Das Warten
Eine ganze Tausendschaft aus Manasse lagerte in Tob um das Zelt Jeftahs. Es waren nicht mehr länger nur verdrängte Söhne und junge Männer mit losen Sitten. Die Dreihundert, die sich dem Sohn der Hure zuerst angeschlossen hatten, waren älter geworden und selbst reife Männer an der Spitze eigener Familien, die sie mit fester Hand regierten und versorgten. Sie waren die engsten Vertrauten Jeftahs geblieben und folgten ihm überall hin. Jeder Befehl von ihm war wie ein Ausspruch Jahs für sie, denn er hielt seine Hand in Gerechtigkeit über sie. Kaum einer war auf dem langen, entbehrungsreichen Weg der letzten Jahre verloren gegangen, nein, sie hatten immer nur dazu gewonnen, denn Jeftahs Streifzüge endeten stets blutig für die Gegner und nur selten floss in den eigenen Reihen mehr von dem roten Saft auf den Wüstenboden.
Jeftah war durch Landgewinn und Kriegsbeute ein äußerst wohlhabender Mann geworden. Seine Tochter streckte ihre schöne Hand über mehr als Tausend Schafe und Fünfhundert Ziegen aus. Sie herrschte lachend und stark über eine große Schar von Knechten und Mägden, die an den östlichen Hängen Gileads dem Land so viel abgewannen wie nur möglich war. Es musste ein vortrefflicher Mann sein, der diese Jungfrau errang, dem Jeftah diese Gunst zu Teil werden ließe.
Sein Blick streifte oft die jungen Männer. Er prüfte und wog ihre Worte und Taten. Welcher würde sich als würdig erweisen? Und welchen würde seine Tochter billigen? Denn Mirjam war aufrecht und eigensinnig wie ihr Vater und Jeftah brachte es nicht über sich, sie zu etwas zu zwingen, obwohl ihre Zeit gekommen war, das Weib eines Mannes zu werden und eine Mutter in Israel. Jeftah zögerte es hinaus und es gab wohl auch Dinge, die ihn davon abhielten, die Angelegenheiten seines Hauses fest zu machen.
Ammon im Süden drückte und drängte, weshalb sich ihm so viele aus Manasse bereits freiwillig angeschlossen hatten. Täglich drangen zu der bestehenden Tausendschaft mehr Männer. Sie beugten ihr Haupt vor dem wilden Mann in Tob und schworen ihm Treue und Jeftah nahm ihren Schwur bereitwillig an. Wenn es noch lange so zuging, würden aus den Tausend über die nächsten Wochen bald dreimal so viele werden. Dafür dünnte die Kraft in Gilead aus.
Die Ammoniter drangen tief in das Gebirge ein und sie hatten bereits einige Hänge für sich genommen, strömten gar zurück in das fruchtbare Tal des Jordan. Schon breiteten sie sich am Jabbok aus. Gad und Ruben waren zu klein und zu schwach in dieser Zeit. Es kam ganz auf Manasse an, die Gebiete östlich des Jordan zu halten. Hatte Jakob nicht einst die Söhne seines zweitjüngsten Sohnes Josef besonders gesegnet? Hatte er nicht Ephraim Stärke und Manasse Vielzahl versprochen? Ephraim schwieg, als sein Bruder bedrängt wurde. Also musste sich Gilead selbst helfen. Allein sie vermochten es nicht, die Männer aus den Toren der verstreuten Städte und aus den Zelten der einzelnen Sippen wirkungsvoll zusammenzuziehen, obwohl sie den Vorteil des Gebirges hatten und es nur verteidigen mussten.
Jeftah beobachtete all das, doch er hütete sich, die Grenze von Tob zu Gilead mit seiner Tausendschaft zu überschreiten. Ammon musste gestutzt werden, aber Jeftah nahm bisher nur für sich und die, die ihm Treue geschworen hatten, das Schwert in die Hand. Die Wüste und der trockene Osten ernährten ihn. Sie machten ihn stark und zuversichtlich. Sie waren ihm seit seiner Jugend Bruder und Vater gewesen und hatten ihn getröstet. Sie gehörten ihm. Gilead hingegen gehörte seinen Brüdern, die ihn verstoßen hatten. Also sollten sie nach sich selbst sehen oder sich vor ihm demütigen, indem sie Jeftah um Hilfe baten.
Der Hurensohn stand im Eingang seines Zeltes und er wechselte den Blick vom Osten hin zu den Hängen Gileads. Sehnsucht fiel auf ihn. Einmal würde er doch wieder dort oben stehen. Er würde die Ammoniter blutig schlachten wie er es bereits hier in Tob öfter getan hatte. Kein Streifzug mehr, sondern eine große Schlacht, ein Tag des Blutopfers für Jah, ein Tag der großen Bewährung für einen Mann, der von Bogen und Schwert lebte.
Doch Jeftah musste geduldig sein. Was ihm nicht in die Hand gelegt war, das konnte er sich nicht nehmen. Er war nun ein Mann, der das vierzigste Jahr überschritten hatte. Ein Mann, dessen Wort man hörte und auf dessen Arm man vertraute. Er war nicht mehr der Knabe von einst, auf der Flucht, besitzlos und wild. Und als Mann würde Jeftah sich erweisen. Er gab den Befehl, die Waffen bereit zu halten, die Klingen zu schärfen und gerüstet zu bleiben. Niemand sollte in sein Haus einkehren und eine Frau anrühren. Die wachsende Tausendschaft Jeftahs harrte unterhalb der Berge Gileads aus. Schwermut und Stille senkte sich auf die Männer.
Tage vergingen müßig. Die Sonne ging dunkel auf, der Mond war fahl und der Staub juckte auf den Augenlidern. Müde von Erwartung warfen sich die Männer in den spärlichen Schatten der Dornbüsche. Jeftahs ausgesandte Boten kehrten zu ihm zurück. Sie sanken vor ihm in die Knie, weil er ihr Herr war. Mit einem Wink befahl er ihnen zu sprechen. Ja, es stand schlimm um Gilead. Ruben und Gad waren überrannt und umgangen worden. Die Ammoniter verhandelten bereits mit ihren Brüdern, den Moabitern, um Unterstützung. Sie hatten ihre Streifscharen zu geordneten Schlachtreihen, zu festen Gruppen zusammengezogen. Langsam rückten sie auf. Sie würden in großer Zahl den Jabbok queren und sich in Manasses Land ergießen.
Jeftah gab den Befehl, sich bereit zu halten. Er schickte die Boten fort und richtete seine Augen grimmig auf die Ostflanken, genau auf die Stelle, von der man Männer aus Gilead erwarten konnte. Sie ließen sich sehr viel Zeit. Jeftah betete innig zum Gott seiner Väter, wie er es öfter tat, je älter er wurde.
– Gib mir, gib mir Manasses Männer in die Hand, damit ich Ammon schlage. Stelle meine Ehre wieder her, die meine eigenen Brüder mir genommen haben. Gib mir meinen guten Namen zurück. Alles gebe ich dir dafür, mein Leben und mein Haus und wer zu mir gehört. –
Dann teilte ein Lächeln die ernsten Lippen Jeftahs und seine dunklen Augen blitzten wieder wie zwei Sterne am ersten Tag ihrer Schöpfung. Dort kamen sie, die Boten aus Gileads Toren. Die Ältesten. Und war das da in ihrer Mitte nicht einer seiner älteren Brüder? Lange hatte er ihre abweisenden Gesichter, ihre feindseligen Stirnen nicht mehr gesehen.

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