Joab
Ruf des Scheol III
Joab hatte sich geweigert, dem Befehl Benajas wie ein Schlachtschaf zu folgen. „Nein! Ich trete nicht aus dem Heiligtum heraus! Hier will ich sterben!“ Tatsächlich war der blutdurstige Priestersohn, der in den letzten Tagen mit seinem Schwert einige Männer auf nur ein Wort Schlomos hin niedergestochen hatte, wieder gegangen. Joab zweifelte nicht daran, dass Benaja wiederkommen würde, um den Befehl des neuen Königs unbedingt auszuführen.
Der Sohn der Zeruja lächelte. Er war der einzige Mann, für den Benaja noch einmal den König befragte. Für den er zögerte. Joabs Schuldspruch war eindeutig. Er hatte kein Recht, sich an den Hörnern des Brandopferaltars festzuklammern und auf diese Weise um Gnade zu bitten. Er hatte Abner und Amasa umgebracht, am Willen seines Königs Dawid vorbei. Dafür hatte er längst den Tod verdient. Wenn man mit offenen Augen in den Schlund des Scheols starrte, dann erkannte man endlich, was Recht und was Unrecht war.
Joab hatte nicht anders handeln können. „Asaël, Bester von uns. Um deinetwillen stehe ich hier. Man wird sich an deinen Lauf erinnern, an alle deine Taten. Wir hatten keinen Vater, aber ich habe dafür gesorgt, dass dein Name und der Name Abischais nicht angetastet werden. Über euch wird man sprechen, eure Heldentaten aufzählen, euren Namen nicht mit Schuld und Schmutz bewerfen. Mein Blut für euch, meine Brüder.“
Joab beherrschte sich. Er wollte seinem Tod begegnen wie ein Mann des Krieges dem Tod begegnen sollte. Tapfer, gefasst, aufrecht. Er wusste, dass man ihm seine Flucht zum Altar Gottes als Feigheit auslegen würde. Eine Generation würde es der nächsten erzählen. Der Mann, der Dawids Kriege geschlagen hatte, fürchtete am Ende seinen eigenen Tod. Doch sie verstanden nicht, was der Sohn Isais schon immer verstanden hatte und was Joab jetzt endlich, als er die Schritte Benajas zum zweiten Mal hörte, auch verstand. Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst Tausend, Herr, mein Gott. So hatte sein Onkel es gesungen.
Hier sterben, vor Jah, vor dem Gott, dessen Schlachten ich geschlagen habe. Er möge über mich entscheiden. Er ist mein Richter. Und es ist gut, dass der Mann, der den Sohn Isais groß gemacht hat, nun mit ihm stirbt. Das ist mein Platz, an den ich gehöre. Joab atmete tief ein und er zählte die Tritte Benajas, die schon fast den Eingang des Vorhofs erreicht hatten. Ein erstes, dumpfes Auftreten im Staub des Vorhofes ließ Joab beben.
Dann wurde sein Herz friedlich. Vor seinem Auge flogen die neun Monate vorbei, die er damit zugebracht hatte, das Volk Dawids zu zählen. Er sah die Olivenbäume und die Zedern, die Weinstöcke und die Schafherden, die Alten in den Toren der Städte und die verhüllten, schönen Frauen bei den Brunnen. Das war Jeschurun, Israel, das versprochene und gesegnete Land voll fruchtbarem Staub und gesegnet mit zwei Zeiten des Regens, zwei Ernten. Es war das Land, für das er gestritten und geblutet hatte. Und Jeruschalajim, dort, wo er jetzt sterben würde, hatte er es nicht erobert? Hatte nicht Joab den Söhnen Jakobs ihre neue Mitte geschenkt?
Der Sohn der Zeruja war kein Prophet, aber er sah, dass hier, an diesem Ort, der Name Jahs groß und größer werden würde. Das Schwert eines Bastards, den man nach seiner Mutter nannte, hatte es ermöglicht. Und das Blut dieses Mannes würde jetzt den Altar des Höchsten Gottes besprengen. Wenn Benaja ihn von hier fortzerren wollte, dann würde er sich nur noch fester an die Hörner klammern. Hier will ich sterben!
Benaja war bei ihm und der Mann sah ihm fest in die Augen. Einst hatten sie Seite an Seite gekämpft, nun war Joab der Mann, der unter Benaja stand. Schlomo hat dich verstanden. Hier soll ich dich töten. Wie du es willst. Er weist die Schuld an Abner und an Amasa von sich und dem Haus seines Vaters. Sie liegt auf dir. Abner und Amasa waren besser als du.
Joab lächelte. Nein. Auch Abner und Amasa waren Männer des Blutes gewesen. Abner hatte die Macht über Benjamin gewollt, neben der Herrschaft Dawids. Amasa hatte sich Absalom angeschlossen und er hätte Dawid umgebracht, wenn nicht Joab die Schlacht bei Mahanajim entschieden hätte. Und auch du, Benaja, bist ein Mann des Blutes. Schlomo befiehlt und du tötest. So sind wir. Alle gleich. Männer des Blutes, die ihre Befehle treu ausführen und Männer, Väter, Brüder in den Scheol schicken. Wir sind die Werkzeuge der Männer, die hinter uns stehen und das Wort sprechen. Sie reden und wir führen aus. So war es immer und so wird es sein von Generation zu Generation.
Benaja stieß zu. Seine Klinge bohrte sich tief in den Bauch Joabs. Ganz wie ich es verdient habe. So wie ich es mit Abner und mit Amasa tat. Der Schmerz war blendend und überwältigend, aber das Ende war kurz. Die Sonne Jeschuruns blitzte auf über den Hörnern des Altars, als Joab seine Augen für immer schloss. Ich komme, Asaël, mein Bruder. Dawid, mein König, wir sehen uns wieder. Und eines Tages, eines Tages vielleicht wird es geschehen, wie es bereits Abraham unser Vater sah, als er sein Messer über den Hals seines Sohnes Isaak hielt. Kein Menschenblut mehr am Altar Jahs. Kein Menschenblut mehr für den Höchsten Gott. Vielleicht würde eines Tages ein letzter Mann sterben und sein Blut geben. Vielleicht würden Generationen geboren werden, die ihre Augen öffneten und sahen, dass es nicht nötig war, Blut mit Blut zu begleichen.
Eines Tages. Irgendwann. Wenn das Blut Abels nicht mehr schrie. Und wenn Männer wie Joab verstanden hatten, dass Barmherzigkeit größer ist als Vergeltung.

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