Joab
Der rechte Nachfolger – Joabs Eigensinn
Immer noch nicht hatte der alte König entschieden, welcher seiner Söhne ihm auf den Thron im duftenden Zedernsaal folgen sollte. Stattdessen war er müde geworden und er stand nur noch selten auf, um unter seinen Männern zu sitzen und sein Gesicht zu zeigen. Sein Haar war wie Schnee, sein Gesicht verwittert und blass wie das Felsgestein im Süden, das unter der Sonne Jeschuruns zersprang. Seine Glieder gehorchten ihm nicht mehr, seine Finger konnten das Schwert Goliaths kaum noch greifen und ehe er sich warm genug fühlte, sein Lager zu verlassen und umherzugehen, vergingen die Stunden bis zum Mittag. Man war in großer Sorge um ihn und suchte danach, den Sohn Isais in seinem Alter zu erfreuen und zu stärken.
Seine Vertrauten und Berater kannten den König gut und sie rieten ihm zu, das zu suchen, was er immer am meisten geliebt hatte, nämlich ein junges und schönes Mädchen, zur Freude für seine Augen und um bei ihm zu liegen und ihn warm zu halten. Dieses Los traf Abischag, ein wirklich schönes und einfaches Mädchen, das im Norden Jeruschalajims, in Schunem, lebte. Der König heiratete sie, doch er rührte sie nicht an, war ohnehin zu alt dazu, die Zeit seines Sterbens war fühlbar nahe. Jeder wusste es und manch einer der Männer hatte bereits sein Auge verlangend auf die Schönheit gelegt, ob sie nicht nach dem Ableben des Königs in ein anderes Bett finden könnte. Joab scherte das alles nicht.
Der Oberste war selbst alt geworden, aber er hatte immer noch Kraft in seinen Armen und den festen Willen, seinem König treu zu sein, auch wenn er dessen Gesicht seit der Pest nicht mehr gesehen hatte. Das war mehr als drei Jahre her. Ihn beunruhigte nicht das Sterben seines Onkels, denn jeder Mann würde einmal den Weg aller Welt in den Scheol gehen. Was Joab wirklich Sorge bereitete, war, dass der König starb und sich die Tausendschaften Judahs und Israels ohne Weisung und Führung in alle Richtungen zerstreuen könnten. Jeder in sein Zelt, jeder unter seinen Weinstock und seinen Olivenbaum. Dann wäre es ein Leichtes für die Aramäer, die Ammoniter, die Moabiter, die Edomiter und die Philister, sich von den Bündnissen und Verpflichtungen mit dem Haus Isais loszumachen und die störrischen Söhne Jakobs zusammenzudrücken. Es brauchte dringend einen neuen König.
Nach der Volkszählung, durch die so spürbar der Grimm des Heiligsten Israels herabgekommen war, hatte sich Joab noch mehr dem Priester Abjatar zugewandt. Der Oberste war selbst von der Pest verschont worden, aber er fühlte sich schuldig für die neun Monate, in denen er den unsinnigen Befehl Dawids ausgeführt hatte. Man konnte sich nicht mehr auf den klaren Verstand des Isai-Sohnes verlassen. Aber Joab schätzte den klugen, alten Priester seines Onkels seit den Tagen Adullams, wo er zu ihnen geflohen war und seitdem nicht von seiner Treue und Ergebenheit abgerückt war. Joab lauschte aufmerksamer als früher auf die Weisungen des Mosche und er war sich einig mit seinem Freund Abjatar. Keiner der Söhne Bat-Schuas durfte auf dem Thron Dawids sitzen, auch wenn der König diese Frau immer noch bevorzugt behandelte, nachdem sie ihm den vierten Jungen geboren hatte und er nicht mehr bei ihr lag.
Der Mann, der am würdigsten schien und auch dem Herzen des Königs zugleich noch am nächsten, war Adonija. Joab hatte Gefallen an dem jungen Mann. Wie Absalom schaffte sich auch dieser Sohn jetzt einen Wagen, Pferde und eine würdige Leibwache von fünfzig ergebenen Männern an. Bei Absalom war es Stolz gewesen, bei Adonija war es Vorsorge und es war als ältester Sohn sein Recht, sich wie der Nachfolger seines Vaters zu verhalten. Joab und Abjatar rieten dem Sohn Dawids zu und sie versicherten ihm ihre Unterstützung. Das Priestertum und die Tausendschaften Judahs stehen hinter dir. Sie sind in unserer Hand und wir geben sie dir. Warte nur ab, dein Vater wird dich einsetzen oder er wird sterben und dann stehen wir fest an deiner Seite.
Adonija erwies sich als Mann der Tatkraft und des Willens und er wollte es besser anfangen als sein älterer Bruder Absalom. Er sandte Boten zu all seinen Brüdern, außer denen, die Bat Schua geboren hatte. Er lud auch den Priester Abjatar und den alten Joab zu seinem Fest ein. Großzügig schlachtete er von seinen Schafen und Rindern und ließ zubereiten. Fröhlich saßen sie vor Jeruschalajim beisammen und tranken sich zu. Auf den künftigen König, ein freigebiger und gesegneter Mann! Joab sah sich um. Er fand Benaja nicht und das bereitete ihm Sorge. Ohne die Kreter und Pleter, ohne die Männer Dawids wäre es schwer für Adonija, seinen Anspruch durchzusetzen. Sie mussten auf die Zeit setzen, die dem König blieb, dass sie kurz war. Joab bedauerte diese Gedanken, aber es schien ihm notwendig, so zu entscheiden. Um Israels Willen! Und dass nicht der älteste Sohn der Bat-Schua zum König werden würde! Ein Mann, der aus einer verbotenen Verbindung geboren war.
Für Joab war das Weib immer noch Urias Frau. Und wäre Dawid nicht der König gewesen und hätte er nicht so enge Verbindungen zur Priesterschaft gehabt, man hätte die Frau gesteinigt. Es war hart, so zu denken, denn in den Weisungen Mosches stand, dass auch der Mann, also Dawid selbst, des Todes wäre für diese Tat. Nun gut, möge ihnen beiden also vergeben sein, gesühnt durch großzügige Brandopfer. Doch ein Sohn aus dieser Verbindung als neuer König, das war mehr, als Joab ertragen konnte. Immer noch drückte ihn der Tod Urias mehr als der Amasas oder Abners. Mit der Unterstützung Adonijas wollte er sich eine Sühnung verschaffen, denn auch für Joab wurde die Zeit kurz. Manchmal hörte er die Stimmen flüstern, als würden sie ihn aus dem Scheol zu sich rufen. Männer, Väter, Brüder.
Der Oberste kniff seine Augen zusammen. War dieser eilende Mann nicht der Sohn des alten Priesters Abjatar? Tatsächlich kam Jonathan eilig das Kidrontal hinab auf den Brunnen En-Rogel zu, an dem die Söhne des Königs ihr Lager aufgeschlagen hatten und fröhlich miteinander waren. Adonija rief ihn freudig heran: „Komm zu uns herüber! Bist ja der Sohn Abjatars und bekannt als zuverlässiger Mann! Du hast uns sicher gute Botschaft zu bringen.“
Jonathan gelangte außer Atem bei ihnen an und er ließ seine Stirn vor Joab, seinem Vater Abjatar und Adonija trübe sinken. „Nein. Hört, es ist ernst. Unser König hat sich endlich entschlossen. Der Prophet Nathan hat ihn beredet und ermahnt. Ihm zur Seite stehen der Priester Zadok und auch Benaja! Dawid hat Bat-Schuas Sohn zum König ausrufen lassen in Jeruschalajim. Schlomo sitzt bereits auf dem Thron im Zedernsaal! Es ist alles geschehen! Nathan und Zadok haben das heilige Salböl auf sein Haupt gegossen und ihn so dem Herrn geweiht. Er ist König! Die ganze Stadt ist in Aufruhr! Sie alle lärmen und schreien und feiern ein Fest. Und Dawid selbst hat sich von seinem Lager erhoben und den Herrn angerufen und vor allen Ohren gedankt, dass Schlomo ihm zum Erben und Nachfolger von Gott selbst her gesetzt ist! Es ist geschehen. Die Vertrauten Dawids, seine ganze Leibwache, Benajas Männer, sie umringen den König und die Tausendschaften jubeln ihnen zu!“
Schweigen senkte sich auf die Versammelten. Joabs Herz wurde zu Stein. Er hatte den Willen des Königs unterschätzt. Während der Leib zerfiel, war immer noch der Funke in Isais Sohn, entschlossen zu handeln. Benaja war jünger und schneller und hatte sich im entscheidenen Augenblick an die machtvollste Stelle gerückt. Während der alte Oberste noch grübelnd bei Adonija und Abjatar hockte, standen die Söhne des Königs auf. Sie grüßten ihren Bruder stumm, setzten sich auf ihre Maultiere und ritten langsam davon. Sie fürchteten sich und wollten mit dieser Sache nichts zu schaffen haben. Keiner wollte enden wie Absalom
Meine Sache ist verloren. So erhob sich auch Anonija. Immerhin aber ist Schlomo mein Bruder und er wird mir vielleicht vergeben. Ich fliehe in das Zelt Jahs. Zum Altar. Ich bitte um Vergebung. Abjatar und Joab nickten sich zu. Lass uns gehen. Ein jeder in sein Haus. Lass uns warten, wie die Sache ausgeht. Noch sind unsere Namen groß und die Männer Israels und Judahs ehren uns.
Joab zog sich in sein eigenes Haus zurück, kurz vor Jeruschalajim. Der Sohn des Priesters Abjatar brachte ihm regelmäßig Botschaft. Schlomo hatte seinem Bruder vergeben. Von Dawid kam kein Wort über diese Sache. Er war nicht mehr König. Die Augen und Ohren richteten sich nun auf Schlomo. Und Schlomo hatte etwas getan, das Joab noch stiller werden ließ. Benaja wurde über alle Tausendschaften gesetzt. Er war der neue Oberste über das gesamte Heer.
Kein Wort von Joab. Kein Wort über Joab. Kein Wort zu Joab.
Der Sohn der Zeruja verhielt sich still und er befahl seinem Bruder Abischai, ebenso zu tun. Handle klüger als ich. Schwöre Schlomo die Treue, die ich ihm nicht schwören kann. Wenigstens einer von uns drei Brüdern soll ein Ende finden, in dem sein Name groß bleibt und ohne Schuld von Generation zu Geberation getragen wird.

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