Der Tod
Jeftah lehnte sich zurück auf seinem Lager, das er im Raum seiner Tochter hatte aufschlagen lassen. Er starrte unbeweglich aus dem Fenster auf die Tamarisken, unter denen er sein schönes Weib geküsst und seine geliebte Tochter in den Armen gehalten hatte. Er war sehr müde geworden von all dem Blut, das er vergossen hatte. Doch am erschöpfendsten war das Blut jenes Opfers gewesen, mit dem er Mirjam hingegeben hatte.
Sechs Jahre lang hatte er gekämpft und Entscheidungen für seinen Stamm getroffen. Diese sechs Jahre hatten ihn mehr gekostet als sein ganzes Leben in Tob. Seine Verwandten hatten ihn damals nicht vertreiben können, die Wüste hatte ihn nicht austrocknen können, die Söhne des Ostens hatten ihn nicht schlagen können. Ammon war ein Nichts, ein Floh im Fell, ein Wurm im Korn gewesen. Jeftah hatte sie alle von sich gestreift wie man einen Mantel auszieht und wegwirft. Nichts hatte seine starken Schultern drücken können.
Doch er bereute seine Härte gegen Ephraim. Unnötiges Blut, das er ohne den Willen Gottes vergossen hatte. Und dieser Gott schwieg seit dem Tag, an dem Mirjam fort war. „Du bist es, mein Kind, die mich so weit getrieben hat. Deiner Liebe, die du mir entgegengebracht hast, war ich nicht würdig. Deshalb hat der Herr dich von mir genommen.“, murmelte Jeftah und stöhnend versuchte er sich ein Stück weiter aufzusetzen.
Einer seiner Knechte trat über die Schwelle und fragte, ob er etwas brauche, denn Jeftah konnte nicht mehr aufstehen. Beine wie Arme versagten ihren Dienst. Sie waren bleich und kalt geworden. Der alte Sohn der Hure schüttelte mit dem Kopf und war bald wieder allein, um weiter aus dem Fenster zu starren.
So also fühlte es sich an, alt zu werden und zu sterben. Es fühlte sich leicht an, wie ein Hauch, ein großes Nichts. Alle Macht, die Jeftah errungen hatte, wollte er loslassen, nur um wieder im Feld zu stehen, das Schwert in der Rechten, die Füße fest auf dem Boden. All seine Macht und sein großer Name dafür, dass er in einer Schlacht fiel. Er wollte den Tod spüren als Schmerz einer blutenden Wunde. Stattdessen wurde der Oberste Manasses von Tag zu Tag müder. Er schlief seinem Ende entgegen.
„Einmal noch mich über mein Weib beugen, einmal noch mein Töchterchen küssen…“, flüsterte Jeftah und lächelte, weil die Erinnerung plötzlich klar und lebendig aufblühte. Es war, als könnte er sich selbst dort draußen vor dem Fenster sehen. Stolz und sonnenverbrannt, das Schwert an der Hüfte, die Frau an sich gepresst. Ihren Schleier abstreifend, ihr Gesicht erforschend, ihre Lippen küssend. Die Haut so warm und getönt wie reife Oliven, das Haar dicht und schwarz und glänzend vom Öl. Ein unbeschreiblicher Duft, der seinen wilden Sinn zähmte und ihn zum Diener seiner jungen Frau machte.
Jeftah lachte heiser auf, dann weinte er, bemüht darum, es leise zu tun, damit seine Knechte und Mägde es nicht merkten und vor allem nicht die beiden jungen Soldaten vor seiner Tür, die den letzten Rest von Leib und Leben ihres Obersten behüteten. Wenn sie es vermocht hätten, würden seine Männer sich dem Tod selbst entgegen stellen, um ihn daran zu hindern, Jeftah anzurühren. Wäre doch nur einer von seinen Gefährten damals unachtsam gewesen. Glücklich im Sieg gegen Ammon gefallen. Kein weiterer Schmerz des Abschieds mehr. Kein Bruderkrieg gegen Ephraim.
„Jah, vergib mir, aus Bitterkeit über das, was du mir genommen hast, strafte ich meinen Bruder zu hart.“, flüsterte Jeftah und schloss erschöpft die feuchten Augen für einen weiteren Schlaf dem Tod entgegen. Als der alte Krieger wieder erwachte, war es bereits Abend geworden und die Tamarisken vor dem Fenster lagen in tiefstem Schatten. Leise blökten die Schafe in ihren Hürden, die Zikade sang ein einsames Lied. Und immer noch war Jeftah müde. Es wurde Zeit für den ewigen Schlaf, der endlich alle Erschöpfung von der Seele des Obersten Manasses streifen würde.
„Der Scheol bekommt mich so oder so.“, brummte der Sohn der Hure. Seine Augen blitzten trotzig. Auch das hier war eine Schlacht und er würde sie verlieren wie jeder andere Mann seit Adam. Aber er würde nicht jammernd und heulend dahin gehen, wo sein Vater und seine Mutter warteten, sein Weib und zahlreiche Gefährten, die in den Kriegen gegen die Söhne des Ostens, gegen Ammon und Ephraim gefallen waren.
Auf der Schwelle räusperte sich der Knecht. „Herr, Besuch ist gekommen.“
„Schick ihn weg!“, krächzte Jeftah. „Ich will niemanden sehen!“
„Herr, aus Silo.“, erklärte der Knecht und beugte geduldig sein Haupt. Sie liebten ihn alle. Sie liebten ihren Hurensohn. Beinahe hätte der Oberste darüber gelacht, doch der Name Silo stach ihm ins Herz und weckte ihn.
„Wer ist es?“, fragte Jeftah gierig.
Wilde Hoffnung schoss in ihm auf und erlosch sogleich zu kalter Asche, als der junge Mann bedauernd den Kopf schüttelte und antwortete: „Ein sehr junger Priester. Eli ist sein Name. Soll ich ihn zu dir lassen, Herr?“
Jeftah winkte mit schwacher Hand. „Lass ihn, lass ihn. Ich kann ja ohnehin nicht fort von hier, um mich noch vor irgendwem zu verstecken.“
Der Knecht versuchte ein schwaches Lächeln zu verbergen und verschwand, um den Gast in Mirjams Zimmer zu führen. Zurück brachte er einen Mann, der fast noch ein Knabe war, ältester Sohn seines Vaters, der hochbetagt den Dienst am Heiligtum in Silo tat und seinen noch unbeweibten und kinderlosen Sohn zum sterbenden Jeftah gesandt hatte.
„Einem großen Mann in Israel will ich ehren.“, grüßte der Priester beinahe scheu und stellte sich vor Jeftah, so dass er nicht mehr aus dem Fenster sehen konnte.
„Ein sterbender Mann ohne Wurzel und Zweig.“, erwiderte Jeftah trocken. „Geh bitte zur Seite, damit ich aus dem Fenster sehen kann, wie meine Tochter die Schafe und Ziegen mit ihrem Lied zusammen treibt.“
„Deiner Tochter geht es gut.“, flüsterte der junge Priester tröstend und legte seine Hand auf das weiße Haupt des Obersten Manasses.
„Es geht ihr gut, es geht ihr gut.“, wiederholte Jeftah und lächelte. Jetzt sah er durch seinen Gast hindurch auf die Tamarisken. Die Sonne ging wieder auf und Mirjam schlug sanft ihr Tamburin, während sie mit ihrem Loblied am Morgen das Haus und das Vieh weckte. Frieden legte sich wie eine Decke auf Gileads Höhen und Jeftah schloss seufzend die Augen.
Viele Wochen lang trauerte Manasse um sein Oberhaupt und sie legten ihn unter Weinen und Gesang und begleitet von blutigen Opfern in das Grab seines Vaters. Er war nicht mehr länger der Sohn der Hure. Er war ein Sohn Gileads und man erinnerte sich zärtlich an ihn und an seine liebliche Tochter. Nie würde man den Mann und das Mädchen vergessen, die alles hingegeben hatten, um Manasse wachsen und atmen zu sehen, verwurzelt im Osten des Jordan.

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