Die Kunde von Jeftah – 2. Die Hure

Die Hure

Das Weib Gileads war stark und starrsinnig wie Lea und Rahel und es duldete keine andere neben sich. Aber auch Rahel und Lea hatten Silpa und Bilha neben sich gehabt, hatten sie sogar selbst ihrem Mann gegeben. Doch diese Worte reizten nur noch mehr den Zorn der Frau des Gilead. Er hieß nach dem Mann, der dieses Land erobert hatte und konnte sich nicht einmal gegen sein eigenes Weib durchsetzen. Was sollte er tun, wo sie doch die Herrin des Zeltes war und die Mutter seiner zahlreichen Söhne? Er ließ sie. Und er machte das andere, viel jüngere Weib, dessen Schönheit ihn in seinen Augen und in seinem ganzen Leib bestrickt hatte, zu seiner Hure. Er bezahlte sie. Hier ein Böcklein, dort einen Laib Brot. Ein schmutziges Opfer für sein Verlangen.

Das junge Weib gehörte keinem Mann. Sie war allein und sie hörte nicht auf die Warnungen ihrer Eltern. Denn Gilead war ein großer und ansehnlicher Mann und er hatte nichts verloren von der Kraft seiner Jugend. Und sein Gesicht und seine Freundlichkeit waren bezwingend. So ließ sich die Jungfrau zu seiner Hure machen. Lange ging es so, bis auch sie von ihm empfing. Denn er war ein starker Mann und er hatte zuvor schon viele Söhne gezeugt, die selbst alle starke Männer wurden.

Wäre das Weib nicht längst seine Hure gewesen, er hätte sie beinahe gegen den Willen seiner Frau in das Zelt aufgenommen. Doch es war nicht gut, zwei Frauen, die einander nichts Gutes wollten, in einem Zelt wohnen zu lassen. Man musste nur an Abrahams Frau Sara und ihre Sklavin aus Ägypten denken. So ließ Gilead das Weib weiter seine Hure sein, nicht wissend, ob sie auch anderen Männern diente, nachdem er sie nicht mehr berührte. Es war ihm gleichgültig, denn Jeftah, wie er den Jungen nannte, der aus dem Leib der Hure brach, war seine ganze Liebe.

Er hatte die Schönheit und den Glanz seiner Hurenmutter, ihre dunklen Augen und ihr dichtes, schwarzes Haar. Seine Haut leuchtete warm und in sattem Braun, wenn er unter der Sonne lief. Sein Mund lernte schnell das Reden und machte kluge Worte. Sein Arm war kräftiger als der Arm seines Vaters Gilead, kräftiger als jeder Arm seiner zahlreichen, älteren Brüder. Darum nahm Gilead ihn auf in sein Zelt, als der Junge entwöhnt war, laufen konnte und Verstand hatte.

Der Knabe nahm tränenreichen Abschied von seiner Hurenmutter. Sie lächelte und sie segnete ihn und bat ihn, niemals zu vergessen, an welchen Brüsten er groß geworden war. Der Junge versprach es und stand zu seinem Versprechen, so wie er zu jedem Wort stand, das er sprach. Darin war er stur und aufrichtig wie sonst kein Kind. Es hielt ihn daher nicht oft bei den Zelten und den Herden von Ziegen und Schafen, die sein Vater Gilead in Menge besaß und unter die Hände seiner Söhne verteilte. Jeftah streifte durch das Land und er wurde ein guter Jäger. Manchmal war er für Tage fort. Gilead schimpfte ihn bei seiner Rückkehr, doch er ging nachsichtig mit dem Knaben um, denn stets brachte er ein gejagtes Wild zurück und legte es seinem Vater zu Füßen, wie Esau es einst für Jakob getan hatte.

Gilead wusste, dass Jeftah in diesen Zeiten der Abwesenheit auch seine Mutter besuchte und für sie sorgte. Ja, Gilead selbst dachte auf seine alten Tage an seine Schuld und er schickte der Hure etwas durch die Hand verschwiegener Boten, die im Schutz der Dunkelheit und vorbei an dem alten, zornigen Weib Gileads die Zelte verließen und hier ein Böckchen und dort einen Laib Brot zur Tür der einsamen, schönen Hure brachten. Den einen oder anderen würde sie vielleicht sogar mit ihren schönen Schenkeln belohnen. Gilead war es gleich. Er hatte Jeftah, Freude seines Alters, wie Benjamin für Jakob. Der Junge stand bei ihm, als er seine Augen schloss. Er segnete den wilden Knaben unter seinen anderen Söhnen. Der Tod war gnädig, denn er verschloss Gilead die Augen, ehe er sehen konnte, wie seine ältesten Söhne Hand an den Jüngsten legten und ihn aus dem Lager trieben. Hinter ihnen stand die bittere, alte Frau, ihre Mutter. Zufrieden lächelte sie, als der Sohn der Hure ausgestoßen wurde.

„Du bist nicht unser Bruder!“, riefen sie laut und bewarfen ihn mit Dreck.

„Du denkst, du kannst uns um unser Erbe bringen, das Vater uns hinterlassen hat?“

„Du bist der Sohn einer Hure. Nichts weiter. Eine Schande auf dem ehrbaren Namen Gileads!“

Gerade hoben sie Steine auf, um ihn damit ernsthaft zu bedrohen, da sah Jeftah, dass es sogar an sein Leben ging und er rannte davon. Sie konnten ihn nicht einholen, denn er war schneller und jünger als sie und sein Leib war auf allen Streifzügen durch die Berge und Ebenen gehärtet worden. So erreichte der junge Mann die Tür seiner Hurenmutter. Er trat ein und küsste sie und er wohnte kurze Zeit bei ihr, bis die Winde und die Sonnenstrahlen ihn riefen und lockten. In den Bergen traf er auf eine Hand voll Männer. Mit der Kraft seines Armes und mit geschickten Worten überzeugte er sie. Sie lachten und sie reichten ihm die Hand der Freundschaft. Vertriebene wie er selbst.