Joab
Letzte Worte
Joab stand auf der Schwelle seines Hauses in Süden Jeruschalajims. Sein Blick fiel auf das verlassene Feld Absaloms, das neben dem seinen lag. Es war nicht einmal die Sache um Abner und Amasa. Es war Absalom, der ihn zu Fall gebracht hatte, ihn, den härtesten der Söhne Zerujas. Kurz war er in Versuchung, das vernachlässigte Feld des Erben anzuzünden, wie der Vater es einst mit seinem gemacht hatte. Doch Joab beherrschte sich. Er musste warten. Er musste stillhalten. Dann könnte er wenigstens friedlich einschlafen, hinübergleiten in den Scheol, rückblickend auf ein Leben der Siege. Größer war nie ein Bastard ohne Namen und Vater geworden.
Doch Joabs Herz wurde plötzlich wieder lebendig. Nein, das war nicht das Ende, das er wollte. In der Schlacht sterben, in der Schlacht. So hatte er es sich gewünscht. Am Ende hatte sich Joab selbst um diesen Ruhm gebracht, indem er auf Gerechtigkeit beharrt hatte und indem er sich auf seinen Verstand verlassen hatte, auf Stimmen, die ihn belehren wollten, was gut und recht war. Doch Joab war kein Prophet. Er war ein Mann des Schwertes, ein eisernes Werkzeug. Nicht mehr und nicht weniger. Und am Ende wurde ein jedes Werkzeug, das nicht mehr brauchbar war, beiseitegelegt.
Traurig schlug Joab sich ans Herz, als die Nachricht ihn erreichte, dass sein Onkel Dawid gestorben war. Er hatte ihn geliebt, seinen Onkel, der ihn, Abischai und Asaël wie Brüder behandelt hatte und sie sogar bevorzugte, indem er ihnen all seine Kämpfe in die Hand gelegt hatte. Mit dem jüngsten Sohn Isais starb auch der Name Joabs.
Doch der Sohn der Zeruja musste beinahe lächeln, als der Bote ein weiteres Mal kam und ihm verkündete, dass Schlomo seinen Bruder Adonija von Benaja hatte niederstechen lassen. Für eine bloße Unverschämtheit. Tatsächlich hatte Adonija um die letzte Frau Dawids, seine schöne Pflegerin Abischag, gebeten, um sich selbst in die Nähe des neuen Königs zu rücken und seinem Bruder Schlomo vor das Gesicht zu setzen. Er war also genauso verdorben und frech wie Absalom. Auch den großen Joab hatte das Alter also blind gemacht.
Die nächste Botschaft kam durch den alten Priester Abjatar selbst an seinem Haus vorbei. Ich muss nach Nob. Schlomo hat mich aus den Diensten an der Lade fortgeschickt, auf immer hinaus aus Jeruschalajim, bis zu meinem Tod muss ich im Haus meines Vaters ausharren. Sieh zu, was du tust, Joab. Sterben musste Abjatar nicht, denn an einen Priester Jahs legte man keine Hand und in dieser Hinsicht musste Joab den Sohn der Bat-Schua unbedingt achten. Er war besser als seine Herkunft. Schlomo war die weiseste Wahl gewesen. Die barmherzige Wahl. Joab hatte nie etwas für Erbarmen übrig gehabt. Er hatte es immer als eine Schwäche seines Onkels gesehen.
Da erreichten ihn die letzten Worte Dawids. War die Lieblichkeit Ruths also mit ihm gestorben. Oh, er hatte nicht vergessen. Schlomo führte aus, was sein Vater ihm als Erbe hinterlassen hatte. Sieh zu, dass du Joab richtest für das, was er getan hat, jetzt, wo du die Macht dazu hast, die ich nicht hatte. Für Abner, für Amasa. Jedoch kein Wort von Absalom. Der König war gerecht und Joab musste das anerkennen.
Dann kam die Angst. Zum ersten Mal in seinem langen Leben empfand Joab eine dunkle Furcht, die ihn überwältigte und beben ließ. Kein Mann war mehr an seiner Seite. Seinen Bruder Abischai hatte er vorsorglich von seiner Seite weggeschickt. Joab war allein. In seinem Haus gab es keine Söhne. Einer war am Aussatz zu Grunde gegangen. Ein anderer zog mit einer der Tausendschaften umher, gegen die Philister. Lebte er noch oder war er auch schon dahin? Der Sohn der Zeruja wusste es nicht. Der Fluch Dawids über seinen Neffen schien wirklich zu werden.
Das Haus und das Feld lagen still da und die Knechte verrichteten ihre Arbeit. Fragend sah der letzte Bote zu dem harten Sohn der Zeruja auf. „Wenn ich nicht in der Schlacht sterben kann…“, murmelte der Oberste. Dann ging er zu seinem Maultier und er ritt geradewegs in die Stadt Jeruschalajim ein. Keiner hielt ihn auf, als er am Königshaus vorbeiging und in den Vorhof des Zeltes trat, um schweißbedeckt und die Finsternis des Scheol vor Augen die Hörner des Brandopferaltars mit beiden Händen zu greifen. Er wählte die Bitte um Vergebung und den zweiten Weg des Sterbens. Vor dem Herrn. Vor Jah. Vor Ihm bin ich schuldig geworden. Vor Ihm will ich sterben!

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