Die Kunde von Jeftah – 13. Die Bitterkeit

Die Bitterkeit

Dunkel, ja fast schwarz waren die kräftigen Locken des Sohnes der Hure einst gewesen. Jetzt, da er täglich in Gileads Toren saß, schien der Mangel an Wüstensonne und Hitze sein Haar und seine Haut zu bleichen. Gern redete Jeftah sich das ein, doch es war das Alter und es war die Last auf seinen gewaltigen Schultern, die ihm das Haupt grau werden ließen. Täglich kamen und gingen Männer und legten ihm ihre Rechtssachen vor. In ihm, dem siegreichen Obersten, sahen sie den, der die Gerechtigkeit Gottes unter sie brachte.

Doch Jeftah wusste nur wenig von diesen Gerechtigkeiten. Wohl kannte er die Gesetze, die Mose und sein Nachfolger Josua ihnen hinterlassen hatten, doch seit sein Haus still war und keine Lieder mehr zu Gott aufstiegen, schien mit dem Haar auch der Geist Gottes in dem Richter Manasses zu verblassen. Nachdenklich strich der Mann seinen Bart und die ihn umgebenden Gefährten aus alten Tagen hielten ihn für weise und vernünftig. Jaftah hingegen kannte die Wahrheit seines Inneren. Er war nur müde.

Was ihn an diesem Tag endlich aufweckte, war der Zug von Männern, die offensichtlich als Boten auf Gileads Höhen stiegen. Sie sahen denen von Manasse recht ähnlich und wirkten dennoch fremd. „Das sind welche aus Ephraim.“, stellte einer von Jeftahs Gefährten leise fest. Ein anderer spuckte aus und äußerte sich lauter. „Feige Hunde sind es. Hast du nicht, Jeftah, ihnen Botschaft gesendet, als es gegen die Ammoniter ging?“

Jeftah erhob sich im Tor. Er nickte langsam. „Das tat ich. Lange vor den Verhandlungen mit Lots Söhnen fragte ich sie um Unterstützung. Keine Antwort kam.“

„Vielleicht kriechen unsere Brüder jetzt nach Gilead, weil sie dich zu deinem Sieg beglückwünschen wollen.“, meinte einer der jüngeren Männer leicht übermütig. Wie so viele verehrte er den wilden Mann aus Tob und suchte ihm nachzueifern. Solch einen hätte Jeftah gern als seinen Schwiegersohn in die Arme genommen. Mirjam – er durfte jetzt nicht an sie denken.

„Vielleicht.“, murmelte Jeftah, der es besser wusste und sich auf unbequeme Nachrichten einstellte. Die Müdigkeit floss wie von der Sonne aufgelöste Wolken dahin. Er starrte den Ephraimitern wachsam entgegen.

Als die Männer angekommen waren, verbeugte sich keiner von ihnen vor ihm, dem älteren Mann und Obersten eines ganzen Volkes. Hatten sie nicht gehört, dass Jeftah der Herr aller von Manasse geworden war? Selbst die vom westlichen Manasse hörten auf seine Stimme, selbst Ruben und Gad im Süden hatten Geschenke der Dankbarkeit gesendet. War Ephraim nicht wie Manasse? Ein Bruder desselben Vaters und derselben Mutter! Sie waren ein Stamm. Dennoch hatten sie geschwiegen, waren in ihrem Land geblieben und hatten nicht geholfen. Grimmig musterte Jeftah sie und winkte ihnen zu sprechen.

„Warum, so fragen unsere Ältesten, bist du allein hinübergezogen zu den Söhnen Ammon, um sie zu bekämpfen? Du hast uns nicht gerufen! Dafür soll dein Haus mit dir darin angezündet werden!“, verkündeten sie. „Unsere Kriegsmänner stehen bereits gerüstet an den Ufern des Jordan und warten auf dich!“

Jeftah wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit seinen Gefährten. Ein bitteres, hohles Lachen drang aus seiner Kehle, das die Boten ihrer frechen Nachricht zum Trotz ängstlich blinzeln ließ. Einen solch gewaltigen Mann wie Jeftah hatten sie nicht erwartet. Der Sohn der Hure wusste, wie er mit ihnen umzugehen hatte. „Ihr wagt es so zu reden? Ich und mein ganzes Volk, wir waren es, die einen heftigen Streit mit den Ammonitern ausgetragen haben. Es war allein unsere Angelegenheit und unser Blut haben wir dafür eingesetzt! Ich habe euch beizeiten zur Hilfe gerufen, doch ihr habt nicht geantwortet! Sollte ich warten, bis Ammon uns überrennt? Als ich sah, dass ihr, unsere Brüder, uns nicht helft, da nahm ich selbst Schwert und Leben in die Hand und zog gegen Ammon. Seht! Der Herr war mit mir und hat sie in meine Hand gegeben, dass ich sie vernichtete! Und jetzt, da wir so den Osten verteidigten, zieht ihr herauf und beleidigt mich? Den Kampf habt ihr ausgerufen. Den Kampf sollt ihr haben!“

Jeftah drehte sich um und winkte seinen Männern. Er ließ die Ephraimiter stehen, bis ins Mark beleidigt. Er wusste, welche Botschaft die Männer ihren Ältesten bringen würden. Der Oberste Manasses ließ die Männer Gileads aus ihren Häusern und von ihrem Land rufen. „Unser Bruder hat uns beleidigt und will gegen uns ziehen zum Kampf! Nehmt euer Schwert, zieht mit mir hinunter zur ephraimitischen Furt und seht, ob wir ihnen nicht eine Lehre erteilen!“

Der Sohn der Hure spürte den alten Funken in sich, der ihn bereits in den Tagen Tobs gejuckt hatte. Da war keine Müdigkeit mehr in ihm und es zählte nicht, dass sein Haar grau geworden war. Sein Arm wusste, wie er das Schwert zu führen hatte. Wieder waren es Brüder gewesen, die gegen ihn aufgestanden waren. Erst die Brüder aus dem Samen des eigenen Vaters und nun die Brüder des Stammes Manasse.

Bitter und dunkel wie eine wilde Frucht aus kargem Land schmeckte Jeftah den Willen zum Blut auf seiner Zunge. Einen gemeinsamen Vater und eine gemeinsame Mutter hatten sie mit Ephraim, dennoch schlachteten sie die Männer, die ihnen am nächsten waren, weil sie durch sie am tiefsten beleidigt wurden.