Joab – Kapitel 46 – Der verräterische Vetter

Joab

Der verräterische Vetter

Der König blieb bei Mahanajim, östlich des Jordan. Dawid kehrte noch nicht nach Jeruschalajim zurück. Er wollte es nicht. Nicht auf diese einfache Weise. Stattdessen sandte er Boten aus, die zu den Priestern Abjatar und Zadok kamen und ihnen die Festlegung des Isai-Sohnes als Frage mitteilten: „Warum zögert ihr, den König zu rufen?“

Eine zweite Nachricht schickte Dawid mit der ersten. Eine Nachricht, die zunächst nur eines Mannes Ohren vernehmen sollten. Doch es war Abjatar, der diese Dinge auf Umwegen auch zu Joabs Ohren zurückkehren ließ. Der alte Priester war mit ihm, mit dem Mann, der die Schlachten Jahs geschlagen hatte. Und so erfuhr Joab von den Plänen seines Onkels, der Amasa hatte ausrichten lassen: „Du bist mein Fleisch und Blut. Ich schwöre dir, du sollst an Joabs Stelle Heeroberster sein und bleiben, wenn ich zurückkehre.“ Die Sache mit Absalom war zu viel für das Herz des Königs gewesen.

Finster brüteten Joab und Abischai über dieser Ankündigung. Es ist Amasa, der Sohn der Schwester unserer Mutter. Was können wir gegen ihn ausrichten? Joab gab Abischai einen warnenden Blick. Still. Die Gelegenheit kommt. Wie bei Abner. Lass uns hart sein. Wir Söhne der Zeruja müssen hart sein. Amasa ist nicht mehr unser Bruder und Vetter. Er ist unser Feind. Er hat ihn verraten, unseren König. Und Dawid versucht ihn wie stets mit Nachsicht und Vergebung an sich zu binden, weil er uns nicht mehr ertragen kann. Abischai ballte die Faust. Amasa muss fallen! Joab schüttelte den Kopf. Nicht durch dich, Bruder. Es ist meine Sache. Ich sorgte schon immer für dich und für Asaël und für mich. Geduld, ungestümer Bruder, unsere Stunde kommt.

Sie blieben gefasst und begleiteten ihren Onkel inmitten der Leibwache der Dreißig Helden. Doch auf dem Wege, an der Furt des Jordan, begegnete ihnen abermals der unverschämte Benjaminiter Schimi, der Dawid so schändlich geflucht hatte. Auf den Knien bettelte der Elende um sein Leben und um Vergebung: „Ich habe gesündigt! Es war verkehrt! Sprich mich nicht schuldig!“

Abischai zog sofort sein Schwert und redete zum König: „Sollte er nicht getötet werden, dafür, dass er dem Gesalbten geflucht hat?“

Und wieder, noch kälter als das erste Mal, drehte sich der Sohn Isais zu Joab und seinem jüngeren Bruder um: „Nichts habe ich mit euch gemein, ihr Söhne Zerujas! Heute werdet ihr mir zu Feinden, wenn ihr mir so etwas ratet. Es ist genug Blut in Israel vergossen worden, zwischen Brüdern. Heute soll kein Mann mehr sterben. Reichen nicht die Zwanzig Tausend? Ich bin König über die Söhne Jakobs! Was will ich mehr dazutun?“ Dawid entließ Schimi und er schwor ihm, ihn nicht zu töten. Nachdenklich blickte der König dem Mann hinterher. In dieser Sache war noch nicht das letzte Wort gefallen. Auch nicht in der Sache um Joab und Abischai. Beherrsche dich, Abischai! Sonst bringst du uns an diesem Tage noch zu Tode! Joabs Blicke warnten den Bruder und nur Joab war dazu in der Lage, seinen Bruder zu halten.

So zogen sie allesamt als Sieger in Jeruschalajim ein, doch in der Stadt des Friedens erwartete den König bereits große Unruhe. Die Ältesten aus ganz Israel und Judah hatten sich versammelt, um ihn willkommen zu heißen, doch sie hatten gestritten und wurden laut. Absaloms Tat hatte einen blutigen Riss zwischen sie gesetzt, der nicht heilen konnte. Auch das war ein Erbe, das Dawid hinterlassen würde, wenn er jetzt nicht entschlossen handelte.

Der König stand inmitten der Männer und sie riefen ihm laut zu. Einige aus Israel klagten: „Judah hat dich uns gestohlen, aus unserer Mitte fort, über den Jordan hinweg! Wir hatten keine Gelegenheit, dir beizustehen, König, und jetzt rühmen sie sich, dass sie größeren Anteil an deiner Macht haben!“

Judahs Älteste schrien zurück: „Uns steht der König näher! Er ist unser Bein und Blut und Fleisch! Was macht euch also so zornig? Der König hat uns nicht bevorzugt, uns kein Geschenk zugeteilt.“

Israels Mannen brüllten wieder: „Zehn Stämme sind wir! Zehn! Und ihr seid nur einer der Söhne Jakobs! Wir haben größeren Anteil und größeres Recht! Nicht aus Judahs Zelten kam das erste Wort! Unsere Boten waren zuerst beim König, ihn über den Jordan zurückzurufen!“

Der Streit wogte hin und her, bis ein einzelner Mann sich erhob und in ein Widderhorn stieß, dass es allen durch das Mark bis in die Seele drang. Es war ein hochgewachsener Benjaminiter. Immer noch konnten diese Männer nicht ertragen, dass man ihnen das Königtum versagt hatte. Schauls Demütigung hatte seine Brüder vergiftet. Scheba also rief laut: „So ist es also! Wir haben kein Anrecht am König! Dann, Israel, zieh fort von hier. Jeder in sein Zelt!“ Eine große Menge Volk lief ihm nach, als er aus Jeruschalajim ritt.

Dawid sah die Söhne Zerujas nicht an. Er wandte sich an Amasa, der sich sofort ergeben vor ihm niedergeworfen hatte. „Du! Ziehe sofort aus! Rufe alle Männer Judahs zusammen. Du hast drei Tage, dann bist du mit ihnen zurück bei dieser Stadt.“

Abischai grinste Joab an. Ja, Bruder, du hast Recht. Es ist seine Probe und er ist ein unerfahrener Mann. Er konnte Absalom nicht retten, wie soll er die Männer Judahs überzeugen, die seit Jahren uns, den Bastarden der Zeruja, ins Feld folgen? Warte nur ab. Und sie warteten ab. Drei Tage verstrichen und man hörte von Schebas Männern, dass sie sich vermehrten und ihr Aufstand größer wurde als der des Absalom. Kein Bote aus dem Süden kam. Amasa blieb aus. Dawid geriet in äußersten Zorn. So wütend hatte Joab ihn selten gesehen.

Er sprach nicht zu Joab, sondern wandte sich an Abischai, was ebenso war, als würde er zu dem Obersten reden, den er gerade verstoßen hatte, indem er Amasa einsetzen wollte. „Scheba wird ein größeres Übel als Absalom! Nimm die Männer Joabs und die Männer Benajas, die ganze Leibwache mit dir und jagt ihm hinterher!“

So zogen sie wie gegen Absalom von Jeruschalajim fort und ließen den König allein über seinen Saiten finster nachsinnen. Joab, Abischai, Ittai und Benaja mit den Kretern und Pletern, jene Männer, die alle Schlachten Dawids entschieden hatten und deren Härte von einem Amasa nicht übertroffen werden konnte. Lachend stellten sie fest, dass Amasa an Jeruschalajim vorbeigezogen war und vor ihnen die Ebene bei Gibeon erreicht hatte. Der Mann wollte sich in der Prüfung Dawids als besonders tapfer und entschlossen zeigen. Er war ein Verräter durch und durch. Niemals würde er dem König so treu sein wie es Joab immer gewesen war. Beherrsche dich, Abischai, ich will unseren Bruder angemessen grüßen. Abischai grinste beifällig.

Der jüngere Bruder kannte ihn. Er wusste um Joabs Gewohnheiten und um seine Art, die Klinge des Schwertes in einer viel zu weiten Scheide zu tragen. So ließ sie sich leichter ziehen und gegen den Feind richten. Joab stieg von seinem Maulesel und er ging auf Amasa zu, mit ausgebreiteten Armen. „Bruder!“ Ja, Dawid hat uns dir nachgeschickt zur Hilfe. „Geht es dir gut, Bruder?“, fragte Joab sanft. Freundlich fasste er nach seinem Vetter. Er griff ihm mit der Hand in den Bart, um ihn zu sich zu ziehen und ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. Seine Lippen berührten die Wange des Sohnes seiner Tante, wie er ihn schon oft geküsst hatte. Seinen geliebten, verhassten Verräterbruder. Amasa war erfreut von Joabs Freundlichkeit und er sah nicht, was Abischai sah und beobachtete, der dabei stand wie einst bei Abner.

Das Schwert Joabs glitt aus der Scheide, wie es das immer tat, wenn er sich nach vorne beugte. Schnell packte der Sohn der Zeruja es mit der linken Hand. Während er noch Amasas Wange mit den Lippen zärtlich berührte und dessen Kinn mit der Rechten fasste, stieß er ihm ohne Zögern die Klinge tief in den Bauch, dass sich der Leib des Vetters weit öffnete und seine Eingeweide zu Boden fielen, mitten auf den Weg. Er hatte es verdient, der Mann, der den verdorbenen Sohn dem Vater vorgezogen hatte.

Joab und Abischai ließen den toten Vetter liegen und sie richteten sofort ihren Sinn darauf aus, den Benjaminiter zu verfolgen, ehe er sich in einer Stadt verschanzen konnte. Einer der Waffenträger Joabs stieß über Amasas dampfendem Leichnam in sein Horn und er rief laut: „Wer zu Joab hält und wer für Dawid ist, der folge Joab!“

Die Männer folgten entschlossen, doch sie stauten sich auf dem Pfad, wenn sie Amasas blutigen, aufgebrochenen Leib sahen. Zu grausam war die Forderung nach Treue, die Joab damit ausdrückte. Der Mann schleifte den Toten vom Weg fort in eine Senke und bedeckte ihn mit seinem Mantel. Nichts war mehr zu sehen von Amasa, dem Mann, der wie Joab hatte sein wollen, und besser. Wer für Joab ist, der folge ihm! Jetzt war es sein Name, den sie riefen.

Sieh, Onkel, du stehst und fällst mit mir. Amasa war zu schwach und du hast dich geirrt. Ich bin dein Werkzeug und ich bleibe dir, bis deine Hand mich nicht mehr führen kann und du stirbst. Bis ich selbst sterbe. Zufrieden hielt Joab vor der Festung Bet-Maacha, in der Scheba sich mit seinen Männern eingeschlossen hatte. Es war nicht die erste Stadt, die er belagerte und sie war ein Nichts im Vergleich zu Rabba. Die Männer der Stadt verteidigten sie nur unwillig. Zu viel hatten sie schon über Joab und seine blutigen Taten gehört. Der Oberste Israels ließ die Krieger einen Wall gegen die Mauer aufschütten, aus Dreck und Geröll, dass er stetig wuchs. An anderer Stelle ließ er graben. Sie würden die Stadt von oben und unten her überrennen.

Der Oberste hatte Lust auf das Vergießen verräterischen Blutes, doch sein Verlangen danach wurde abgelenkt durch die Überraschung, als man ein Weib zu ihm führte, das aus der Stadt zu ihm kam. Ein Weib als Bote? War einzig eine Frau mutig genug, zu ihm zu reden? Nicht einer der Ältesten war hinausgekommen, um mit dem Mann des Königs zu sprechen. Joab empfing die Frau mit großer Achtung. Er konnte nicht anders. Das Herz, das zuvor noch über dem Blut von Amasa reglos wie Stein gewesen war, sank zusammen und er sah in ihr eine Mutter. Eine Frau mit Kraft, so wie Zeruja eine gewesen war.

„Bist du Joab?“, fragte das Weib geradeheraus.

„Der bin ich.“, antwortete er ihr ebenso knapp.

„Höre mich an, deine Dienerin.“, bat sie.

„Ich höre.“, sagte Joab. Und Joab hörte ihr wirklich aufmerksam zu.

„Es gab einst ein Wort über die Stadt Abel. Man sagte sich: frage nur einmal in Abel nach und schon kommst du zum Ziel. Ja, Abel lässt dir ausrichten: ich bin eine der friedlichen Städte in Israel, eine der treuen. Du aber willst mich vernichten, eine Mutter in Israel auslöschen, ein Erbteil unter den Stämmen Israels verschlingen!“

Die Rede der Frau traf Joab. Er hob die Hand und rief aus: „Nein, nein, so ist es nicht! Ich will nicht vernichten und nicht auslöschen. Mir geht es nur um einen Mann, der bei euch Zuflucht gesucht hat mit seinen Männern. Scheba, Sohn Bichris, vom Gebirge Ephraim, verwandt mit einem Zweig der Benjaminiter. Er ist gegen den König aufgestanden. Ihn liefert aus und ich ziehe sofort ab!“

Die Fau nickte. „Sein Kopf soll über die Mauer zu dir herübergeworfen werden!“

Joab glaubte dem Weib. Er hatte schon einmal Erfahrungen mit der Klugheit eines Weibes gemacht. Dadurch hatte er Absalom zurückgeholt und sich selbst beinahe völlig mit Dawid versöhnen können, ehe die Sache sich in ihr Gegenteil verkehrt hatte. Er entließ die Frau und wartete geduldig am Fuß der Mauer. Tatsächlich flog nach einigen Stunden ein blutiger Schädel über die Zinnen herab und blieb zu den Füßen des Obersten liegen. Verächtlich stieß er die Gabe der Stadt mit seiner Fußspitze an. Es war der Kopf Schebas, ohne Zweifel.

Gleichmütig stieß Joab in sein Horn. Er entließ das gesammelte Kriegsvolk und kehrte mit den Männern des Königs zurück nach Jeruschalajim, vor das Gesicht des Sohnes Isais. Dawid sagte nichts. Weder Gutes noch Böses. Er sagte nichts über Amasa. Er schwieg einfach und nahm es hin. Ja, ich werde dich nicht los, Joab, Sohn der Zeruja, das sehe ich ein. Aber meine Liebe, die hast du endgültig verloren.