Das Opfer
Die Dankgebete der Ältesten bei Mizpas heiliger Stätte waren leise und der eine oder andere Vater einer Tochter legte dem Obersten wohl auch sachte die Hand auf die Schulter, klopfte ihm den Rücken oder lief ernst nickend an ihm vorüber. Jeftah nahm diese Gesten regungslos hin. Teuer erkauft war die Ergebenheit Manasses und die Macht über den Osten des Jordan. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte er keine Freude am Geruch des Blutes finden. Das Feuer auf dem Altar schien höher aufzulodern als sonst. Ein Brandopfer war ein Ganzopfer. Es gehörte vollständig dem Herrn. Wie der Mensch, der unter Jeftahs Gewalt gewesen war und den er ausgeliefert hatte. Weshalb war nicht die Hand eines Engels herabgekommen und hatte dem übermütigen Krieger den Mund verschlossen? Doch es musste ja so kommen. Der Herr Israels wollte alles von dem Mann Jeftah.
Das Haus des Hurensohnes war leer. Keine sanften Arme und freundlichen Augen einer Frau mehr für ihn. Nicht seine Mutter, nicht sein Weib und nicht seine Tochter waren ihm geblieben. Dafür dienten ihm zahllose Männer und Frauen, bearbeiteten sein Land und hüteten seine Herden. Wäre Jeftah einmal auf dem Weg in den Scheol, würde alles, was er sich erworben hatte, an seine jüngeren Brüder fallen, die ihn zwar fürchteten, aber nicht liebten. Auch Manasse würde in die Bedeutungslosigkeit sinken ohne ihn. Jeftah ahnte es. Ein großer Stamm, der sich jenseits des Jordan, fern von den anderen Söhnen Jakobs, behaupten musste. Von Osten und Süden würde es immer gegen Manasses Höhen und Flanken drücken.
Jaftah betrat den Raum seiner Tochter. Er sah aus dem kleinen Fenster hinaus auf die feingliedrigen Tamarisken, unter denen die Schafe und Ziegen traurig lagerten wie es schien. Sie vermissten die Stimme ihrer Herrin und ihre süßen Lieder ebenso wie Jeftah. Der Mann sah sich um. Kein Auge lag auf ihm und er weinte, als er daran dachte, wie er Mirjam nachgesehen hatte. In einer heiteren Schar ihrer Gefährtinnen, ebenfalls Töchter tapferer Kriegsmänner, stieg sie in der Dämmerung den schmalen Bergpfad hinauf.
Zwei Monate verbrachten die Frauen dort oben und manchmal schien es Jeftah, als würde die klare Stimme Mirjams in den Nächten zu ihm hinab dringen, wenn er sich auf seinem Lager hin und her warf. Mal klagend und mal lachend. Am ersten Morgen des dritten Monats kam sie ihm entgegen und sie war verändert, nicht mehr sein Kind. Er hatte sie jetzt schon verloren. Es war dasselbe Lächeln auf ihren Lippen wie immer, doch es war älter und sanfter geworden. Ein Mädchen war in die Berge gestiegen und eine Prophetin war herabgekommen. Sie gehörte längst nicht mehr ihrem Vater, sie gehörte Jah, dem großen Gott.
Ein letztes Mal umarmten und küssten Vater und Tochter einander, ehe sie zum Altar in Mizpa gingen und dort das Brandopfer brachten, das sie beide dem Herrn versprochen hatten. Jeftah verbat seinen Männern, den Namen seiner Tochter ihm gegenüber oder untereinander jemals wieder auszusprechen, doch in den nächtlichen Stunden hörte der Sohn der Hure das letzte Lied seiner Tochter solange er lebte.
„Dem Herrn, unserem Gott, dem singe ich, denn Er ist hoch und erhaben, heilig und erhöht. Meine Kraft und mein Singen ist Er.“

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