Die Tochter
Von Monat zu Monat schlossen sich mehr Männer der Schar des wilden Jeftah an, denn Manasse war ein Stamm zahlreichen Volks. Viele Söhne wurden geboren, die nicht alle das urbar gemachte Land bebauen konnten. Einige von ihnen zog es aus der gottverheißenen Enge des gesegneten Landes weit hinaus in die Wüstenfelder, aus denen einst ihre Vorfahren aufgestiegen waren. Noch war nicht jedes Lebensband eines Mannes fest an den Erdboden geheftet. Letzte Söhne, jüngste Söhne, von der Jagd und dem Kampf Beseelte, Träumende, ja Weitsichtige, die sahen, dass Jeftah ein guter Mann war, wenn es darum ging, die Ammoniter auf Abstand zu halten und die eigene Familie zu schützen.
Sie drangen weit in den Süden vor und machten reiche Beute. Es lohnte sich, mit dem Sohn der Hure auszuziehen, denn er war ein gerechter Anführer, von dem jeder sein Teil erhielt. Seine Hinterhalte und Ausfälle waren geschickt geplant und wurden immer ausgefeilter. Jeftah wurde der Herr von Tob, der Herr der östlichen Wüste Manasses. Er konnte offen umherziehen und sich mit seinen Mannen wieder an den Hängen Gileads zeigen. Seine älteren Brüder wagten nicht mehr, die Männer und Ältesten der Siedlungen gegen ihn aufzuscheuchen. Sie schwiegen still und duldeten, dass ihr Hurenbrüderchen sich im Sonnenaufgang dreist ausbreitete.
Jeftah kehrte oft mit goldenem Schmuck zurück in sein Haus, das jetzt geräumig und kühl bei einem Hain von duftenden Tamarisken stand. Er hatte dafür gesorgt, dass seine alternde Mutter und sein geliebtes Weib sicher wohnten und gut versorgt waren. Einige Schafe und Ziegen hatte der Schwiegervater als verspätete Mitgift geschickt und unter die Hand seiner Tochter getan, als er sah, dass es ihr gut erging mit dem Spross der Hure. Die beiden Männer begegneten sich jetzt freundlich und die Hirten der Gegend ließen sich von Jeftahs Schwiegervater überzeugen. „Er ist ein guter Mann. Er ist unser Schild. Der Herr hat seine Stirn hart gemacht und seinen Arm zu Erz. Er wird uns noch retten. Vertraut auf ihn. Jah hat ihn erwählt.“ Und unter der fleißigen Sorge der beiden Frauen mehrte sich der Besitz Jeftahs unaufhörlich. Er musste bald Knechte und Mägde verdingen.
Wenn Jeftah heimkehrte, grüßte und küsste seine Schwiegereltern herzlich, dann zog er weiter, umarmte seine Mutter und begegnete seinem Weib mit leuchtenden Augen. Schöner als je zuvor erschien sie ihm, jetzt, da sie von ihm empfangen hatte. Ihre Zeit war bald gekommen und Jeftah hielt mit einer Hundertschaft in der Nähe aus, um auf die Ankunft seines Erben zu warten. Die Weiber und seine Hurenmutter sorgten zuverlässig für die Schwangere und Jeftah harrte im Schatten der Tamarisken, aufgelöst in ängstlicher Zuversicht.
Doch als seine Mutter aus dem Haus trat, ein stilles Bündel in den Armen, da verlosch die Sonne über den Hängen Gileads. Sie legte das zierliche, nackte Mädchen in die gewaltigen Arme ihres wilden Sohnes. Beinahe weiß leuchtete die noch blutig verschmierte Haut des Säuglings auf den sonnenverbrannten Muskeln und Sehnen des Vaters. Das Gesicht der Hurenmutter sprach alles aus, was Jeftah wissen musste. Zwei Unglücke an einem Tag. Das Weib hinüber und das Kind nur ein Mädchen.
„Ich nenne sie Mirjam, wie die Schwester Moses!“, sagte Jeftah. Es war der größte Segen, den er seinem Kind zusprechen konnte. Er legte sie zurück in die Hände seiner Hurenmutter. Es gab genug Ziegen und Schafe, deren Milch es ernähren konnte. Da schrie das Mädchen auf, so laut und kräftig, dass Jeftah erschrak. Starkes Leben. Eine Tochter in Israel. Er beschloss, mit seinen treusten Männern in die Berge Gileads hinaufzuziehen, bis er zum Altar in Mizpe kam, um seinen Gott zu befragen. Es war immerhin der Ort, an dem Jakob und Laban sich in Frieden getrennt hatten und die zwölf Söhne Israels ihr Leben behalten hatten, um zu einem großen Volk zu werden wie es jetzt war.
Jeftah opferte einen Ziegenbock und er hob die Hände zu Jah, dem Herrn aller Israeliten auf. Warum hast du mir das Weib genommen? Warum gabst du mir nur eine Tochter? Ich bin vertrieben aus meinen Brüdern und ich habe kein Erbe, auch keinen Sohn, der meinen Namen trägt. Was gibst du mir, wenn ich dir Treue schwöre?
Hier schloss Jeftah seinen Bund mit dem Gott seiner Vorfahren und seine wilde Seele fand Ruhe. Sein Teil war nicht Boden und nicht Erbe. Ihm war es nicht bestimmt, ein großes Haus zu bauen nur für sich selbst. Jah hatte ihn aus allen herausgezogen, damit er der Hüter Manasses würde, ein Hirte mit dem Schwert. So kehrte der Mann gestärkt zurück und begrub unter Tränen sein Weib, ehe er wieder auf seine Streifzüge ging. Dennoch zog es ihn so oft zurück wie früher, auch wenn nicht mehr die Arme eines Weibes auf ihn warteten.
Jeftahs Tochter wurde ein kräftiges und fröhliches Mädchen, behütet von ihrer Hurengroßmutter und geliebt von ihrem Großvater. Sie lachte in jeden Tag und sie wurde eine Sängerin, die mit ihrer Stimme das bittere Herz des Vaters wieder süß machte. Jeftah liebte sie schmerzhaft und er beschenkte sie jedes Mal reich, wenn er in sein Haus kam. Seine Tochter war sein Schatz, den er eifersüchtig hütete. Sie wuchs und wurde stark und schön in einem großen Haus, das auf ihre Befehle hörte. Knechte und Mägde beugten sich ihrem Wort, als hätte ihr Vater Jeftah es zu ihnen gesprochen.
Und Mirjams Lieder sangen von den Geschichten und Versprechen Gottes wie es einst die Schwester Mose getan hatte. So fachte sie den Eifer Jeftahs und seine Liebe für sein Volk an, indem ihre Zuneigung sein Herz an dieses Leben fesselte. Die Stunde kam näher, in der Manasse sich vor dem Sohn der Hure beugen würde, denn am Horizont des Südens verdichteten sich die Wolken, die von den eifersüchtigen Ammonitern aufgewirbelt wurden.

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