Die Kunde von Jeftah – 1. Der Alte

Der Alte

Der alte Mann hatte seinen Schal auf die Schultern des Priestergewandes fallen lassen. Er saß auf einem kleinen Polster, das man ihm gegeben hatte, beim Feuer. Denn er war wirklich sehr alt und ein geehrter Mann, dem hohe Gastfreiheit zustand. Auch erwartete man von ihm gelehrte Worte und man lagerte sich um das Feuer zu ihm, unter ihm hockend, auf der noch tageswarmen Erde sitzend, harrend auf das, was seine Lippen preisgeben würden. Die tief liegenden, erfahrenen Augen blickten indes den Funken nach, die in den Nachthimmel aufstiegen, zu den Lichtern, die seit dem vierten Abend dort oben zwischen Finsternis und Leuchten richteten und die Zeiten für alle Völker bestimmten. Heute hatte das große Nachtlicht seinen Schal über sich gezogen und die Herde der kleinen Nachtlichter weidete allein unter der Decke des Zeltes, das ein weiser Geist am zweiten Tag gewebt hatte.

Es war ein Neumond, ein Tag der Zusammenkunft war es. Als das große Licht des Tages noch über allen Scheiteln gebrannt hatte, war der alte Mann im Priestergewand vor dem Tor der kleinen judäischen Stadt erschienen, seine Knechte dabei und seine beiden dunkel dreinblickenden Söhne, beladene Esel mit ihnen. Er war gekommen, um sich wenigstens einen oder zwei Tage aufzuhalten. Er war gekommen, um ein Wort zu sprechen. Er war gekommen, um zu richten und zu unterscheiden. Wie Sonne und Mond zwischen Tag und Nacht richteten, so richtete ein Schwert mit seiner Schneide zwischen Leben und Tod, Odem und Scheol. Und so richtete der alte Mann länger als jeder andere vor ihm über Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten unter den Nachfahren Jakobs in diesem Land, weit mehr als fünfzig Jahre. Und er war mehr als die Richter und Kriegshelden. Er hörte die Stimme des Ewigen. So hatte man es den Knaben zugeflüstert und sie warnend im Genick gepackt. Und gerade sie, die jüngsten Söhne und Enkel aus dem Haus Isais, sahen furchtsam und neugierig zu dem alten Mann auf, der mit den zittrigen, knotigen Fingern in seinen langen, grauen Bart fuhr und ihn strich und raufte, als würde er über etwas nachdenken, das er mit aller Kraft aus seinem Kopf ziehen müsste, um wieder Frieden zu finden.

Isai, der Herr und Fürst der größten Sippe Bethlehems, saß dem Seher am nächsten. Voller Achtung beugte er sein Haupt und raunte dem hohen Gast zu: „Schmuel, Vater in Israel, sage mir, weshalb wähltest du ihn, meinen Jüngsten?“

„Das fragte ich Ihn, den Herrn, so wie du mich jetzt fragst.“, antwortete der alte Schmuel und betrachtete den Knaben, der gegenüber mit gekreuzten Beinen saß und mit einem Stöckchen in der Glut stocherte.

„Was antwortete Er dir?“, fragte Isai und raufte sich jetzt auch seinen Bart. Die Haare waren noch stark und schwarz und nur ein paar Silberfäden zierten die gepflegten Strähnen. Acht Söhne und zwei Töchter hatte er gezeugt. Und zahlreiche Schwiegertöchter und Enkel scharten sich weiter weg um das Feuer. Der Jüngste seiner Söhne saß heute zum ersten Mal unter den Männern, unter seinen älteren Brüdern und bei den Ältesten Bethlehems, die alle mit den Köpfen zu dem nickten, was ihr Oberhaupt gerade gefragt hatte.

„Der Herr, ja, der Herr, sieht nicht auf den Wuchs, sieht nicht auf die Größe und die Schönheit, sieht nicht auf die Kraft. Der Herr sieht auf das Herz. Auf das Herz deines Jüngsten.“ So antwortete Schmuel und er legte seine schwarzen Augen, die selbst alt und weit fort wie zwei Sterne glänzten, wieder auf den Knaben, in dessen wirrem Haar noch das heilige Öl glänzte, durch die Strähnen lief und seine Bahnen auf den gebräunten Wangen des jungen Hirten hinterließ. Dawid sagte nichts, doch er blickte wie die Horde Knaben hinter ihm, seine zahlreichen Neffen, neugierig und ehrfürchtig zu dem Alten im Priestergewand hinüber. Doch Schmuel schwieg weiter. Er richtete seine Augen zurück auf den Funkenflug und in die Sterne.

Ein weiterer Knabe näherte sich dem Feuer. Man hatte ihm aufgetragen, an Dawids statt die Schafe in die Hürden zu treiben, weil Schmuel darauf bestanden hatte, den jungen Hirten sofort zu sehen. Dieser hier war noch jünger als der Jüngste von Isai. Er war kein Sohn eines Knechtes oder eines Geringen. Seine Haltung bewies, dass er zu den Enkeln des Hauses gehörte. Er hatte nichts mitbekommen von den Ereignissen und hieb frech und freundschaftlich seine Faust in die Schulter Dawids, während er sich zu einem anderen Jungen in der zweiten Reihe setzte. Die beiden sahen sich sehr ähnlich. Sie waren Brüder. Dawid drehte sich zu ihnen und er grinste sie an. Knaben, freche Knaben, die wildes Raufen bei den Schafen gewöhnt waren. Eilig flüsterten die drei miteinander über das, was geschehen war, bis einer der älteren Brüder ihnen mit der Hand die Hinterköpfe klopfte. „Still, Dawid. Still Joab und Abischai!“

„Vergib der Jugend. Das dort sind Joab und Abischai. Die Söhne meiner ältesten Tochter. Ich musste ihr Ziehvater werden. Doch auch ich werde alt, werter Schmuel. Meine Hand scheint nicht mehr so hart wie früher.“, entschuldigte sich Isai bei dem alten Richter.

Schmuel lächelte nachsichtig und er warf einen traurigen Blick auf seine eigenen zwei Söhne, die etwas abseits saßen und ein Stück vom gebratenen Opferfleisch miteinander teilten. Auch ihnen hatte man einen besonderen Teil zukommen lassen. Immerhin galt das Wort der Söhne beinahe so viel wie das des Vaters. Doch sie scherten sich mehr um ihren Bauch als um die Ereignisse dieses Tages. Der alte Seher seufzte. „Söhne sind die Kraft des Alters. Sie sind ein Segen vom Herrn. Ein Trost. Und ein Spiegel für unsere Fehler. Aber wie ich sagte, Isai, der Herr sieht das Herz an. Das Herz Dawids und auch das Herz seiner Neffen.“

Isai beugte sein Haupt und nickte. Das Schweigen beim Feuer wurde lang, so dass die Knaben wieder unruhig hin und her rückten. Da legte der Seher Schmuel den Schal über sein graues Haupt und beugte sich vor. Er sprach in die Richtung des jüngsten Sohnes Isais und in die Richtung der Knaben, die bei ihm saßen. „Dunkle Zeiten liegen hinter uns. Ihr Söhne und Enkel, ihr seht bessere Tage als die Alten. Wollt ihr eine der Reden hören von den großen Männern, die vor mir waren?“

Eifrig nickten die Kinder. Joab und Abischai stießen sich erleichtert an. Endlich etwas Bemerkenswertes für ihre ungeduldigen Ohren. Schmuel würde etwas lehren. Etwas erzählen von den Kriegen. Das war ganz nach ihrem Sinn. Wieder grinste Dawid ihnen zu und er rückte etwas näher zu ihnen, um zu flüstern. Abischai grinste zurück, Joab nickte und er sah bewundernd auf die letzten Spuren des Öls, die auf der braunen Haut seines jungen Onkels glitzerten.

„Schweigt also still, ihr Söhne und Enkel Isais und hört die Kunde von Jeftah, einem großen Helden in Israel.“, begann Schmuel. Und sie lauschten gebannt der Geschichte aus alten Zeiten, aus Zeiten der Männer, die vor ihren Vätern gewesen waren und längst in das Schattenreich getreten waren, um bis zum Ende zu ruhen von ihren Taten, deren Echo durch die Stimme der Priester und Seher an die Ohren der Lebenden in fernen Zeiten drang.

Und Schmuel hob an zu reden: „Jeftah war ein Sohn des Landes Gilead, das der große Gilead, der Sohn des Machir, der ein Sohn des Manasse war, erobert hatte. Jeftah war also ein Mann von großer Abstammung, doch seine Mutter war nicht die Frau seines Vaters. Sie war ein ehrloses Weib und man nannte Jeftah nur den Sohn der Hure.“

Stille senkte sich über die große Gemeinschaft beim Feuer. Schmuel hatte mit seinen Worten an eine tiefe Wunde im Hause Isais gerührt. Es war dem Fürsten dieser Sippe nicht gelungen, seine beiden Töchter ehrenvoll zu verheiraten. Dunkel hing sein Blick auf Joab und Abischai, für die er väterliche Sorge trug. Irgendwo gluckste ihr jüngster Bruder Asaël noch an der Brust der Mutter. Abischai grinste unbefangen, doch Joab, der Älteste der drei geduldeten Knaben, machte sein Gesicht hart, seine Augen waren kalt. Er lauschte der Rede Schmuels und er lernte von dem Seher.