Die Kunde von Jeftah – 8. Die Worte

Die Worte

War nicht Lot einst mit seinem Onkel Abraham gemeinsam ausgezogen? Hatte er nicht wie ein Sohn an dem Vater Israels gehangen? Und hatte Abraham nicht mit großem Schmerz Abschied genommen von seinem Neffen, als der sich trennte und gen Osten zog? Hatten sie nicht Frieden beschlossen miteinander? Hatte Abraham nicht seine Hände geöffnet und Lot die fruchtbaren, süßen Hänge jenseits des Wassers überlassen? Einst hatten Onkel und Neffe wie Vater und Sohn beieinander gewohnt und zu demselben Gott gebetet. Ja, so war es und heute stand es ganz anders.

Jeftah war ein Mann, der das Blut nicht scheute, dennoch wollte er einem fernen Bruder zuerst die Hand reichen und ein Angebot des Friedens unterbreiten. Freilich mit gebotener Strenge und nicht ohne das eigene Recht zu fordern. So war es ja seine Aufgabe als Oberster eines ganzen Volkes, dessen Lebensatem er bewahren musste. Also schickte er vertrauenswürdige Männer als Boten zu dem König der Ammoniter jenseits des Jabbok. Er ließ durch sie fragen und so die Verhandlungen öffnen: „Was habe ich mit dir zu schaffen? Aus welchem Grund bist du heraufgezogen, Krieg gegen mein Land zu führen?“ So sollte der König der Ammoniter sehen, dass jetzt auch in Israel ein Mann über allen anderen stand.

Die Antwort kam schnell über den Bruderfluss des Jordan geflogen. Wie spitze Pfeile durchbohrten die Worte des Herrn von Ammon die treue Brust Jeftahs. „Krieg führe ich gegen dich herauf, weil du, als du aus Ägypten kamst, mein Land genommen hast, ja vom Arnon bis zum Jabbok und hinauf zu den Senken des Jordan hast du es genommen. So gib es mir zurück und es soll Frieden sein zwischen uns.“

Der Spross Gileads grollte. Das Land südlich des Arnon sollten sie weiter haben, aber seit mehr als Dreihundert Jahren wohnte Manasse friedlich zwischen Jarmuk und Jabbok, Ruben und Gad lagen schlafend darunter zwischen Arnon und Jabbok im Süden. Was hatte das mit dem Recht der Söhne Lots zu schaffen? Nie hatten sie sich gekümmert und es war auch nicht ihr Land gewesen, als Manasse, Ruben und Gad es erstürmt hatten. Er würde ihnen eine Lehre geben in der eigenen Geschichte und Herkunft, falls sie es vergessen hatten. Noch einmal schickte Jeftah seine Boten aus und er schärfte ihnen verständige und ausführliche Worte ein, von denen sie nicht abzuweichen hätten. Erklärt es diesem frechen König der Ammoniter! Vielleicht begreift er es. Nun, wenn nicht, so ist er schuldig am eigenen Blut und am Blut seines Volkes. Wir werden gerecht sein vor Jah!

Und so sprachen die Boten zu Ammons jungem König, der sich danach sehnte, Lots alte Besitzungen weit über den Osten des salzigen Meeres hinaus zu vergrößern.

„So spricht Jeftah: Keinesfalls hat Israel das Land Ammons und Moabs genommen. Als sie einst aus Ägypten heraufkamen, da zog Israel durch die Wüste bis an das Meer, das man das Rote nennt. Von dort zogen sie weiter nach Kadesch und lagerten sich bei Kadesch in der Wüste. In ihren alten Besitz westlich des Jordan wollten sie. Also sandten sie friedliche Boten aus. Zuerst schickten sie zum König von Edom, Herr über die Söhne Esaus, des Bruders Jakobs, Fleisch von ihrem Fleisch. Sie ließen ihm ausrichten: Lass mich durch dein Land ziehen, dass ich in meinen Besitz komme. Doch Edoms König traute ihnen nicht und er verweigerte den Durchzug.

So versuchte Israel es auf anderem Wege, um Frieden mit seinen Brüdern bemüht. Also schickte es Boten zum König von Moab, zu deinem Bruder. Doch auch Moab verweigerte sich ihnen. Also blieben Jakobs Söhne in der Wüste bei Kadesch liegen, bis sie wieder aufbrachen und sowohl Edom als auch Moab umgingen.

So blieben sie im Osten, jenseits des Arnon, der bis heute die Grenze zu Moab und Ammon ist. Dort sandte Israel erneut Boten aus. Dieses Mal zum König der Amoriter. Doch auch ihr König Sihon wollte nicht hören. Mehr noch, er sammelte sein gesamtes Kriegsvolk und zog aus gegen die Söhne Israels, die im Osten friedlich lagerten. Unser Gott aber stand uns bei, so dass wir die Amoriter schlugen. Auf diese Weise nahmen wir ihr Land vom Arnon im Süden bis zum Jabbok und den Jordan hinauf bis zum Jarmuk im Norden. So nahmen wir es in Besitz und wohnten darin von jenem Tage an bis heute. Und du, du willst uns daraus vertreiben?

Wohlan, lass uns rechten! Verhält es sich nicht so, dass Jah, unser Gott, uns das Gebiet der Amoriter gegeben hat, als sie gegen uns aufstanden? Tust du nicht ebenso und nimmst alles Land, das dein Gott Milkolm dir in die Hand gibt, in deinen Besitz? Hält Moab es nicht gleichermaßen mit dem, was sein Gott Kemosch ihm gibt? Hältst du dich nun für größer als dein Bruder Moab, der friedlich jenseits des Arnon wohnt und niemals einen Rechtsstreit mit Israel begonnen hat, Dreihundert Jahre lang, während wir unsere Städte östlich des Jordan bewohnten? So viel Zeit habt ihr verstreichen lassen und jetzt wollt ihr aufstehen? Nichts haben wir gegen dich und dein Volk getan. Doch du, du hast Böses im Sinn gegen uns!“

Schwer wogen die Worte Jeftahs und ein kaltes Schweigen des Königs der Ammoniter folgte. Als jedoch einige Tage vergangen waren, kehrten die jungen Männer, die als Boten gesandt worden waren, zu dem Obersten Manasses zurück und fielen auf ihr Knie. Mit verschatteten Brauen berichteten sie von der Antwort der Ammoniter. Ihr König bestand darauf, dass das gesamte Land im Osten des Jordan von jeher ihnen zugestanden hatte. Sie wollten nicht nur im Osten des Salzmeeres, im Schatten des vernichteten Sodom, im Gedächtnis des verdorrten Gomorra wohnen. Der Arnon war ihnen nicht genug. Sie bestanden auf die süßen Hänge und Ebenen des Jordans.

Was blieb Jeftah nun übrig, was konnte der Sohn einer Hure also anderes tun als das, was er immer schon getan hatte? Sich den Widersachern und Feinden vor das Gesicht setzen und blutig zuschlagen, wenn es das Recht erforderte. Jeftah stand auf und griff nach seinem Schwert. Mit grimmigem Grimm ergrimmte er.