Der Ehrlose
Jeftah hatte das geliebte Land zwischen Jarmuk und Jabbok, den Bruderflüssen des Jordan, die den halben Stamm Manasse von Norden und Süden her zärtlich umarmten, nach Osten hin verlassen müssen. Er schlug sich mit einer Hundertschaft Gleichgesinnter aus den Bergen Gileads hinunter in die trockenen, zerklüfteten Ebenen der Wüste. Kein Wald von Zypressen oder Eichen spendete hier mehr Schatten. Nur dornige Sträucher wucherten ängstlich am Boden kauernd. Hin und wieder schoss vereinzelt ein niedriges Gehölz von störrischem Wuchs und duftenden Harz abgebend vom Staub der Wüste auf. Jeftah aß Akazienhonig, der ihn stärkte und fröhlich stimmte. Er nahm, was er fand, wie auch die, die bei ihm waren.
In den Klüften verbargen sich die Männer und suchten die Kühle vor der unbarmherzigen Sonne, wenn sie hoch im Mittag stand. War es jedoch ein lauer Morgen oder kam eine erträgliche Dämmerung auf sie herab, so streiften sie zu Zwei, zu Dreien, zu Zehn oder zu Fünfzig umher und erklommen wieder die Berge. Sie jagten bald einen Steinbock, bald fassten sie eine verirrte Ziege bei den Hörnern. Sie waren die Männer von Tob, Männer des Landes, in dem nur Söhne von besonderer Härte aushielten.
Ihr Ruf drang bis nach Gilead, in alle Zelte und Hütten Manasses. Man fürchtete sie als Räuber und wollte sie vertreiben und vernichten, denn immer noch stellten die älteren Brüder dem Sohn der Hure nach. Sie fürchteten, dass er eine Rotte zusammenzog, um rachsüchtig über ihren Besitz herzufallen und ihnen doch noch das Erbe zu entreißen. Aber Jeftah, der ohne große Anstrengung der Anführer seiner kleinen, ruchlosen Schar geworden war, kannte die Gegend besser als jeder andere aus Manasse. Er führte seine Hundertschaft mal nach Norden, mal weit in den Süden und niemand konnte sie fassen. Jeftah war schwer zu finden, es sei denn, er wollte gefunden werden. Von Männern, die er beobachtete und die ihn suchten, um sich ihm anzuschließen. So kam es, dass nach dem Verlauf von drei entbehrungsreichen Jahren Drei Hundert Mann dem Spross aus Gileads schändlicher Leidenschaft folgten.
Und Jeftah war ein äußerst kluger Mann, dessen freundliches Gesicht man gerne anblickte. Seine Augen waren aufrichtig, sein Pfeil traf zuverlässig, wie auch sein Schwert nie ohne rote Färbung blieb, wenn er es nutzen musste. Die Kraft seines Vaters lebte in ihm, dem Hurenkind, am stärksten weiter. Es gelang ihm, mit den Hirten der Gegend Bündnisse des Schutzes zu schließen. Nicht nur einmal verteidigte er sie gegen einfallende Horden aus dem Osten. Die Söhne des Ostens waren schnelle Reiter, flinke Jäger und zähe Männer, nicht leicht zu besiegen, doch vor Jeftahs brutalem Mut mussten sie sich beugen und fliehen.
Jeftah wurde ein wilder Jäger wie es einst Nimrod gewesen war, der vor den Zeiten als Erster die Macht im Land des Zweistromes an sich gerissen hatte. Von dort war auch Vater Abram gekommen. Sein Sohn Ismael und sein Enkel Esau hatten in dieser Erbschaft gestanden. Sie waren Jäger, die von Bogen und Schwert lebten und denen man treu folgte. Auch unter den zwölf Söhnen Jakobs erwachten hin und wieder Männer, deren Auge leuchtete, wenn sie den weiten Horizont erblickten und die Möglichkeiten, die sich unsichtbar an ihm abzuzeichnen schienen. Jeftah aus Manasse war ein ebensolcher Mann.
Oft stand er auf den Felstafeln im Land Tob und blickte zu Gileads Bergen auf, über denen die Sonne langsam versank. Eines Tages würde ihm gehören, was die Brüder ihm verwehrten. Mehr noch. Er würde über sie herrschen. Jeftah sann nicht auf Rache, aber er lachte, als sich im Süden Streifscharen der Söhne Ammons zeigten. Grimmig schlugen er und seine Drei Hundert die Ammoniter in die Flucht, wenn sie sich in der Wüste zeigten. Er ließ sie nicht durch. „Auch das ist Manasses Land!“, sagte er und tränkte die trockene Ebene mit ihrem Blut. Damit sorgte er jedoch dafür, dass die Ammoniter nicht mehr den Weg durch die Wüste nahmen, sondern geradewegs Ausfälle in die Gegenden von Gilead wagten.
Jeftah stand von Ferne und er sah zu, wie die Ammoniter, die Nachkommen Lots, des Neffen von Abram, über ihre Brüder, die Israeliten her fielen. Gileads Hurensohn tat nichts. Er beobachtete, wie Felder in den Senken des Jordans brannten. Er blickte den Rotten nach, wenn sie eine Jungfrau mit sich schleiften. Er schwieg, wenn Manasses Männer als blutige Saat auf den Hängen der Berge ausgestreut lagen. Auch wenn seine Drei Hundert ihn drängten, etwas zu tun, blieb Jeftah hart gegen die Brüder. Hatte Manasse nicht ihn und die anderen ausgespuckt, auch wenn ihnen ein Erbe unter den anderen zustand?
Er verließ sich auf seinen Ruf, den er sorgsam gepflegt hatte. In Gileads Volk war längst bekannt, dass im Land Tob starke Männer gediehen. Sie sollten ihre Brüder irgendwann bitten am Tag der schlimmsten Demütigung, wenn Ammon zu mächtig wurde. Bis dahin sah Jeftah nur nach sich selbst und den Seinen. Er sorgte dafür, dass seine Hurenmutter sicher vor den Einfällen der Ammoniter wohnte. Als er nach ihr suchte und sie beim Brunnen fand, wurde Jeftah zum ersten Mal im Leben besiegt. Ganz ohne Pfeil und Klinge. Dennoch war es, als hätte ihn einer durchbohrt, als er die verschleierte Gestalt erblickte, zu der seine Mutter dort sprach.

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