Die Kunde von Jeftah – 10. Das Schlachten

Das Schlachten

Die Leiber ihrer Vorväter waren gehärtet worden an den Ziegelfeuern Ägyptens, an den bebenden Hängen des Sinai, in den trockenen Tälern des Südens, bei den Schafhürden in nächtlichen Kämpfen mit der säugenden Bärin und dem grimmigen Leu. Die Mütter waren unermüdlich auf dem Feld und ihre Hände waren nicht zu sanft, auch wenn immer noch das geerbte Gold Ägyptens an ihnen hing und wohl auch Neues von Tyrus und Saba herkam. Die Frauen in den Zelten und Hütten herrschten wie Königinnen über Söhne und Töchter. Jeder Mann wie Vater Abraham und jede Frau wie Mutter Sara. Die Söhne und Enkel derer, die vor mehr als dreihundert Jahren in die Landfalten Kanaans geströmt waren, scheuten keinen Kampf und kein Blut und wenn es ihnen recht dünkte, dann erinnerten sie sich an ihren starken Gott, der mit seinem Finger das Heer des Pharaos ausgelöscht und auch unter ihnen selbst mit Feuer und Eifer gewütet hatte.

Milkolm und Kemosch zitterten vor Jah, denn die Gerüchte über seinen Zorn hatten sich über Grenzflüsse und Generationen hinweg verbreitet. Oh, wäre Lot doch nie mit seinem Oheim gezogen oder wäre er doch friedlich unter Abrahams Hand geblieben und hätte sich nicht in Verlangen nach einem eigenen Namen nach den Städten ausgestreckt, die nun unter dem bitteren Salz des tödlichen Wassers begraben lagen. Lot hatte nicht nur seine Töchter sondern auch die Götter seiner neuen Gefährten mit sich geführt und jetzt rissen seine Enkel ihren Mund auf gegen den Gott über allen Göttern.

Das Lied seiner Tochter Mirjam über Gottes Taten unter dem Stab des Mose klang im Schädel Jeftahs nach. Der Klang des Tamburins hämmerte wie sein Herz, das von innen glühend gegen den Lederpanzer sprengte. Seine Augen sahen weit und klar das Land und die Heeresordnungen und er lachte über die bekümmerten, ängstlichen Gesichter der Ammoniter, die sich hinter ihren Schilden verbargen, die Schwerter und Speere ausgestreckt hielten und die Staubwolke beobachteten, die sich immer näher auf ihre Reihen zu wälzte. Es war ein Sandsturm, erzeugt von den aufschlagenden Füßen der rasenden Tausendschaften Manasses.

Hatte Ammons König nicht hart verhandelt? Standen Lots Söhne nicht hier am Jabbok, um das stolze, verstreute Hirtenvolk Manasses zu schlachten? Waren die dort drüben von Israel nicht eigentlich lose Männer, die nur nach sich selbst schauten? Woher hatten sie jetzt eine Schlachtordnung? Woher kam dieser Anführer, dessen Gesichtsfurchen wutverzerrt und schweißglänzend leuchteten und dessen Mund wie der Rachen eines Löwen aufgesperrt Befehle brüllte? Wie eine Faust schlossen die breiten Reihen Manasses die unvorbereiteten Flanken Ammons ein und drückten sie in der Mitte zusammen.

Jeftah zögerte nicht. Sofort warf er den Speer in die erste Ordnung der Ammoniter und hieb mit seinem Schwert hinterher. Waren seine Knie und Ellenbogen nicht eigentlich schon zu bequem geworden von der Fettigkeit seines Hauses? Nein, seine Augen und Hände erinnerten sich an jeden verzweifelten Tag im Lande Tob. Damals hatte er nur für sich und seine Freunde gestritten, heute musste er ein ganzes Volk am Leben erhalten, einen der zahlreichsten Söhne Jakobs, der Land und Platz benötigte, um zu bestehen. Die Frechheit der Ammoniter musste abgeschnitten werden wie der Hals des Mannes vor ihm, den er gerade zerfetzte.

Jeftah und seine Männer stießen schnell vor, ohne auf ihr eigenes Leben zu achten. Die Söhne des Ostens hatten sie gelehrt, dass man schnell zuschlagen musste. So blieb Ammon nichts übrig, als seine Erschlagenen ausgebreitet am Jabbok liegen zu lassen und vor Manasse zu fliehen. Doch Jeftah gab nicht den Befehl für Stillstand und Rückzug. Er hob den Arm und befahl zu rennen, den Geschlagenen hinterher. „Treibt sie wie Vieh von den Bergen! Treibt sie zurück von Manasses Grenze, zurück aus Rubens und Gads Feldern! Jeder Rücken, den ihr erreicht, den durchbohrt! Keine Gefangenen! Tötet alle, die vor eure Klinge kommen, bis der Bruderfluss Arnon erreicht ist!“

Und die Männer Manasses, die den Sieg gerade so leicht wie blutig geschenkt bekommen hatten, gehorchten ihrem neuen Herrn. Keine Hitze konnte sie ausdörren, keine Erschöpfung rührte ihre Glieder. Sie spürten nichts als Rausch und Freude und sie jubelten bei jedem Ammoniter, der schreiend und durchbohrt zu Boden fiel. Grausam waren sie, der Hurensohn und seine dreihundert engsten Gefolgsleute. Ihre Gnadenlosigkeit schreckte auch die anderen von Manasse. Von Ehrfurcht und Blutdurst betäubt folgten sie ihrem Obersten, bis die letzten Ammoniter sich verzweifelt in die Fluten des Arnon stürzten. Wer nicht ertrank und das andere Ufer erreichte, rannte sofort weiter um sein Leben, denn Jeftah hörte nicht auf, sie zu treiben.

Erst als die Spitze von Manasses Heer sich an den beiden Flussufern verteilte, hielt er inne und sank auf die Knie. Lachend hob er die Hände zum Himmel auf. Das Blut der Ammoniter bedeckte die braune Haut seiner Arme und seines Gesichtes. Er roch und schmeckte es metallisch in seinem Kopf und vor seinen Augen hing ein roter Schleier, den die Freudentränen nur langsam fortspülten. Widerwärtig war das Schlachten von Männern und doch erhob es Jeftahs Herz. Das war sein Teil in diesem Leben, blutig und siegreich.

„Dir, Jah, gehört mein Opfer! Wie ich geschworen habe! Nicht nur Ammons Blut sei dein auch der erste Grüßer meines Hauses gehört dir. Wie ich sprach, so werde ich tun, weil du mich erhoben hast über alle meine Brüder! Was sie mir raubten, hast du tausendfältig in meine Hand zurückgegeben. Dein ist, was ich habe!“

Neben Jeftah beteten auch andere Männer an. Jubelnd, singend, rufend zogen sie wieder hinauf in die Gegend Gileads. Hin zu Mizpa, hin zu Jeftahs Sitz, um den Sieg mit ihm zu feiern. Vielleicht hätten sie etwas leiser gejubelt, ja sogar demütig geschwiegen über das vergossene Blut ihrer entfernten Brüder, wenn die Nachricht dadurch weniger schnell an die Ohren der zurückgebliebenen Männer und Frauen gedrungen wäre. Vielleicht wäre dann ein Ende gewesen und kein weiteres Blut wäre geflossen. Doch der Stolz und der Mund Jeftahs hatten bereits beschlossen, was der Mann selbst nicht ahnte, bis sich die Tür seines Hauses öffnete.