Joab – Kapitel 45 – Harte Mahnung

Joab

Harte Mahnung

Der Glanz seines Gottes, dem er vor der Lade diente und dessen Gerechtigkeit er lehrte und liebte, lag auf der Stirn des jungen Mannes. Ahimaaz, der Sohn des Priesters Zadok, war ein eifriger und tapferer Levit. Er hatte an der Seite Joabs gekämpft und sich nicht gescheut, mit dem Schwert dreinzuschlagen, ja ganz so, wie es die Leviten einst getan hatten, als ihre Brüder abtrünnig geworden waren, damals, als Mosche von den umwölkten Hängen des Sinai herabstieg und das Lager in Unordnung und Aufruhr fand. Levis Same hatte Gericht gehalten und Ahimaaz lebte in dieser Reihe fort.

Für ihn war es ein Freudentag und es war keine Frage, dass Joab und die Priester sich in der Sache mit Absalom einig fanden. Ja, es war ein Tag der Freude. Ein Tag, an dem die Brüder gelernt hatten, wie schmerzhaft es war, gegeneinander zu schlagen. Wie notwendig es war, wieder zu den eigenen Zelten zurückzukehren und den Willen des Heiligsten Israels anzuerkennen. Und der Wille Jahs war es, dass Dawid König blieb über die Tausendschaften, Zelte und Hürden Israels.

Deshalb wandte sich Ahimaaz um zu Joab, dessen Hände noch mit dem Blut Absaloms verklebt waren. Er sprach den Obersten an, von Auge zu Auge, weil er es sich erlauben durfte. Joab mochte den jungen Mann. Er hatte die Priester Abjatar und Zadok immer geachtet und für ihn waren sie unantastbar. Sie, die mit der Lade Gottes umgingen. In der Schlacht sterben oder im Dienst für den Gott Israels. Etwas Ehrenvolleres gab es nicht. Geduldig hörte Joab sich die überschwängliche Bitte des siegestrunkenen Jungen an. Es war seine erste große Schlacht gewesen. Der Oberste lächelte. So war es auch ihm und Abischai nach dem ersten Blutvergießen ergangen und so hatten sie es einst auf Asaëls Gesicht leuchten sehen.

„Ich will laufen und dem König die Botschaft der Freude bringen. Er soll hören, dass Jah ihm Recht gegeben hat und die Macht seiner Feinde zerbrochen ist!“

Joab war geneigt, dem flinken Lauf des jungen Mannes nachzugeben. Beinahe erblickte er seinen jüngsten Bruder in ihm. Doch Joab war ein erfahrener Mann. Er wusste, dass die gerechten Dinge Gottes für einen Mann und Vater manchmal nur schwer zu ertragen waren, zumal, wenn ein vertrautes, vor Freude strahlendes Gesicht sie ihm sagte. Der Oberste schüttelte den Kopf. Irgendeiner muss es ihm sagen, aber nicht du. „An diesem Tag bist du nicht der rechte Mann für eine Botschaft der Freude. Es mag ein anderer Tag kommen, an dem dein Lauf die Freudennachricht bringt. Aber nicht heute. Der Sohn des Königs ist tot. Wie könntest du da freudige Kunde überbringen?“

Ahimaaz blickte enttäuscht. Er verstand nicht. Absalom war ein übler Sohn gewesen und sein Tod hatte ihn zu Recht ereilt. Joab ergriff den dunkelhäutigen Fremdling, der ihm diente, einen Kuschiten. „Du! Melde dem König bei der Stadt, was du gesehen hast!“

Der Angesprochene beugte sich tief nieder und lief eilig davon. Viele Kuschiten waren gute Läufer und die harte Botschaft aus dem gleichgültigen Mund eines Fremdlings würde Dawid vielleicht nicht so treffen wie die übermütigen Worte des Priestersohnes.

Ahimaaz jedoch wollte nicht nachgeben. „Was auch immer geschehen mag. Ich will laufen! Dem Kuschiten hinterher!“

Joab seufzte verständnisvoll. „Mein Sohn, wozu willst du laufen? Du kannst nach der Botschaft des Kuschiten keine Freude mehr bringen.“

„Ich will laufen, ganz gleich, was ist!“, beharrte der Priestersohn.

Ach, was wusste Joab schon davon, welche Dinge im Herzen der Leviten, die Tag und Nacht bei der Lade weilten, vor sich gingen? So oder so würde der König großen Schmerz erleiden. Kein Bote der Welt würde die Nachricht, dass der eigene Sohn tot war, in Freude verwandeln oder lindern können. Joab winkte endlich ab.

„Lauf!“

Ahimaaz war wirklich schnell. Der Oberste fühlte sein Herz schneller schlagen, als er beobachtete, wie der Sohn Zadoks mitten auf der Ebene den Kuschiten überholte. Ganz wie Asaël. Wenn der Bruder doch nur leben würde. Der beste der drei Zerujasöhne. Der unschuldigste und der lebendigste. Aus Asaëls Sohn war ein tapferer Mann geworden, der in den Tausendschaften Israels zu bescheidener Größe gekommen war. Doch er hielt sich fern von den grimmigen Onkeln. Vielleicht war es besser so. Vielleicht hatte Jah das Herz des aufrichtigsten der drei Brüder bewahrt, indem er ihn so früh von der Erde genommen hatte. Wer konnte das schon wissen?

Joab kehrte in sein Zelt zurück, um auf Botschaft von der Stadt zu warten, in deren Toren Dawid die Todesnachricht erhielt. Der Oberste hatte die Krieger ruhen lassen, dass sie sich nicht völlig erschöpften. Nach und nach würde er sie entlassen. Finster brütete er vor sich hin. Wie würde der König es aufnehmen, dass sein Neffe den Absalom gerichtet hatte? Völlig entgegen seiner Wünsche und Befehle. Sei hart, Sohn der Zeruja! Fasse dich, ganz gleich, welche Botschaft, zu dir zurückkehrt.

Betroffen und mit gesenktem Haupt kehrten der Kuschit und Ahimaaz zu ihm zurück. Was hat er gesagt, der König? Wie hat er es aufgenommen?

Ahimaaz war zuerst angekommen und er hatte sich als Mann geschickter Worte gezeigt. „Es ist Friede! Jah, dein Gott, sei gelobt, der alle deine Widersacher in deine Hand ausgeliefert hat! Sieg, mein Herr und mein König!“

Und Dawid hatte vorsichtig gefragt: „Absalom, mein Junge? Was ist mit ihm?“

Und Ahimaaz war klug, die Wahrheit zu verschleiern, ehe der Kuschiter kam. „Ich sah einen großen Wirrwarr im Wald. Joab und seine Waffenknechte standen beisammen. Doch ich konnte nichts erkennen, ehe Joab mich fortschickte.“

Dawid befahl den Priestersohn an seine Seite, um den Kuschiten zu empfangen, der die Nachricht vollenden sollte. „Freudige Nachricht, mein König!“, rief der Mann schon von Weitem, ehe er sich wie Ahimaaz niederwarf und weiterredete. „Gott hat dir zu deinem Recht verholfen, gegen die Macht deiner Widersacher.“

Wieder fragte Dawid, der es schon ahnte: „Absalom, mein Junge, ist er am Leben?“

Der Kuschit antwortete forsch. „So wie ihm möge es allen ergehen, die sich deine Feinde nennen!“ Da endlich hatte der König begriffen, dass sein Sohn Tod war.

Ahimaaz berichtete Joab und er sagte ihm etwas, das den Obersten beunruhigte und in höchsten Zorn versetzte. „Sofort, nachdem der König verstanden hatte, entfernte er sich aus dem Tor, aus der Mitte aller seiner Männer. Er hat sich im Raum über dem Tor verschlossen und man hört ihn laut weinen und in einem fort klagen. Er ruft unaufhörlich: ´Absalom, mein Sohn, mein Sohn!´ Joab, das ganze Kriegsvolk hat sich entfernt! Sie sind alle beschämt. Der Sieg, den sie für den König errungen haben, der ist in seinen Augen wie eine Beleidigung.“

Joab ließ sich ein Maultier bringen und er ritt selbst zur Stadt hinüber, seinem Bruder Abischai den Befehl über das Lager lassend. Ja, er hatte Absalom getötet. Und es war die richtige Entscheidung gewesen. Wenn Dawid sich jetzt nicht wie ein König verhielt, der zu seinem Recht gekommen war, dann würde nur noch größeres Unglück für Israel heraufsteigen. Die Stunde, in der Joab seinen Onkel vor dessen eigenem, sanftem Herzen bewahren musste, war gekommen. Sei hart, Sohn der Zeruja!

Joab hörte den König bereits im Tor weinen und klagen. Durchdringend waren seine Schreie. Sie erschütterten selbst den erfahrenen, grimmigen Krieger. „Absalom, mein Sohn, mein Sohn! Mein Sohn, Absalom! Absalom! Mein Sohn!“ Joab zögerte nicht weiter. Er stieß die Tür auf und betrat den Raum. Dawid hockte dort und er hatte seinen Kopf verhüllt. Er hörte nicht auf, den Namen seines Sohnes zu rufen. Sei hart, Joab, sei hart, sonst ist alles verloren, was an diesem Tag zurückgewonnen wurde.

„Du hast heute alle deine Männer beschämt! All jene, die dir treu waren und ihr eigenes Leben hingeworfen haben, um das deine zu retten. Und das Leben deiner Söhne und deiner Töchter, das Leben deiner Frauen und deiner Nebenfrauen. Du liebst die, die dich hassen! Du verachtest die, die dich lieben! All deine Obersten, Heerführer und ergebenen Knechte bedeuten dir nichts. Ich muss erkennen: dir wäre es lieber, wir alle lägen tot auf dem Feld, aber dein Sohn Absalom ist am Leben. Das wäre dir gerade recht! Genug, jetzt steh auf, geh hinaus und begegne deinen Männern. Rede ihnen gut zu, sprich zu ihren Herzen und ermutige sie für das, was sie für dich getan haben. Ich selbst schwöre dir: Wenn du es nicht tust, dann wird nicht ein einziger Mann bei dir bleiben. Sie alle werden dich verlassen. Und dann wird ein so schlimmes Übel auf dich kommen, wie du es seit deiner Jugend nie gesehen hast.“

Dawid stand auf und er nahm das Tuch von seinem Gesicht. Joab erschrak. Der König hatte aufgehört zu weinen und zu klagen. Er sah seinen Neffen an und es war nichts mehr zu erblicken von der kühlen Zuneigung, die er sonst für Zerujas Sohn übrig gehabt hatte. Nichts mehr war zwischen Dawid und Joab. Absalom hatte alles aufgebrochen. Der König straffte sich. Er schritt an seinem Obersten vorbei, ohne ihn noch einmal anzusehen. Ja, er schaffte es, sich klaglos und mit der Lieblichkeit Ruths auf dem Gesicht in das Tor zu setzen. Schneller als die Beschämung drang nun die Nachricht an das Ohr des Volkes, dass der König im Tor saß und sich grüßen ließ an diesem Tag des Sieges.

Joab stand in der Ferne und er dachte nach. Es waren harte Worte gewesen. Ja, nahezu ungerechte Worte. Was nur hatte ihn dazu bewegt, dem König sogar zu drohen? Er hatte es fast ausgesprochen. Keiner wird mehr an dir hängen, Dawid. Mir werden sie nachfolgen und den Namen Joab rufen. Der Sohn der Zeruja hatte es nicht so gemeint, doch er hatte es für einen Augenblick gefühlt.

Er sah es an dem Blick seines Onkels. Dawid wollte ihn entfernt wissen. Ab heute musste Joab sich hüten, denn die trauernden Augen des Königs suchten bereits jetzt nach einem Mann, den er an die Stelle des Zerujasohnes setzen konnte.

Nein, Onkel. So einfach wird es dir mit mir nicht werden. Bis zum Ende bleibe ich dir, wie ich es geschworen habe. Ich bin härter als du, wie du es einst sagtest. Und nur durch mich sitzt du dort im Tor und wirst von allen geliebt und geehrt. Und auch ich habe Männer, die mir folgen und einen Bruder, der mich liebt.