Das Blut
In der Furt, an der einst die Hirten Ephraims ihre Vieherden geweidet hatten, badete Jeftah seinen von der Schlacht erschöpften Leib und wusch das Blut der Brüder ab. Er und seine Männer hatten die übermütigen Tausendschaften Ephraims durch ihr hartes und eiliges Zuschlagen weit in der östlichen Ebene des Flusses versprengt.
„Sollen wir sie verfolgen wie die Ammoniter?“, fragte einer der Hauptleute.
Jeftah schüttelte den Kopf. „Unser Land wollten sie. Unsere Ehre haben sie beschmutzt. Wir werden sie tiefer noch kränken als durch das Schwert. Lasst uns über den Jordan ziehen und das Land westlich davon besetzen. Bis hinauf zum anderen Erbe unseres Stammes an jener Seite des Jordan setzt Wachen an allen Übergängen ein. Die Männer werden versuchen, über das Wasser zurück in ihre Heimat zu fliehen. Dort fangen wir sie ab. Alle, die es gewagt haben, gegen ihre eigenen Brüder aufzustehen statt ihnen zu helfen, werden geschlachtet.“
„Wie sollen wir herausfinden, wer sie sind? Nicht nur Ephraimiter queren den Fluss.“, fragten seine Männer.
Jefta lächelte grimmig. „Überprüft, was sie reden. Haltet sie an und zwingt sie „Schibbolet“ zu sagen.“
Die Hauptleute schwiegen und nickten. Sie hatten verstanden. Über dreihundert Jahre hatte jeder Stamm, der aus Jakobs Söhnen hervorgegangen war, in seinem eigenen Gebiet gelebt. So hatten sich nicht nur eigene Gewohnheiten eingeschlichen, die andere nicht kannten, auch in der Sprache waren sie verschieden geworden. Östlich des Jordan gebrauchte man noch häufiger die weichen Laute, doch westlich davon schienen die Zungen dazu nicht mehr fähig. Kein Ephraimiter von Geburt an würde Schibbolet sagen können. Wenn sie an die reife Kornähre dachten, rutschte nur ein einfaches Sibbolet über ihre Lippen.
Fast einen Monat verbrachten die Männer Jeftahs an allen flachen Übergängen des Jordan, die zwischen dem Salzmeer und den nordwestlichen Gebieten Manasses lagen. Wenn die flüchtigen Ephraimiter nicht im Salz ersaufen wollten, mussten sie unweigerlich durch den Fluss. Und auch hier versperrten entweder breite Fluten oder Jeftahs ergebene Krieger den Durchgang. Es wurde zu einer gleichmütigen Tat, einen Mann anzuhalten und ihn dazu zu bringen, das Wort „Kornähre“ auszusprechen. Konnte der Mann es nicht, zwang man ihn auf die Knie und schnitt ihm den Hals durch.
Das Wasser des Jordan begann zu stinken, denn das Blut der Geschlachteten floss aus 42 Tausend Leibern schwer und träge dahin. Ihre Leichen schleppte man landeinwärts an die neue Grenze von Ephraim, wo die Zurückgebliebenen ihre Väter und Brüder nachts heimlich holten und sie stillschweigend begruben. Keiner wagte, gegen Jeftah aufzustehen. Die anderen Stämme waren klug genug, sich aus dem Bruderstreit herauszuhalten.
Und so blieb Ephraim getrennt vom Strom, dessen ganze Länge nördlich von Jericho bis hinauf nach Bet-Schean nun Manasse gehörte. Niemand machte ihnen dieses Besitzrecht wieder streitig, denn Manasses Volk war zahlreicher als das der anderen Stämme. Man wartete einfach nur. Man wartete, dass Jeftah nicht mehr atmete. Denn so war es in dreihundertfünfzig Jahren immer gewesen. Ein Mann stand auf, der alle anderen anführte. Und wenn er gestorben war, stritten seine Söhne und Brüder so lange miteinander, bis an einem anderen Ort ein neuer Mann der Gewalt aufstand und eiserner Hüter seines Volkes wurde.
Als kein Ephraimiter mehr übrigblieb und nur einige wenige es über die Gebiete von Benjamin und Juda geschafft hatten, in die Heimat zurückzukehren, ließ Jeftah einige junge Männer zurück, die sich mit ihren Weibern und Kindern dort niederließen. Wie gerne hätte er auch Mirjam mit einem von ihnen verlobt und ausgeschickt. Sie wäre das Licht aller anderen an diesem Strom gewesen. Doch wie das Wasser des Jordan Ephraims Blut fortspülte, so floss es auch unerbittlich an Jeftahs Gedanken und Erinnerungen vorüber und machte ihn schwindlig.
Er wurde wieder müde. Wozu das alles? Er hatte den Vetter Ammon zerquetscht, den Bruder Ephraim geschlachtet. Er hatte die Söhne seines Vaters alle unter sich gebeugt. Sie mussten täglich ihre Knie vor dem Sohn der Hure beugen. Ganz Gilead fragte ihn um Rat und Gericht. Sie hielten ihn für einen Propheten. Jeftah wusste, wer wirklich ein Prophet des Herrn gewesen war. Ganz allein Mirjam hatte dafür gesorgt, dass der Geist Jahs in seinem Herzen wohnte.
Nun zog der Oberste sich in sein Haus bei Mizpa zurück. Seltener wurden die Besuche, stiller noch wurde das Haus. Er ließ den jüngsten seiner Brüder holen. Er war damals noch zu klein gewesen, um Jeftah gemeinsam mit den anderen aus Gilead zu vertreiben und ihm mit dem Tod zu drohen. Ihm übergab der Oberste seinen Besitz. Die Söhne und Töchter des jungen Mannes küsste er wie seine Enkel und bat, dass sie ihn nicht vergessen sollten.

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