Die Begegnung
Ein eiliger Rhythmus der Freude zitterte über das Fell des Tamburins. Schlanke, olivfarbene Finger, voll jugendlicher Kraft, strichen mal sanfter und mal härter darüber und ließen die Zimbeln klangvoll beben im Auf und Ab des Liedes, das Mirjam nach jenen Versen gedichtet hatte, die einst die Schwester des Mose zu der Vernichtung der Ägypter angestimmt hatte. Ihre Stimme hallte unter den niedrigen, fein belaubten Dächern der Tamarisken hinüber zu den Männern, die blutüberströmt und wartend auf dem Pfad zum Haus des Jeftah standen. Ihr Kriegsherr hatte sich von ihnen gelöst und ging allein hinauf. Die weidenden Schafe hoben die Köpfe und schüttelten die Ohren. Sie lauschten abwechselnd auf den Klang der hellen Stimme ihrer jungen Hüterin und auf die hallenden Schritte des Vaters, der ihr entgegen ging.
Das Lied schwoll immer kräftiger an, ebenso wie das Herz des Obersten aller Männer Manasses. Jeftah lauschte. Taub im Sinn, unglücklich im Gebein.
„Dem Herrn, unserem Gott, dem singe ich,
denn Er ist hoch und erhaben, heilig und erhöht.
Meine Kraft und mein Singen
ist Er, mein Gott und Gott meiner Vorväter.
Ein Held im Kampf, Jah der Streitbare,
dessen rechte Hand nicht nachlässt,
dessen Macht den Feind zerschmettert.
Du wirfst die Hochmütigen zu Boden,
Dein Zornesfeuer verzehrt sie allesamt.
Der Feind sprach:
austilgen vom Osten des Jordan will ich Josephs Sohn,
vertreiben will ich Manasses Tausendschaften vom Wasser.
Doch Seine Rechte war mit Jeftah,
Seine Kraft half Gileads Höhen.
Schrecken vor Jah und Seinem Erwählten!
Furcht über die Götzen Kanaans!.
Dein Volk pflanzt du an die Hänge und Furten,
seine Herden mehrst du, seine Frucht bringst du hervor.
Dem Herrn, unserem Gott, dem singe ich,
denn Er ist hoch und erhaben, heilig und erhöht.
Meine Kraft und mein Singen
Ist Er.“
Als Vater und Tochter einander auf dem Weg zum Haus begegneten, verklangen gerade die letzten Töne und Mirjams Augen blitzten voller Liebe und Freude auf, als sie ihren Vater erblickte. Er lebte und es war das Blut der Ammoniter, das ihn beschmutzte, nicht das eigene! Also hatte die Stimme des Großen Gottes tatsächlich in ihre Träume und Lieder geflüstert und sie hatte den Sieg gesehen. Die Kraft ihres Gottes legte sich schwer auf Mirjams Seele und der Schrecken über das fahle Gesicht Jeftahs, seine plötzlichen Tränen und Schreie, ließen sie nur leicht erbeben.
Der Sohn der Hure, dessen Herz über die Jahre hart und unbeweglich geworden war, sank zusammen zu dem Knaben, der er einst gewesen war. Gleichwie seine Tochter empfand auch er die unbedingte Macht ihres gemeinsamen Gottes. Jeftah griff sich an die Brust und er riss Ober- und Untergewand mit einem Ruck auseinander, dass die schweißglänzende Haut hervorbrach, erschüttert von den Schreien, die aus seiner Kehle drangen.
Mirjam legte das Tamburin nieder. Sie beugte sich hinab zu ihrem Vater und legte wie immer tröstend und liebend ihre zarten Arme um seinen störrischen Nacken. „Mein Vater, was lässt dich so klagen an einem Tag des Jubels?“
Jeftah griff nach seinem Kind und er presste seinen einzigen Schatz in dieser Welt an sich. „Wehe! Wehe! Du selbst bist es, du stürzt mich ins Unglück! Ich habe dem Herrn geschworen. Ein heiliger Schwur, der nicht gebrochen werden kann! Wehe mir! Ich selbst habe meinen Mund weit aufgerissen gegen den Herrn, unseren Gott!“
Mirjam küsste ihren Vater. Hatte sie nicht neben den Gesichten vom Sieg eine Ahnung von Trauer gehabt? In der Nacht hatte der Wind von Osten her mit Hitze und dumpfem Rascheln die Zweige der vertrauten Tamarisken bewegt. Die Schafe und Ziegen hatten Laut gegeben und waren nur langsam zur Ruhe gekommen. Doch es war nicht der Löwe, der um die Hürden schlich. Es war der Herr selbst, der sein Volk besuchte.
Mirjam wusste, dass der Tag, an dem das Leben Manasses auf den Höhen Gileads gesichert sein würde, der Tag ihres eigenen Endes wäre. Sie umarmte erneut ihren Vater. Sie glaubte wie er an die Weisungen Jahs und sie kannte die unbedingte Kraft des Gottes, der den Arm Jeftahs zum Schlachten bewegt hatte. „Mein Vater, wenn es so ist, dass du deinen Mund gegen den Herrn aufgerissen hast, dann handle nach deinem Gelübde an mir. Denn der Herr hat dir Rache und Genugtuung an allen verschafft, die dir entgegenstanden. Dann gib Ihm, was du versprochen hast. So gewähre mir eine Zeit des Abschieds. Lass mich mit meinen Gefährtinnen zwei Monate auf die Höhen ziehen und weinen darüber, dass ich meine Jungfrauschaft keinem Mann, sondern nur dem Herrn allein schenken werde. Dann kehre ich zurück zu dir und du sollst deinen Schwur an mir erfüllen.“
Jeftah wurde still und er sah sein Kind, die Tochter, die mehr wert war als zahllose Söhne, bewundernd an. Wie war es möglich, dass dieses Kind stärker war als er, der Mann von Tob, der unzählige Kämpfe ausgefochten und sich über alle anderen gesetzt hatte? „Geh hin.“, sagte er nur.
Und Jeftah ließ Mirjam ziehen. Lange sah er ihr nach. Der Sohn der Hure Gileads hatte nichts als seine Herrschaft über Manasse. Was war dieser Gewinn gegen die bittere Wahrheit, dass er niemals Enkel auf seinen Knien würde wiegen können?

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