Die Kunde von Jeftah – 4. Die Braut

Die Braut

Jeftah hatte seine Mutter herzlich geküsst und umarmt, doch nicht lange galt ihr seine Aufmerksamkeit. Wohl hatte er gemerkt, wie das Mädchen sein Schöpfgefäß für einen Augenblick abgestellt hatte, um zu verfolgen, wie der Sohn mit der Hure umging. Ein wenig zu lange hatte sie zugesehen und mit zu viel Gefallen daran, wie der gebräunte, wilde Jäger seine mächtigen Arme zärtlich um die Frau schlang, die ihn geboren und genährt hatte. Nur kurz mussten sich ihre mit seinen Augen treffen. Schnell wandte das Mädchen sich ab. Sie nahm den Wasserkrug auf und verließ in großer Eile den Brunnen.

Jeftah sah ihr lange nach. Ihn hungerte nach ihrer geschwungenen Gestalt, nach dem ovalen Gesicht, das sich im Schatten der Verhüllung abgezeichnet hatte. Und ihre Augen hatten gebrannt in Neugier und in Wohlgefallen. Groß und rund und wie zwei Zisternen, in die ein Mann wie Jeftah hineinfiel und nie mehr den Scheitel des Taglichts sehen würde, es sei denn, er küsste den Mund, der unter diesen Augen lag.

„Wer ist sie?“, fragte Jeftah seine Hurenmutter.

„Ein Mädchen, das freundlich zu mir ist. Sie gefällt dir. Das sehe ich. Mein Sohn, tu dir den Schmerz der Abweisung nicht an. Vergiss nicht, woher du kommst. Es gibt Frauen wie mich, aber diese Jungfrau wirst du nicht erringen. Was willst du ihren Eltern sagen? Es gibt keinen Vater, der für dich bittet. Und deine Mutter kann es nicht. Du weißt es.“ Sie streckte ihre Hände aus und nahm sein Gesicht sanft zwischen ihre Finger, um ihm sorgenvoll in die Augen zu blicken. Doch seine Seelenlichter blickten bereits durch sie hindurch auf ein fernes Ziel.

„Du weißt, wo sie wohnt, Mutter?“, fragte er nur.

„Du willst für dich selbst bitten?“ Sie schüttelte den Kopf und hielt ihn bei seinen starken Armen fest. Doch ein solcher Sohn ließ sich nicht halten. Eine Hurenmutter konnte froh sein, wenn ein Sohn wie Jeftah immer noch kam und sie zärtlich küsste. Ihm etwas raten, worauf er hörte, konnte sie nicht. „Ich sehe, es nützt nichts. Du bist ein ganzer Mann geworden. Geh, suche dein Glück. Ihr Vater ist ein wohlhabender Man mit viel Vieh. Von hier aus in die Richtung, in die sie sich entfernt hat. Dort lagert er.“

Jeftah hatte nichts. Er hatte kein Haus, in dem er wohnte. Er hatte keine großen Herden und kein Land, das er bebaute. Jeftah hatte nur Schwert und Bogen und ein Zelt, in dem er mitten unter seinen Männern wohnte. Er hatte die Drei Hundert, die ihm folgten. Er war ein guter Jäger und mittlerweile ein Kriegsmann, der auch hin und wieder Beute machte. Und so wollte er es anstellen. Er würde den Eltern des Mädchens zeigen, was er hatte. Ihnen von der Beute schenken, seine Mannen als Brautwerber mit ihm.

Der Staub wirbelte hoch auf, als Jeftah und seine Schar aus der Wüste auf den Ausläufer der Berge Gileads hinauf ritten, wo der Vater des Mädchens seine Herde weidete. Sie trieben ihre Maulesel zu großer Geschwindigkeit an. Die Männer lachten und sie jagten freudig dahin. Eine Braut! Eine Braut für Jeftah, unseren Mann! Ihr Lachen stieg über der Staubwolke empor und kündigte sie an. Die Knechte des Hirten zogen sich eng um ihren Herrn zusammen, doch sie waren nur eine Hand voll und blickten grimmig und hilflos zu den Reitern auf, die sie von allen Seiten umringten. Aufgeschreckt blökten die Schafe und suchten Schutz unter ein paar Eichenbäumen. Ein aufgeregter Junge sprang ihnen mit dem Stock hinterher und versuchte sie mit gellenden Pfiffen und Rufen zusammenzuhalten. Er wollte nicht geprügelt werden, wenn er eines von ihnen verlor.

„Was willst du, Sohn Gileads?“, fragte der Vater des Mädchens.

Jeftahs blickte zufrieden. Man hatte ihn nicht mehr Sohn der Hure genannt. Er ließ seinen Schal fallen, der ihn vor Wind und Sand schützte. Dann glitt er von seinem Maulesel und winkte zwei seiner Männer heran, die dem Vater des Mädchens, das er begehrte, die Geschenke zu Füßen legten. Erbeutete Waffen, goldene Ringe und Armreifen, zwei dicht gewebte und mit purpurnen Fäden durchwirkte Festgewänder. Staunend blickte der Mann auf die Gaben. „Was, mein Sohn, willst du dafür?“

„Deine Tochter zu meiner Frau!“, forderte Jeftah.

Der alte Hirte zitterte. „Sie ist das Liebste, das ich habe! Und du willst sie mir rauben! Ich sehe es! Die Geschenke sollen mir nur die Augen wischen und mich blind machen. Sie wird ein hartes Leben mit dir haben. Fern von den heimatlichen Bergen und der Fettigkeit der Herden. Du hast nichts, um sie und ihre Söhne zu ernähren. Nichts als den Staub der Wüste.“

„Ich habe meinen Arm und der wird mir alles erringen, was ich brauche. Und mehr noch. Meine Brüder haben mich ausgestoßen, doch der Herr ist mir gnädig gewesen und er hat mich in der Wüste ernährt und groß gemacht. Ich werde noch größer sein und deine Tochter wird die Herrin meines Hauses, das ich bauen werde!“ Jeftah sprach mit dem Feuer eines Mannes, den die Liebe tödlich getroffen hatte. Das sah auch der Vater des Mädchens.

„Wir halten es wie die Eltern Rebekkas es gehalten haben, als der Knecht Abrahams sie zur Frau für Abrahams Sohn Isaak erbeten hat. Wir fragen das Mädchen, ob es mit dir ziehen will!“ Überzeugt war der Vater, dass seine Tochter mit ihrem ganzen Herzen an den Eltern hing und an dem Ort, wo sie geboren war und die Schafe geweidet hatte.

„Einverstanden!“, sagte Jeftah. „Führe sie heraus und frage sie. Will sie mit mir ziehen, dann ist es gut. Will sie nicht, so lasse ich sie und euch. Die Geschenke aber behaltet in jedem Fall. Als Decke für die Augen.“

Die Mutter führte das Kind aus dem Zelt und hielt sie fest. Einmal nur blickte das Mädchen zu Jeftah auf, dann zog sie den Schleier tiefer ins Gesicht, senkte den Kopf und schwieg.

„Er wirbt um dich, meine Tochter. Willst du mit ihm gehen?“, fragte zärtlich der alte Hirte.

„Ich will!“, sagte sie laut. Denn Jeftah war ein Mann von Kraft und Jugend, ein Mann mit freundlichen Augen. Ein Mann, der seine Mutter küsste und für sie sorgte. Ein Mann, der zu seinem Wort stand. Das hatte das Herz des Mädchens erkannt. Oh, und welche Jungfrau in Israel hätte nicht Liebe empfunden für einen solchen Helden, der ihr alles zu Füßen legte und ein Dorn war im Fleisch der Feinde ihres Volkes? Sie wusste wohl, dass sein Schwert die Ammoniter daran hinderte, die Herden ihres Vaters zu rauben.

Die Mutter weinte und auch der Vater wischte sich die Augen. Doch was kann man ausrichten gegen die Herzen zwei junger Menschen und gegen eine Schar grimmiger Männer, gegen ehrliche Geschenke und aufrichtiges Werben? Einmal muss man sein Töchterchen ziehen lassen.

So zog Jeftah das Mädchen zu sich auf den Maulesel und ritt mit ihr davon. Ja, er raubte sie mehr, als dass sie ihm gegeben worden wäre. Unter Fest und Jubel führte er sie in sein Zelt und er lag bei ihr. Bald hing sie an ihm wie er auch an ihr. Und Jeftah ließ sein schönes Weib sicher bei der Hurenmutter wohnen, wenn er auf seine Streifzüge ging. Die beiden Frauen wurden zärtliche Freundinnen und Jeftah war ein glücklicher Mann, dessen Haupt Frieden fand in einer wohl versorgten Hütte, wenn er erschöpft zurückkehrte.