Der Ausblick
Es hatte eine Zeit gegeben, in der Mirjam mit heimlichen Blicken der Sehnsucht auf den jungen Priester Eli gesehen hatte, doch als er eine der Töchter Levis heiratete, Söhne zeugte und darüber immer fetter wurde, hatte sie auch diese lächerlichen Wünsche aufgegeben und widmete sich dankbar ihren täglichen Diensten vor der Stiftshütte. Die anderen Frauen, die mit ihr in den Hütten und Zelten wohnten, waren oft ältere Witwen, die nach dem Tod des Mannes entweder freiwillig entschieden, ihr Leben dem Herrn Israels zu widmen oder dies taten, weil sie kinderlos geblieben waren und keine Familie mehr hatten, die sie aufnehmen konnte. Hier erhielten sie ihre Versorgung aus den Töpfen Jahs.
Am Morgen stand Mirjam vor allen anderen auf und sang ihr Lied, mit dem sie die anderen Weiber weckte. „Dem Herrn, unserem Gott, dem singe ich, denn Er ist hoch und erhaben, heilig und erhöht. Meine Kraft und mein Singen ist Er.“ Ihre Stimme war tiefer und voller geworden in den zurückliegenden Jahren. Ein wenig Traurigkeit hatte sich wohl auch eingeschlichen. Die zarten Mädchensaiten ihrer Seele waren mit der Botschaft vom Tod ihres Vaters zerborsten und sangen nicht mehr. Als Jeftah die Augen bei Mizpa schloss, trauerte Mirjam fern von ihm in Silo und sie sang das Lied, mit dem sie ihn einst als siegreichen Helden begrüßt hatte.
Ohne ihre Liebe war der Mann Jeftah hart und bitter geworden. Mirjam hörte von den Tausenden, die aus Ephraim gefallen waren, geschlachtet an den Wassern des Jordan. Sie hörte die Klagen der Witwen vor dem Altar des Herrn, doch viel lauter noch hörte sie die Klage ihres Vaters, auch wenn sie nicht bei ihm war. Er hätte es nicht tun dürfen. Er hatte Macht und Kraft im Osten erlangt, aber durch seine letzten Taten entfernte er sein Volk für lange Zeit weit weg vom Rest Israels. Mirjam hörte auf, den Frauen zu erzählen, dass ihr Vater der große Jeftah war und so vergaß man bald ihren Namen und woher sie kam. Sie war nur eine von vielen dienenden Frauen.
Gealtert und ausgetrocknet von nächtlichen Tränen fegte Mirjam den Eingang zur Stiftshütte. Sie beobachtete ein junges Weib, das auf den Knien lag und vor sich hin murmelte. Sie weinte und schien von Sinnen. Der alte Eli stand ächzend von seinem Stuhl auf und schnaufte, als er sich ihr näherte und sie heftig anfuhr. Er nahm an, sie wäre betrunken. Mirjam schüttelte einmal mehr den Kopf über die Blindheit des Priesters. Kinderlos war die Frau und sie hatte den Herrn gebeten. Mirjam sandte ein mitfühlendes Gebet aus ihrem Herzen zu Jah. „Lass sie nicht werden wie eine von uns, trocken und fruchtlos.“
Dieselbe Frau führte einige Jahre später einen Knaben an der Hand zur Hütte des Herrn hinauf und übergab ihren einzigen Sohn der Obhut des alten, feisten Priesters Eli. Eine weitere Seele, die ganz dem Herrn gehörte. Mirjam wollte bitter werden über dem Opfer der Mutter. Wie ihr Vater sie einst ausgeliefert hatte so tat diese Frau mit ihrem kleinen Knaben. Doch als Mirjam still wurde und lauschte, hörte sie wie in ihren Mädchentagen den Wind in den Tamarisken säuseln. Es war gut.
„Schmuel, komm hinein in die Gegenwart deines Gottes!“
Der Friede über Israel, über die Schafe des Herrn, war nicht mehr weit. Schmuel würde groß werden. Viel größer noch als Jeftah. Mirjam wusste es. So segnete sie den Knaben in ihrem Herzen. Am nächsten Morgen war die Tochter ihrem Vater in den Scheol gefolgt. Und nichts erinnerte mehr an den Obersten von Manasse und an seine Tochter als nur die eine unerhörte Tat, die dem unbedachten Schwur eines gewaltigen Kriegers entsprungen war und über die jedes Jahr die Jungfrauen Israels sangen, ehe sie in die Ehe gingen und ihr Leben auf ihre Weise hingaben.

Hinterlasse einen Kommentar