Vom Vergangenheits-Hocker zur Hellebarde des duldsamen Katholizismus

Buchbesprechung zu:

„Ohne Furcht und Tadel“

Roman von Evelyn Waugh

(Englischer Originaltitel: „Sword of Honour“ 1965 als Trilogie umfassend die drei Romane „Men at arms“ 1952, „Officers and Gentlemen“ 1955 und „Unconditional Surrender“ 1961)

Aus dem Englischen von Werner Peterich 1979, für die Neuausgabe 2016 bei Diogenes durchgesehen

976 Seiten

Vom Vergangenheits-Hocker zur Hellebarde des duldsamen Katholizismus

Nach der Trennung von seiner äußerst lebenslustigen, bei anderen Männern allzu begehrten Frau Virginia, fällt Guy in eine acht Jahre währende Lethargie hinsichtlich seines Willens, etwas Neues zu beginnen und auch hinsichtlich seines eigentlich festen, katholischen Glaubens. Die Ereignisse auf dem Kontinent treiben ihn schließlich aus seinem selbstgewählten Exil in dem abgelegenen italienischen Ferienhaus der Familie zurück in die britische Heimat. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges scheint für den gehörnten und ziemlich ruinierten Adligen aus altehrwürdiger Familientradition eine willkommene Gelegenheit, die eigene Würde wiederherzustellen. Hier also ist die Möglichkeit, sich als Mann zu beweisen, vielleicht ein Held zu werden oder zumindest das Ansehen des britischen Gentleman reinzuwaschen von der peinlich gescheiterten Ehe mit einer nichtkatholischen Frau, die er nie hätte heiraten sollen.

Soweit der Beginn der Geschichte, die sich langsam entspinnt und im Grunde nicht sehr viel mehr an Bewegung zu bieten hat. Deshalb halte ich kurz inne und weise wieder einmal auf die herrlich ironische Art des Autors hin, mit den Namen seiner Protagonisten zu spielen. Virginia, von der Namensherkunft auf „virgo“, die Jungfrau und damit auch auf die katholische Tradition der Verehrung der Jungfrau Maria zurückzuführen, ist alles andere als fromm und jungfräulich. Ihr Charme und ihre gute Figur ermöglichen es ihr, von einem Mann nach dem anderen ausgehalten zu werden. Sie sucht das Vergnügen so sehr, wie es ihr Exmann Guy Crouchback scheut. Virginias aktueller Nachname „Troy“, wie die englische Form von Troja, erinnert an die berühmte Ehebrecherin Helena von Troja, wegen der ein ganzer Krieg begann. In gewisser Hinsicht zieht auch Guy wegen seiner Frau in den Kampf. Allein sein Familienname Crouchback symbolisiert den angeschlagenen Charakter des Hauptprotagonisten mehr als hinreichend. Guy „Zurück-Hocker“ könnte man recht unzureichend übersetzen. Er ist, obwohl er militärisch vorstoßen will, im Leben immer auf Rückzug und Defensive eingestellt, immer mit wehmütigem Blick in eine längst verlorene, glorreiche Vergangenheit. Eine passive Duldungshaltung, die wir von Evelyn Waughs Helden in seinen anderen Romanen schon so gut kennen. Es ist eine perfekte Strategie, die Umstände und Vorgänge herrlich zu überzeichnen und den Protagonisten ordentlich durchzuschütteln, damit der Leser stets in der Schwebe zwischen vergnügtem Schmunzeln und grübelndem Zweifel gehalten wird. Das ist es eben, was das besondere Lesevergnügen bei Evelyn Waugh ausmacht.

Wie die Sache zwischen Guy und Virginia schließlich ausgeht, soll hier ausgespart bleiben. Für das Wesen der Geschichte, die eine Art Mischung aus Kriegsroman und Entwicklungsroman darstellt, ist diese Beziehung eher ein Nebenstrang, an dem Guy sich zusätzlich beweisen wird. Das Unerhörte liegt eher in der fürchterlich bemitleidenswerten Karriere des Offiziers Guy Crouchback. Sein Problem ist ganz einfach biologisch zu verorten. Er ist zu alt, beinahe vierzig, um in einer anständigen Schlacht gemeuchelt zu werden und den „guten Tod“, den „bona mors“ zu sterben, für den er als braver Katholik ja betet. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, sich bei den Streitkräften Seiner Majestät einzuschreiben, verhilft ihm schließlich der Mann, der ihm die Frau ausgespannt hat, zu einem Platz.

Guy Crouchback wird im „Royal Corps of Halberdiers“ als Offiziersanwärter aufgenommen und ausgebildet. Diese Kampfeinheit der britischen Armee ist frei erfunden und bildet so ein Sammelbecken für allerlei kuriose Gestalten, die aus unterschiedlichen Gründen Zuflucht oder Bewährung in einem traditionsreichen Regiment suchen. Ein nicht ganz sauberer Tropenexperte, einige Ehrgeizige, einige menschliche Überreste der Hoffnungslosigkeit und ganz allgemein Briten, die sich Vaterland und Krone zwar verpflichtet fühlen, doch den Krieg im Grunde für einen herrlichen Spaß oder schlechten Witz halten. Mit britischem Gleichmut und dekadenter Distanz nimmt man den Bombenkrieg hin und ergibt sich in den militärischen, oft absurden Alltag aus Befehlen und Gegenbefehlen, Langeweile und sinnlosen Übungen. Die Halberdiers leiten sich von der alten, nicht mehr als Waffe gebräuchlichen Hellebarde ab. Die einzige Einheit, die im 20. Jahrhundert noch Hellebarden vor sich her trägt, ist die Schweizer Garde, die den Vatikan und den Papst bewacht. Auch die Beschreibung der farbenprächtigen Uniform der Halberdiers erinnert an die Schweizer Garde. Der Name dieser fiktiven Einheit verkörpert Tradition, Vergangenheit und das Festhalten der wenigen katholischen Familien Englands an ihrem Glauben. Es ist die passende Einheit für Guy Crouchback, auch wenn er es lange nicht einsehen will.

Denn Guy will indes nichts weiter als einen Einsatz an der Front. Der Leser fiebert mit ihm. Wann endlich kommt sein großer Tag? Wo wird er Teil des Krieges und leistet seinen Beitrag? Über 900 Seiten lang wartet man darauf, dass endlich die entscheidende Schlacht stattfindet. Nicht, dass Guy keine Kriegswirren erlebt. Es fliegen genug Stukas über seinen Kopf hinweg, in London fallen zahlreiche Bomben neben seinem Club auf die Straßen und Häuser, die Verdunklung ist bedrückend allgegenwärtig, Beschuss dröhnt aus jeder Richtung. Doch eine Verkettung von geheimdienstlichen Irrtümern und kuriosen Zufällen sorgt dafür, dass Guy Crouchback tatenlos von einem Ort zum anderen geschoben wird: In schottische Einsamkeit, beherrscht von einem verrückten Adligen, der besessen von Sprengstoff ist; in ungemütliche Übergangslager voll „heillosem Durcheinander“; in nordafrikanische Gefilde überzogen von Stolperdraht; immer wieder das zerbombte London; gähnend langweilige Schiffspassagen und schließlich Jugoslawien, wo er sich als unfreiwilliger Vermittler zwischen kommunistischen Partisanen, sturen Vorgesetzten der eigenen Armee und einer Gruppe elender, geflüchteter Juden wiederfindet.

Es ist Guy nicht bestimmt, den guten Tod zu sterben oder ein gefeierter Kriegsheld zu werden. Seine Rolle wird deutlich, als er die letzten Worte seines sterbenden Vaters immer wieder liest und sich an ihnen festhält:

„Der mystische Leib Christi nimmt keine theatralische Haltung an und ist nur auf seine Würde bedacht. Leiden und Ungerechtigkeit akzeptiert er. Beim ersten Anzeichen von Reue ist er bereit zu vergeben. […] Quantität tut nichts zur Sache. Wenn nur eine einzige Seele gerettet werden konnte, rechtfertigt das jeden Verlust an Gesicht.“ (Brief von Mr. Crouchback an seinen Sohn Guy, S. 674) (S. 826 / S. 858)

Guy soll nur das tun, was ihm möglich ist. Er soll gar nicht die ganze Welt retten und Schlachten entscheiden. Er soll nur eine Seele retten und das wird genug sein und ihn wieder zurückbringen zu eigenem Lebenswillen und Glaubensmut. Welche Seele es ist, die er schließlich rettet und um welche er sich vielleicht vergeblich bemüht, soll hier nicht verraten werden. Aber sein Vater soll Recht behalten. Guy ist mit den falschen Motiven in einen sinnlosen Krieg gezogen, aber die Sache geht gut für ihn aus. Unerwartet, aber gut. Ein resignierter Mann voller Todessehnsucht wird selbst zur Hellebarde für den rechten Glauben. Und das ganz undramatisch. Der sympathische Dulder lernt seine Lektion aus dem Zweiten Weltkrieg, die uns unverschlüsselt durch den Mund der italienischen Jüdin Madame Kanyi übermittelt wird:

„Gibt es einen Ort, der frei ist vom Bösen? Es ist zu einfach zu sagen, nur die Nazis hätten den Krieg gewollt. Diese Kommunisten wollten ihn auch. Das war für sie die einzige Möglichkeit, an die Macht zu kommen. Viele von meinen Leuten wollten ihn auch, um sich an den Deutschen zu rächen und um die Errichtung eines jüdischen Nationalstaates zu beschleunigen. Mir scheint, den Willen zum Krieg, die Todessehnsucht, gab es überall. Selbst gute Menschen glaubten, durch den Krieg ihre private Ehre wiedererlangen zu können, ihre Männlichkeit unter Beweis zu stellen, indem sie töteten und getötet wurden. Sie waren bereit, Mühsal als Ausgleich dafür in Kauf zu nehmen, dass sie selbstsüchtig und träge gewesen waren. Die Gefahr als Rechtfertigung für Privilegien. Ich kenne Italiener – vielleicht nicht sehr viele -, die genau so dachten. Hat es in England keine gegeben?“

„Gott verzeih mir“, sagte Guy. „Ich war einer von ihnen.“

(S.965/966)

Evely Waughs Roman ist dreierlei: sympathisches Bekenntnis zu einem traditionellen Katholizismus, satirischer Anti-Kriegsroman und Entwicklungsroman um die Figur des Guy Crouchback. Gerade die abgestumpfte Alltäglichkeit des Bombenkrieges und das Nicht-Heldentum des Hauptprotagonisten vermitteln einen starken Eindruck von jener traumatischen Erfahrung des totalen Krieges, der das Angesicht der traditionellen Welt, der auch Evelyn Waugh ein wenig hinterher trauert, für immer verändern sollte. Viel langsamer im Erzähltempo und sehr viel überlegter als andere Werke des Autors, aber unverkennbar Waugh und wie immer lesenswert.