Der Anführer
Nur einer seiner zahlreichen Halbbrüder war mit den anderen Ältesten Gileads herabgekommen, der Erstgeborene. Er war bereits ein Mann auf dem Weg des Alters, wo Jeftah noch in voller Kraft vor ihm stand. Finster blickte er unter grauen, buschigen Brauen auf den wilden Abkömmling der Hure. Er hielt sich hinter den anderen und schwieg verdrossen. Die Demütigung, so ganz offensichtlich als Bittsteller mit den anderen hier zu stehen, schmeckte ihm bitter wie ausgespiene Galle. Der Anführer der losen Tausendschaft in Manasses Wüste widerstand der Versuchung, sich wie ein abweisender Herr im eigenen Lande zu benehmen. Freundlich ließ er seine beiden sternengleichen Augen aufblitzen, achtungsvoll nickte er den Ältesten und Oberen Gileads zu. Er machte eine ausladende Geste und lud die Hand voll Männer in sein Zelt ein.
Jeftah winkte seinem Handknecht, der sofort verstand und sich entfernte, um den Gästen kostbares Wasser für ihre Füße zu bringen. Wasser war ein streng eingeteiltes Gut in Tob. Das mussten auch die Männer wissen, denen Jeftah nun großzügig die Füße spülen ließ. Dann reichte er ihnen, was er an Vorräten bereithielt. Harten Käse von den eigenen Ziegen, gedörrtes Obst, das seine Tochter den trockenen Hängen mühsam abgerungen hatte. Seine Gäste wirkten jetzt ruhiger, ja beinahe beschämt und verlegen. Selbst Jeftahs ältester Halbbruder blickte nicht mehr ganz so dunkel in leere Weiten.
„Also, was ist es, weswegen ihr zu mir gekommen seid?“, fragte Jeftah.
Der älteste Mann der Runde öffnete den Mund und sprach für sie alle. „Du weißt es. Wir können nicht allein gegen die Ammoniter bestehen. Komm mit uns hinauf nach Gilead, du und deine Mannen. Sei unser Anführer im Kampf gegen die Ammoniter.“
Jeftah lächelte. Dies war die Stunde, in der ein Sohn einer Hure seine Hand ausstreckte und empfing. Dennoch wollte er es seinem Volk hart machen, ihn für sich zu gewinnen. Denn hart hatten sie ihren Sohn behandelt. Hart hatten sie Jeftah gemacht. Und mit Härte würde er antworten.
„Was habe ich mit euch zu schaffen? Welchen Teil habe ich mit euch? Seid ihr es nicht gewesen, die mich verachtet haben? Ja, gehasst habt ihr mich und ausgestoßen aus dem Haus meines Vaters Gilead. Ihr Brüder habt mich vertrieben und ihr Männer, ihr Ältesten, habt es gebilligt. Und jetzt, da ihr bedrängt werdet in eurem fetten Besitz, da kommt ihr zu mir und bittet um Hilfe? Wie sollte das zugehen?“ Jeftah lachte und schlug sich die Schenkel. Sein Halbbruder seufzte unter Schuld. Nicht mehr bitter war er, sondern bedrückt. Er senkte den Blick vor dem viel Jüngeren.
„Ein Angebot haben wir für dich, Sohn Gileads.“, fuhr der Älteste fort zu sprechen. „Wir sind gekommen, damit du gegen Ammon kämpfst. Und ganz Gilead, ja wir alle, beugen uns vor dir. Du sollst Manasses Söhne in der Schlacht führen und du sollst auch fürderhin unser aller Oberhaupt sein und uns anführen. Das ist mehr als Erbe und Besitz in Gilead. Du sollst unser aller Herr sein.“
Jeftah stand auf. Die anderen taten es ihm gleich. Kaum begriffen seine Ohren, was sie eben gehört haben, schwer drang es hinter seine harte Stirn. Hatten sie sich ihm ganz ausgeliefert, jene Männer, die ihn einst als Hurenspross beschimpften? Jeftah erinnerte sich an seine Gebete, als er noch ein junger Mann gewesen war und seine salzigen Tränen auf den Boden der Wüste regneten, ehe er selbst ein ganzer Mann wurde und trocken und hart wie das Land. Er musste sie fragen und verpflichten.
„Wenn ihr mich also zurückholt nach Gilead und ich für euch gegen die Ammoniter gehe, werde ich dann wirklich euer aller Oberhaupt sein?“
Der Älteste vor ihm schlug sich an die Brust und die anderen Männer, sogar sein bitterer Bruder, taten es ihm gleich. Sie verbeugten sich tief vor Jeftah und der Anführer ihrer Rede öffnete seinen Mund zu einem Schwur, der nicht gebrochen werden konnte wie jeder wusste. Ein Schwur vor Jah, der Jeftah ins Herz schnitt und ihn sicher machte, dass nun seine Stunde gekommen war für jenes Werk, zu dem der Gott seiner Väter ihn in den Gegenden von Tob zubereitet hatte.
„Der Herr, unser Gott, Jah selbst ist Zeuge zwischen dir und uns. Du hast es ausgesprochen! Du sollst unser Anführer und unser Oberster sein. Er möge uns verfluchen von seinem Angesicht fort, wenn wir nicht so tun wie du eben selbst gesprochen hast!“
Jeftah nickte. „Auf nach Mizpe vor den Herrn! Wir machen die Sache fest!“ Und so zog der Sohn der Hure seine Tausendschaft zusammen und sie alle folgten als ein gewaltiger Zug den Ältesten Gileads hinauf in die wunderbaren Hänge Manasses. Jeftah atmete tief den Geruch der feuchteren Gegenden ein. Das Harz der Kiefern, das Rauschen der Eichen, das Sprudeln einer Quelle, das Blöken der Schafe und Süße der Fruchtbäume in den Hainen und Gärten. Nur hin und wieder hatte Jeftah es gewagt, das Land seiner Geburt zu queren. Dann hatte er seine Augen blind und seine Ohren und alle Sinne taub gemacht für seine fruchtbaren Schönheiten. Jetzt empfing das Erbe Manasses einen seiner rechtmäßigen Söhne zurück. Lachend riss Jeftah einen Granatapfel auseinander, dessen blutiger Saft ihm Finger und Lippen fröhlich färbte. Rot wie der Lebenssaft der Feinde, die er alle für den Gott seiner Väter schlachten würde, der ihm die Ehre wiedergegeben hatte und dazu alle Macht, die ein Mann in Manasse nur bekommen konnte.
Sämtliche Fürsten der Sippen des östlichen Manasse, alle Ältesten Gileads und die übrigen Tausendschaften hatten sich bereits bei den Schwursteinen Labans und Jakobs versammelt. Mit Jubel empfingen sie Jeftah und seine wilden Männer. Bei dem Stein Jakobs hob Jeftah die Hand zum Schwur, dass er die Ammoniter beim Jabbok vernichten und vertreiben würde. Die Fürsten hoben ihre Hände auf und schworen, dass der jüngste Spross Gileads ihr Oberster sein würde so lange er atmete. So besiegelten sie durch ein Brandopfer für Jah, was sie geschworen hatten.
Und Jeftah lagerte inmitten der Höhen Gileads als Herr aller östlichen Söhne Manasses. Er wurde ihr Richter und sie vertrauten auf seine Gerechtigkeit. Der Hurensohn warf sich auf seine Knie und er dankte seinem Gott für das Erlangte. Ein schweres Pfund legte sich auf die Schultern Jeftahs. Er war der Schlichter und Retter seines Volkes geworden, das ihn zuerst gar nicht als einen der ihren anerkannt hatte. Zu wunderbar war das und eine große Ehrfurcht sank auf das Gemüt Jeftahs herab. Dem Gott, der ihm alles in die Hand gegeben hatte, dem wollte er auch alles weihen. Er warf sein Leben in die Waagschale. Jetzt galt es. Auf! Gegen die Ammoniter! Züchtigung für Lots abgeirrte, freche Söhne!

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