Joab
Absaloms Auslöschung
„Jah, mein Gott!
Eine Unzahl bedrängt mich,
Eine Vielzahl steht gegen mich.
So sprechen sie über mein Leben:
Kein Entrinnen für ihn durch Gott!
Jah, mein Gott,
Bist ein Schild von allen Seiten,
Bist meine Ehre und hebst meinen Kopf!
Ich rufe zu Jah, meinem Gott,
Er antwortet mir vom Berg des Heiligtums her.
Ich liege und schlafe und stehe auf,
Alles durch dich, Jah, mein Gott!
Und so fürchte ich nicht
Unzahl an Kriegern von allen Seiten.
Jah, mein Gott,
Steh auf!
Jah, mein Gott,
Rette mich!
Einst schlugst du auf den Kiefer aller meiner Feinde,
Einst brachst du all die Zähne der Ruchlosen aus!
Jah, mein Gott,
Bei dir ist Entrinnen und Rettung.
Dein Segen komme herab auf dein Volk!“
Jetzt sang der König mit bebender Stimme wie er es jedesmal vor einer entscheidenden Schlacht getan hatte. Wieder hatte Dawid nicht nur das alte Schwert des Riesen mit sich geführt, sondern auch die Saiten, die er als Junge bei den Schafen spielte. Joab erinnerte sich daran, als sein Onkel im Eingang der Höhlen Adullams gesessen hatte und über die Vertreibung durch Schaul klagte. Auch damals war er schnell wieder zu Festigkeit gekommen und entschlossen gewesen. Joab hatte sich geschworen, bei diesem König zu bleiben, der damals noch gar kein König war. Auf immer verbunden mit dem Geschick des jüngsten Isai-Sprosses! Auch Abischai hatte es geschworen und Asaël war trotz seiner Jugend genauso grimmig mit ihnen gewesen.
Sie wurden alt, die Söhne der Zeruja, doch längst nicht so alt wie der König. Er würde seinen Arm mit der Klinge des sechsfingrigen Goliaths nicht mehr so hoch heben und so hart niederschmettern wie einst. Auch wenn sein Lied davon sang und wenn sein Mut und seine Kampfeslust ungebrochen strahlten, als ein Licht und ein Schutz für ganz Israel. Die Dreißig umrundeten ihren König und sie redeten auf ihn ein.
„Nein, nicht du, Herr! Bleibe bei der Stadt. Decke unseren Rücken und stärke so die Zuversicht der Tausendschaften, die wissen, ihr König steht hinter ihnen.“
„Du bist zu einer Leuchte geworden, seit du in Jeruschalajim wohnst, oh König. Alle Augen sehen auf dich und hoffen, dass du dem Land den Frieden wiedergibst und erhältst. Die meisten folgen dir, nicht Absalom, deinem Sohn.“
„Du bist mehr wert als Zehn Tausende von uns! Du darfst nicht verloren gehen. Unser Leben gegen dein Leben! Wir lassen nicht zu, dass du heute dem Volk geraubt wirst!“
„Onkel, Bruder, Vater!“
„Bleibe bei der Stadt. Hilf uns von dort und gib deinen Männern die Schlacht in die Hand. Du bist es ja, der ihren Willen lenkt, als wärest du die Stimme Jahs. Sie bewegen ihren Arm für dich!“
Joab pflichtete ihnen bei. Der König war schon lange nicht mehr im Feld gewesen. Die letzte Schlacht hatte er gegen Rabba geschlagen und auch dieser Kampf war von seinem Neffen Joab sorgfältig vorbereitet worden, indem er zuvor den Ammonitern das Wasser abgeschnitten hatte. Nur ein Schwertstreich und es wäre Joabs Name gewesen, den man vor Dawids Namen ausgerufen hätte. Doch der Sohn der Zeruja kannte seinen Platz. In Jeruschalajim beim Opferfest sterben oder auf dem Schlachtfeld. Ein anderes Ende sehnte er sich nicht herbei. Doch der König selbst musste alt werden, seine Sache ordnen und endlich festlegen, wer ihm folgen sollte. Und dazu musste er diesen Tag überstehen.
Dawid ließ sich nur mühsam überreden, mit einer Tausendschaft junger Krieger beim Tor stehen zu bleiben. Doch er sah die Weisheit seiner erfahrenen Heerobersten ein. Musste sie einsehen. Er war alt geworden. Er war König, aber kein großer Kriegsheld mehr. Er hatte einen Namen und er hatte die Salbung durch Schmuel. Aber es waren die Männer Joab, Abischai und Ittai, die seine Schlacht ausführen würden. Der Gatiter Ittai war entschlossen und auf Blut aus. Er und seine Männer hatten gute Eisenwaffen von den Philistern mitgebracht. Seine Treue und Bereitschaft, sich einem neuen König zu ergeben, hatte den Sohn Isais beeindruckt und er sah wohl, dass dieses Verhalten auch seinen harten Neffen Joab und Abischai gefiel. Die Männer würden gut miteinander auskommen. Also teilte der König die Tausendschaften in drei Heerhaufen unter den beiden Brüdern und Ittai ein. Es war klug, mit einer dreigeteilten Kraft gegen die ungestüme Überzahl Absaloms vorzugehen.
Ehe sie auszogen, den Reihen des abtrünnigen Sohnes entgegen, der soeben den Fluss gequert hatte, wie hastige Boten verkündeten, nahm Dawid den Joab, den Abischai und den Ittai noch einmal zur Seite. Flehend und laut, so dass auch andere es hören konnten, sagte er: „Schont ihn, meinen Jungen Absalom!“
Joab sagte nichts dazu, weder Gutes noch Böses. Er nahm den Befehl hin und seine Stirn blieb hart, als sie gegen Israels Scharen zogen, die mit Absalom vom Jordan her die Ebene herauf drängten. Es waren viele, doch sie hielten sich in einem Block unter Amasa, während Dawids erfahrene Kriegsmannen unter drei Obersten beweglich blieben und über das breite Feld strömten, um von vorn und von den Seiten dreinzuschlagen.
Mahanajims Kräfte und Engelheere schienen den unterlegenen Tausendschaften Dawids beizustehen, denn es gelang Joab, Abischai und Ittai, die Einheiten Absaloms auseinanderzusprengen und ihnen über die Furt des Jabboks hinweg bis in die Wälder von Ephraim nachzujagen. Viele Männer fielen bereits im Fluss, niedergestoßen von Dawids Helden, doch die Terebinthen Ephraims schienen noch mehr Männer zu fressen. Es war schwierig, unter den Bäumen Männer zu verfolgen, doch noch schwieriger war es, zu entkommen.
Das Volk floh und am Ende des Tages sollten es Zwanzig Tausend Erschlagene sein, die man zählen würde. Ihre Zahl ahnte auch Joab und er wollte schon zum Rückzug in sein gewaltiges Horn stoßen, als einer der jungen Soldaten zu ihm gelaufen kam und sich vor ihm auf den Boden warf. „Herr, sieh es dir an, ich habe Absalom gefunden. Ich habe ihn gesehen!“
Joabs Herz wurde kalt und ruhig. „Was heißt das, Mann, dass du ihn gesehen hast?“
„Es ist unverkennbar der Sohn des Königs. Schau, jeder weiß, dass er sehr langes und schweres Haar hat. Auf der Flucht blieb er damit in den herabhängenden Zweigen einer Therebinthe hängen, dort hinten! Sein Maultier rannte unter ihm fort und er hängt nun in der Luft und kann sich nicht befreien!“
Joab knurrte verärgert. Der Mann sprach ja beinahe so, als hätte er einen wertvollen Schatz entdeckt. „Warum hast du nicht die Gelegenheit ergriffen und ihn niedergestochen?“, fragte der Sohn der Zeruja dunkel. „Dafür hätte ich selbst dir zehn Maß Silber zugemessen und einen Waffengürtel aus meinem Besitz!“
Der Mann wich erschrocken zurück und hob die Hände. „Nein, nein, selbst für tausend Maß Silber hätte ich es nicht getan! Wie könnte ich?! Meine Hand gegen den Sohn des Königs erheben! Wir alle haben gehört, was Dawid wegen seines Jungen euch befohlen hat, dir und Abischai und Ittai. Schont ihn, hat er gesagt! Wie sollte ich ihn da töten? Und dann würde es dem König bekannt werden und du würdest das Wissen darüber abstreiten.“
Elender Feigling, dachte sich Joab. Doch er beherrschte sich. „Ich verschwende meine Zeit mit dir, Mann!“, brummte er und schob ihn zur Seite. Er befahl seinen Waffenträgern, zehn Männern, die ihm selbst treu ergeben waren, mit ihm zu kommen. „Schafft mir drei spitze Stäbe her!“
Dort hing der Sohn des Königs, der sich selbst für besser hielt als der Mann, der ihn gezeugt und mit allem beschenkt hatte. Was hätte Joab dafür gegeben, einen solchen Vater mit einem solchen Namen zu haben! Und Absalom warf dieses Geschenk beiseite und nahm sich, was ihm nicht gehörte.
Schweigend reichte einer dem Obersten die drei verlangten, dünnen, angespitzten Holzstäbe. Kalt und reglos trat Joab vor Absalom. Ein drittes Mal wirst du nicht geschont werden, ganz gleich, was dein Vater sagt. Tue ich es nicht, wird es irgendwann ein anderer tun müssen, denn du wirst dich wieder und wieder auflehnen. Nacheinander stieß der grimmige Heeroberste Joab dem zappelnden, verzweifelt tobenden Absalom die Holzstäbe in die Brust. Je ein Stab für eine seiner Taten.
Der erste Stab durchbohrte sein Herz für den Brudermord. Ja, verstanden habe ich dich, Absalom, weil du deine Schwester geliebt hast, doch missverstanden habe ich deine Tat, die doch nur Eitelkeit und Stolz war. Tamar war dir gleichgültig.
Der Zweite Stab drang noch tiefer ins Herz und ließ das Blut des Verräters pulsierend hervortreten. Ein zweiter Stoß für mein Feld, von dem meine Frau und meine Knechte und die Kinder sich ernährten. Menschen, für die ich zu sorgen hatte. Mein Besitz, der Besitz eines älteren Mannes in Israel, den du nicht hättest antasten dürfen.
Ja, und ein dritter Stab brachte das Herz des Absalom fast ganz zum Stehen und er gab keinen Laut mehr. Der dritte Stoß für deinen Verrat an Dawid, dem gesalbten Sohn des Isai, der Lieblichkeit Ruths, der Krone des ganzen Volkes, Jahs auserwählter und in hundert Kämpfen erprobter König. Dein eigener Vater. Den Tod hast du dafür verdient.
Joab drehte sich zu den zehn Mannen um, die seine Tat verfolgt hatten. Er befahl ihnen: „Schlagt ihn tot!“ Und die jungen Männer zögerten nicht. Dawid liebten sie, aber Joab füchteten sie. Und ein Mann, der seine Hand gegen den eigenen Vater hob, der durfte in Israel nicht leben. Sein Name musste für immer ausgelöscht werden. So hatte es schon Mosche verfügt. So lehrten die Priester. Daran hielt sich Joab.
Das Widderhorn Joabs verkündete in brüllendem, klagendem Tonfall das Ende der Bruderkämpfe.

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