Joab – Kapitel 47 – Volkszählung – Dawids Eigensinn

Joab

Volkszählung – Dawids Eigensinn

Die Zeiten von Regen und Trockenheit gingen in stetem Wechsel dahin. Über dreißig Jahre hatte Dawid seinen Sitz in Jeruschalajim und vergessen war bald die kurze Unterbrechung durch Absaloms Aufstand und die nachfolgende Unruhe zwischen Judah und den übrigen Stämmen Israels. Der König war alt geworden und er widmete sich überwiegend den Plänen für den Bau des Tempels, ein Werk und eine Aufgabe, die er seinem Nachfolger hinterlassen wollte. Welcher der vielen Söhne würde an Stelle des Vaters über die Tausendschaften Israels erhoben werden? Joab fragte sich das oft. War es vielleicht Adonija, der nächste Sohn, der älteste, nachdem Amnon und Absalom tot waren? Wie zuvor schon Absalom wurde jetzt Adonija mit Geschenken überhäuft. Der alte König konnte seine Gewohnheiten nicht ablegen.

Allerdings ging er immer noch gerne mit Bat-Schua um und er redete oft zu Schlomo, dem ersten von vier Söhnen, die ihm dieses Weib geboren hatte. Die Erziehung der vier Knaben hatte er dem Priester Zadok anvertraut. Sie sollten, anders als seine älteren Söhne der anderen Frauen und Nebenfrauen, in den Dingen Jahs unterrichtet sein. Plante Dawid etwa eine noch festere Verbindung von Königtum und Priesterschaft? Mit dem Tempel, den sein Sohn bauen sollte, als Unterpfand der sichtbaren Macht und Größe Israels?

Joab wusste es nicht genau zu sagen. Der König zog ihn seit der Tötung Absaloms und Amasas nicht mehr ins Vertrauen. Der alte Priester Abjatar war es, der dem Obersten hin und wieder einige Worte und Nachrichten überbringen ließ. Was Joab erfuhr, beunruhigte ihn und ließ ihn am Verstand des alternden Isai-Sohnes zweifeln. Doch er hielt ich ruhig und erfüllte treu seine Pflichten. Es gab nicht mehr viel zu tun für Joab und die eingeteilten Tausendschaften, die monatsweise wechselten. Ab und zu fielen noch ungeordnete Rotten von Philistern in Judah ein. Dawid zog nicht mehr mit ins Feld. Zu gefährlich war es für ihn geworden. Sein Arm war nicht mehr so straff und stark wie zu Adullams Zeiten. Joab und Abischai schlugen die Unbeschnittenen regelmäßig in demütigender Weise, es war eine müßige Beschäftigung.

So verliefen die Angelegenheiten in fester Gewohnheit und Wiederholung. Joab stärkte dem König den Rücken, während er von allen anderen Entscheidungen ausgeschlossen war. Ohnehin hatte der König alles in die Hände zuverlässiger Männer gelegt, die dafür sorgten, dass Abgaben eingingen, Fronarbeiter ihren Teil leisteten und sich die Abteilungen der Leviten und die Abteilungen der Krieger aus den einzelnen Stämmen ablösten. Die letzte Sache, in der Dawid sich von den Söhnen der Zeruja hatte beraten lassen. Jeder der Stämme gab jeden Monat des Jahres einen Teil der waffenfähigen Männer in Dienst. So erfüllten sie alle ihre Pflicht am Königshaus und keiner fühlte sich mehr betrogen um seine Ehre oder um seine Zeit für Heim und Feld.

Als Joab eines Tages gerade in seinem eigenen Haus in Jeruschalajim saß und ein wenig Ruhe genoss – denn auch er war älter geworden – erreichte ihn ein Bote, der ihm mitteilte, dass Dawid ihn sprechen wollte. Der Oberste war überrascht, doch er trat sicher und fest in den Saal der Zedernsäulen, wo sein Onkel ihn freundlich grüßte. Ohja, er war alt geworden. Sein Haar war beinahe weiß, wo Joabs nur ergraut, aber noch mit Farbe wuchs. Er rieb sich oft die kalten Hände. Sein Lebenssaft wollte ihn nicht mehr recht wärmen. Sah Joab einen Rest von milder Zuneigung in den alten Augen blitzen? Was nur wollte Dawid von ihm? Der Oberste verbeugte sich tief.

„Ich will eine Musterung aller waffenfähigen Männer Judahs und ganz Israels!“, verlangte der König.

Joab blinzelte verwirrt. Hatte er seinen Herrn und König recht verstanden? Der König befahl es ihm: „Zieh aus mit deinen Männern. Durchquere alle Gebiete, jedes Erbteil, das von den Söhnen Jakobs bewohnt wird. Nimm die genaue Zahl aller Männer auf, die ein Schwert in Händen halten können. Ich will die Zahl aller Männer wissen!“

Joab war fassungslos und er zweifelte nun ernsthaft daran, dass Dawid bei Sinnen war. Dennoch hielt er sich zurück und blieb freundlich, als er widersprach. „Der Herr, dein Gott, Jah möge hundertmal so viele Männer zu allen Männern Israels hinzufügen in der Zeit, in der du lebst und es mit eigenen Augen sehen kannst! Warum aber willst du sie alle zählen lassen? Sie gehören alle dir, sind alle deine Kriegsknechte und folgen dir. Du lädst große Schuld auf uns alle, wenn du das verlangst. Tu es nicht. Lass sie nicht zählen. Wir dürfen es nicht. Du weißt es.“

Doch Dawid sah ihn hart an. Er duldete kein Widerwort mehr von seinem Neffen, der ihn nun dreimal in seinem Leben bitter enttäuscht hatte, obwohl er niemals die Hand gegen den König selbst erhoben hatte. Gute oder böse Absichten, völlig gleich, zwischen dem Enkel Ruths und dem Sohn Zerujas war ein großes Nichts. Sie redeten hin und her, bis Joab es aufgab und seine Männer zusammenzog.

War es nicht schon einmal so gewesen, dass der König Joab einen Befehl erteilt hatte, der ihn mitschuldig machte? Bis heute drückte den Obersten die Beteiligung an Urias Tod, der die Lust Dawids bedient hatte. Dawid hatte ein Lied gesungen und ein Opfer gebracht und nun dachte er darüber nach, seinen Sohn Schlomo, entstanden aus der schändlichen Verbindung zwischen ihm und Bat-Schua, zu seinem Nachfolger zu machen. Darin war Joab das Werkzeug gewesen. Und jetzt sollte er wieder das Werkzeug einer ungeheuerlichen Tat sein. Er konnte sich nicht weigern, aber es graute ihn davor, ein Gesetz Jahs anzutasten.

Ja, Joab hatte gemordet, ein Mann des hitzigen Blutes, der er nun einmal war. Hinterhältig war es gewesen, ohne Zweifel. Das Alter machte Weitsichtig für die eigene Last, auch wenn man sie nicht offen eingestand. Joab dachte an Abner. Der war der Rachsucht des Zerujasohnes zum Opfer gefallen. Doch Joab hatte es aus Liebe zu Asaël getan. Und dann Absalom. Ihn hatte er gerichtet und jeder im Volk, ja die Priester selbst hatten ihm beigepflichtet, dass es die richtige Entscheidung gewesen war. Ein solcher Sohn durfte nicht leben. Mosche hatte es klar gelehrt. Und schließlich Amasa. Joab hatte kein Recht gehabt, ihn zu Tode zu bringen, ohne Urteil des Königs, der ihn ja begnadigt hatte. Doch Amasa war ein Verräter gewesen. Und ja, Joab hatte um seinen eigenen Stand gefüchtet. Das gab er vor sich selbst zu.

Doch nun sollte er bei klarem Verstand ein Gebot des Heiligsten brechen. Es war untersagt, das Volk zu zählen. Es brachte Fluch mit sich. Für alle.  Joab befragte den Priester Abjatar. Dann wusste er, was zu tun war. Er war nur das Werkzeug. Er führte aus. Wie bei Uria. Er würde dem König gehorsam sein, doch er würde nicht das Heiligste antasten. Levi, den Stamm, der ganz Gott gehörte, würde er nicht zählen. Niemals.

So zog Joab aus und er sah in neun Monaten alle Gebiete Israels. Jede Stadt, jede kleine Schafhürde, jedes Zelt, jede Ebene und jeden Hügel. Das wundervolle, weite Meer im Westen und die salzige Wüste im Süden. Die Klüfte der Senken des Jordan im Norden und die grünen, saftigen Flanken im Westen. Schön war das Land, das ihnen Jah gegeben hatte. Joabs Herz wurde friedlich darüber und zum ersten Mal in seinem Leben empfand er so etwas wie ein Reden Gottes in seinem Herzen. Ein Summen und ein Säuseln, ein Wehen und ein Ziehen. War es das, was die Propheten jeden Tag sahen und hörten, wenn sie ihre Hände fragend und betend zu Jah aufhoben?

Beinahe wünschte Joab, dass er statt des Schwertes den Mantel eines Prophetenjüngers tragen könnte. Wäre diese Last leichter oder schwerer gewesen? Er wusste es nicht. Er wusste nur eines, nämlich, dass alle Männer im Scheol endeten und dass der Befehl des Königs ihm einen letzten Blick geschenkt hatte auf alles, was Jah seinem Volk Israel verheißen hatte.

Joab mied auf seinem Rückweg nach Jeruschalajim auch Teile Benjamins. Er mied jenen Stamm, aus dem der ärgste Verrat aufgestiegen war. Und so kehrte er zu seinem König zurück, ohne Benjamin und Levi erfasst zu haben. Er verkündete ihm: „Acht Hundert Tausend in Judah, die das Schwert führen. Fünf Hundert Tausend in Israel.“

Dann kam der Prophet Gad und ermahnte Dawid. Dann zählte Israel Siebzig Tausend Tote in drei Tagen. Mehr als von Israel  in jeder Schlacht gefallen waren, die Joab je gesehen hatte. Ein letztes Mal hielt er zu seinem König, als der zitternd und bebend den Hügel eines Jebusiters hinaufstieg, um von dem Mann dort die Tenne und die Rinder zu kaufen. Hier hatte Dawid einen Engel stehen sehen. Joab hatte nichts dergleichen wahrgenommen, doch er glaubte an den Fluch, den er durch die Zählung des Volkes durch alle Gebiete getragen hatte. Die stinkende Pest, das Fieber hatte eine Bahn der Vernichtung gezogen und Joab war dieser Bahn vorausgelaufen. Wie die anderen bereute und betete er in Sacktuch und mit Asche auf den Wangen. Hier sterben, bei dem Herrn, dachte Joab. Oder in der Schlacht. Das sind die zwei Wege in den Scheol. Einen davon schenke mir, Jah.