar Steine auf und schleuderte sie zielgerichtet auf den fliehenden König. Wie kam dieser Mann dazu, wo doch die dreißig bewaffneten Helden Dawids bei ihm waren? Er allein gegen die grimmigsten Mannen Israels! Fassungslos sah Joab zu dem Schreienden auf. Sein Bruder Abischai knurrte, als ihn ein Dreckklumpen an der Stirn traf. Verärgert wischte er ihn weg und sah zu seinem König hinüber. Joab legte dem Bruder eine Hand auf den Arm. Halte dich zurück. Sein Schmerz ist groß und er schätzt unseren Rat gerade wenig.
„Fluch dir, Sohn Isais! Hinaus, hinaus aus Jeruschalajim und aus deinem Erbe! Hinaus mit dir, du gesetzloser Verächter! Schuldig bist du am Blut des Hauses Schaul! Überliefert hast du sie, seine Söhne! An die Stelle des Gesalbten hast du dich gedrängt! Endlich sucht der Herr deine Blutschuld an dir heim! Alles fällt auf dich zurück! Jetzt ist dir die Herrschaft aus der Hand genommen wie du sie einst Schaul geraubt hast! Dein eigener Sohn Absalom drängt dich von deiner Stelle, wie du es verdienst, du Blutrünstiger! Dein Unglück geschieht dir zu Recht, du Mörder!“ So schrie der Benjaminit Schimi in einem fort und er hörte nicht auf, mit Schmutz und großen Steinen zu werfen, dass die Leibwache den König besonders schützen musste.
Abischai konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er packte Dawid und fragte ihn zornig: „Sag, soll dieser unwürdige Hund, soll diese Totgeburt dir weiter fluchen, mein Herr und König! Er sollte dir nicht einfach so fluchen dürfen! Lass mich zu ihm laufen und ihm den Kopf abschlagen!“
Abischai hatte die Hand bereits am Schwertgriff, doch Dawid sah ihn hart an, noch härter als damals in der Höhle bei Adullam, als Abischai ihn dazu drängen wollte, den Schaul niederträchtig und heimlich zu durchbohren, um die Sache zu beschleunigen. Joab stimmte seinem Bruder zu, doch er verstand auch den König. Es war nicht an der Zeit, sich mit einem Hund wie diesem aufzuhalten, wenn ein ganzes Heer bei Jeruschalajim ihnen drohte. Doch die Worte des Königs stachen ihm ins Herz.
„Was habe ich überhaupt noch gemein mit euch, ihr Söhne Zerujas!“, stieß Dawid bitter hervor. „Soll er doch fluchen! Seht doch, mein eigener Sohn, Blut von meinem Blut und Bein von meinem Bein, ist gegen mich! Warum nicht auch dieser Benjaminiter aus Schauls Familie? Lasst ihn. Vielleicht ist es gerecht und der Herr selbst hat ihm Gelegenheit und Wort dazu gegeben. Wer soll ihn jetzt zurechtweisen, wenn schon Absalom gegen mich aufgestanden ist? Wenn der Fluch nicht gerecht ist, wird Jah ihn abwenden. Lasst uns weiterziehen!“
So jagten sie fort und trieben die Lasttiere voran. Dass sie Frauen und kleinere Kinder mit sich führten, verlangsamte ihren Marsch und sie mussten sich in der Ebene am westlichen Ufer des Jordan niederlassen. Zu erschöpft waren sogar die grimmigsten und jüngsten der Krieger. Mit tiefen Zügen tranken Mensch und Tier vom Lauf des Jordan und sie teilten von dem Brot Zibas aus. Diese Gaben und was sie in der Eile aus Jeruschalajim hatten mit sich führen können, genügte, um den Magen zu beruhigen und im Wechsel einen kurzen Schlummer auf der kahlen Erde zu halten.
Sie lagerten ungeordnet an der Furt, die einst ihr Stammvater Jakob benutzt hatte, um mit seinen zwölf Söhnen und seinen vier Frauen den Fluss zu überqueren und seinem Bruder Esau zu begegnen, zum Guten oder zum Bösen. Gegenüber lag also Mahanajim, wo der Vater ganz Israels in jenen fernen Tagen die Heerscharen Jahs erblicken durfte, wie es die Priester lehrten.
Joab nahm es als ein gutes Zeichen. Sie würden übersetzen und in das Heerlager ihres Gottes eintreten. Jah selbst würde für ihre gerechte Sache streiten wie er es immer getan hatte. Noch nie hatte Dawid eine größere oder dauerhafte Niderlage erlitten. Ja, selbst bei Rabba, das jenseits von Mahanajim lag, als Joab und sein Bruder zwischen die mächtigen Heere der Amoriter und der Ammoniter geraten waren, hatten sie blutig gesiegt. Was war da Absalom, der freche Junge, gegen all das, was der Spross Isais und was die Söhne Zerujas erlebt und überdauert hatten?
Zuversichtlich sahen sie den beiden atemlosen Priestersöhnen Ahimaaz und Jonathan entgegen. Nachdem sie ihnen Wasser gegeben hatten, ließ Dawid sie berichten. Die beiden wechselten sich in ihrer Rede ab und verkündeten, was geschehen würde.
„Geht so schnell wie nur möglich über das Wasser und sammelt euch, solange noch Zeit ist!“
„Ja, denn Ahitofel hat geraten, euch sofort zu verfolgen und euch noch vor dem Fluss zu schlagen, wenn ihr erschöpft von der Flucht seid und ohne Versorgung. Ahitofel selbst bat deinen Sohn Absalom um Zwölf Tausend Mann, um dir nachzujagen. Er wollte eure Müdigkeit und den Schrecken nutzen, dass das Volk von dir flieht und wieder Schutz in Jeruschalajim sucht. So würde er die Herrschaft ganz an sich bringen. Er sprach sogar davon, dich mit eigener Hand zu erschlagen, König!“, erklärte Ahimaaz hektisch.
Jonatan fiel gleich ein und setzte fort. „Doch unerfahren ist dein Sohn, König. Er wollte auch Huschai befragen, weil er dein Freund ist und sich nun doch zu ihm hält. Er wollte einen Mann befragen, der seinen Vater kennt. Und Huschai hat ihm gegen dich raten müssen. Er konnte jedoch Zeit für euch gewinnen, dass ihr über das Wasser kommt und Kräfte sammelt. Er riet zu warten. Er begründete die Vorsicht damit, dass du, König, und dass die Männer bei dir, erfahrene und entschlossener Krieger seid. Er verglich euch mit einer wilden Bärin, der man die Jungen geraubt hat.“
Joab und Abischai grinsten sich an. Huschai hatte Recht. Wie eine Bärin, wie ein Löwe würden sie Absalom zerfetzen, wenn er es wagte, gegen sie zu schlagen. Joab dachte an den Löwen, den Asaël im Lauf erschlagen hatte und sein Herz wurde wehmütig. War es das Alter, das ihn zwar später als den Onkel, aber doch unverkennbar einholte? Er beherrschte sich und lauschte dem weiteren Bericht der beiden Priestersöhne, die den Häschern Absaloms so klug und tapfer entkommen waren.
„Huschai riet deinem Sohn, ganz Israel zu versammeln, um gegen dich zu ziehen. Er wird es auch tun, doch er wird ungeduldig sein und nicht allzu lange warten. Zudem hat er Amasa zu seinem Obersten gemacht. Und, vergebt mir, ihr Söhne Zerujas, doch er ist ebenso hart wie ihr. Auch er ist aus demselben Haus.“
Joabs Zorn stieg lodernd auf. Amasa. Der Schwestersohn, ja beinahe sein Bruder! Der Spross von Abigal, der Schwester Zerujas. Er hatte genauso Anteil am Haus Dawids. Wie konnte er seinen Onkel nur auf diese Weise verraten? Doch Joab hütete sich, den Mund zu öffnen und dieses Mal schlug er Abischai hart auf die Schulter, um ihn zum Schweigen zu zwingen. Beide sahen sich finster an. Der Mann war für sie des Todes. Dawid winkte den Priestersöhnen, fortzufahren.
„Ja, Huschai hat geraten, dich zu stellen bei einer festen Stätte, um dich zu belagern und zu zermürben. Doch wie lange Absalom wartet, ist unmöglich zu sagen, denn er will die Herrschaft und man hat uns aus Jeruschalajim fortgehen sehen. Also flieht weiter und nutzt das Wasser, um es zwischen euch und ihn zu bringen. Am Westufer werdet ihr sicher Hilfe finden und Verbündete.“
Der König zögerte nicht. Sie hatten sich genügend erholt und eine Flussquerung für einige Tausend Mannen und das mitgeführte Volk brauchte viel Zeit. Sie mussten tatsächlich eine Stadt erreichen, in deren Mauern die Kinder und Frauen sicher waren. Sie brauchten ein weites Feld, um die Männer zu mustern, sie in Heerhaufen zu teilen und auf die Schlacht vorzubereiten. Denn eine Schlacht würde es ohne Zweifel geben. Bruder gegen Bruder. Selbst den harten Söhnen Zerujas wurde es bang, als sie durch die ziehende Strömung wateten und im Morgengrauen Mahanajim vor sich sahen, wo Jakob und die ungezählten Engel Jahs gelagert hatten. Würden auch mit ihnen die Engel lagern oder blieben die Heere Absaloms und Dawids sich selbst überlassen?
Es musste doch Gott ein Gräuel sein, dass der Sohn gegen den eigenen Vater aufstand. Joab verachtete den Jungen immer tiefer und er verachtete seinen Vetter Amasa, der ihm auch noch beistand, anstatt sich seinem rechtmäßigen König und Onkel unterzuordnen und ihm zu dienen für all das Gute, das ihm erwiesen worden war. Amasa war ebenso wie Joab und Abischai ein Bastard ohne Abstammung. Einen Namen hatte er nur durch den jüngsten Sohn Isais, der ihn zu seiner Familie zählte. Grimmig schärfte Joab seine Klinge.
Ja, selbst die Ammoniter hatten mehr Ehre! Sie erwiesen sich als dankbar und treu, sandten Geschenke aus Rabba. Ja, Dawid hatte ihren König getötet und Ammon hart gestraft, aber sie waren nie grausam zu seinem Volk gewesen. Mit Dawid, dem Mann, der die Lieblichkeit Ruths, seiner Moabitischen Urgroßmutter, immer noch auf den Zügen trug, wusste man umzugehen. Was ein Sohn, der den eigenen Vater ausstieß, mit ihnen tun würde, konnte man nicht voraussehen. So schaffte Schobi aus Rabba, ein großer und angesehener Mann seiner Stadt, Decken und Zelte und Vorräte heran, um die Mannen Dawids in der Wüstenei zu versorgen. Ja, müde seid ihr und hungrig von eurem Weg. Das Volk muss sich nähren und Schutz suchen und die Krieger müssen Kraft gewinnen an diesem Morgen, der blutig herauf dämmert.

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