Die Kunde von Jeftah – 9. Der Schwur

Der Schwur

Wie Licht und Dunkel in eiligem Wechsel fiel es auf Jeftahs Gemüt, als hätten alle Himmel weit über den Wolken sich geöffnet und würden die Gesichte Jahs, des Herrn und Gottes Israels, wie Blitze in den Geist des Mannes senden, den man einst nur den Hurensohn genannt hatte. Nun stand er dort und er war Anführer und Prophet, Krieger und Ausgewählter seines Gottes. „Lasst uns durch die Besitzungen Manasses ziehen, durch Ruben und Gad, sie alle zu sammeln, wer willig und fähig ist, die Unverschämten und Aufrührerischen zu lehren und zu schlachten!“

Zuerst zog Jeftah seine treuesten Männer, die ihm seit den ersten, wilden Tagen gefolgt waren, zusammen. Er ritt eilig hin zu dem Ort seiner Ruhe, unterhalb der Anhöhe Mizpas, wo seine Tochter Mirjam wohnte und ihre liebsten Schafe weidete. Die Mutter des Obersten Manasses hatte den großen Tag ihres Sohnes nicht mehr kommen sehen. Sie lag begraben neben dem Weib, das ihm die fröhliche Sängerin geboren hatte, die ihm jetzt entgegen eilte und ihre schlanken Arme um seinen Hals warf. Jeftah lachte und er küsste seine Tochter auf die gebräunten Wangen, dass sie rosig glühten. Sie war das Einzige in diesem Leben, was ihm neben der rauschhaften Freude auf bevorstehende Kämpfe, lichtvolle Wärme um sein sonst hartes Herz legte.

„Licht meiner Augen. Trost meiner schweren Tage. Du Süßigkeit auf diesen Hängen! Hüte dich, auszugehen und bleibe in den Mauern des Hauses, bis ich komme und den Sieg verkünde. Denn die Hunde der Ammoniter sind wild entschlossen, uns das Land zu nehmen.“, warnte Jeftah sein Kind.

Mirjam lachte nur, so sorglos wie ihr Vater in jungen Jahren. Abermals warf sie ihre Arme um seinen gewaltigen Nacken und gab die Küsse zurück. „Du wirst sie schlagen, mein Vater, Herr von Tob und von Manasse. Mir träumte, dass es ein Tag des Sieges für dich wird. Lass mich dir singen von der Schlacht gegen die Amalekiter und von den Kämpfen des Josua gegen Jericho und die Abgötter Kanaans!“

Jeftah hob mahnend die Hand. „Kind, höre auf das, was ich dir sage und hüte dich. Ich ziehe nach Mizpa hinauf und opfere Jah, dem Ewigen. Auch wenn ich weiß, dass Er mir die frechen Ammoniter bereits zu Füßen gelegt hat, will ich Ihn ehren.“

Mirjam nickte eifrig. „Wir müssen tun, was Jah uns geboten hat, ist es nicht so? Das Wort gilt! So hast du es mich gelehrt.“

Jeftah lächelte traurig. „Als du noch klein warst und auf meinen Knien gesessen hast. Jetzt, so fürchte ich, sind meine Knie bald zu alt, um sich zu beugen.“

„Du bist die Kraft Manasses! Du bist aller Vater!“, rief Mirjam und für einen Augenblick leuchtete prophetischer Glanz auf ihren Wangenknochen, spiegelten ihre Augen wider, was die Schwester des Mose, nach der sie hieß, von der Herrlichkeit des großen Gottes gesehen hatte, der sein Volk einst aus Ägypten gelöst und sie siegreich in dieses Land versetzt hatte.

„Du sprichst die Wahrheit. Bei dem Lebendigen!“ Jeftah küsste seine Tochter noch einmal, dann drehte er sich um und warf nicht einen Blick zurück auf sein Heim, denn er war ein Kriegsmann und das vor ihm liegende Blut zog seine Aufmerksamkeit von allem anderen ab, was seinem Herzen in Friedenszeiten sonst wichtig war. So zog er herauf von seinem Haus zur Anhöhe Mizpas, wo der Stein und Altar des Ewigen ruhten und wo die Nachkommen der Leviten und die Ältesten Gileads ihn grüßten. Sie hielten Sündopfer und Lobopfer bereit und das erste Blut des Krieges floss aus Stieren und Böcken.

Der Geruch stieg Jeftah süßlich in die Nase und für einen Augenblick wich alle Kraft aus ihm, verdrängt von der Macht des Höchsten, die ihn seit dem Tag seiner Einsetzung als Oberster immer drängender erfüllte. Das war der Geist, der auf Mose gelegen hatte und der auf allen großen Männern des Volkes ruhte, auf gerechten Richtern und grimmigen Propheten. Der Sohn der Hure sank auf seine Knie. Wollte er siegreich sein in dieser größten Schlacht seines Lebens, so musste er sich unter diese Macht beugen. Das wusste er. So hob er seine Hände auf und betete an.

Sein Mund öffnete sich und ein Bundesschwur, beseelt von Kampfeslust und Opferduft, brach sich unaufhaltsam Bahn. So dass es alle hörten, rief Jeftah in den zum Himmel aufsteigenden Rauch hinein. Sein Schwur erschreckte und stärkte die Männer zugleich. Die Worte gruben sich tief ein und wer dabeistand, der merkte sich Tag und Stunde.

„Wenn es wirklich sein soll, dass du mir die Söhne Ammon in meine Hand auslieferst, Herr, dann soll der, welcher zuerst über die Schwelle meines Hauses tritt, mir entgegen, mich zu grüßen, da ich siegreich und in Frieden zurückkehre, ja der soll dir gehören! Wer es auch sei, er gehöre dem Herrn! Als Brandopfer, als Ganzopfer des Lobes soll derjenige dem Herrn gehören! Opfern will ich ihn!“

Denn Jeftah hatte viele Knechte und Mägde, die bereitstanden, wann immer er in sein Haus trat. Sie dienten ihm nicht mit dem Schwert sondern mit ihren Händen und er behandelte sie gut. Doch für das Land, das Manasse hielt, musste jeder ein blutiges Opfer bringen, der darin wohnen wollte. Ohne Blut, das die Erde tränkte, konnte niemand an seinem Ort wohnen bleiben. Das hatte der Sohn der Hure gelernt. Blut und das treue Wort eines Mannes galten und die Tat besiegelte es.

Aufrecht in seinem Mut und erfasst von altbekannter Kühnheit zog Jeftah durch alle Niederlassungen Manasses und rief seine Brüder zur Schlacht. Sie folgten ihm willig, denn wer konnte schon der Stirn des Mannes entgegenstehen, der im Land Tob ausgehalten hatte und dessen Arm es war, der die Ammoniter so lange auf Abstand gehalten hatte?

Der Sohn der Hure, der unmögliche Spross aus Gileads Schoß lenkte einen Strom von Männern Richtung Süden, wie man ihn lange nicht gesehen hatte. Selbst die von den Versprengten aus Ruben und Gad schlossen sich ihm teilweise an, als der Fluss gequert wurde und man den gerüsteten Ammonitern bei Aroër begegnete. Sie hatten keine Gelegenheit mehr, sich mit Moab fest zu verbünden, denn Jeftah, gelehrt durch die Härte der Wüste und gestärkt durch den Blutbund, kam mit grausigem Geschick und grimmiger Gewalt auf sie nieder.