Der Segen
Der Alte hatte seine Erzählung beendet und er streifte sich den Schal vom Haupt, um in die Runde der Männer und Knaben zu blicken, die schweigend um das kleiner werdende Feuer hockten und zu dem Propheten und Richter Israels aufsahen, als erwarteten sie eine Erklärung. Doch Schmuel gab keine. Seine funkelnden Augen wurden wie die eines Knaben, als er lachte und sich sachte die Schenkel klopfte. Die Knaben kicherten mit ihm und der Hirtenjunge Dawid grinste seine Neffen Joab und Abischai an, um zu sehen, ob sie mit ihm scherzen würden. Abischai grinste zurück, doch Joab runzelte die Stirn und er stand auf.
„Hat er sie getötet?“, fragte er laut in die Runde.
Das Lachen und Reden verstummte abermals. Isai wollte gerade aufstehen, um seinen vorlauten Enkel hart zu rügen, doch Schmuel hielt ihn zurück, indem er beschwichtigend die knorrige Hand auf den starken Arm des Herrn von Bethlehem legte. „Was denkst du, mein Sohn? Was lehrt uns Gottes Wort?“
„Dass wir unsere Gelübde halten sollen.“, antwortete Joab und verbeugte sich scheu. Erst jetzt hatte der Knabe gemerkt, wie frech es gewesen war, einfach mit Schmuel zu sprechen, ohne dass es ihm erlaubt war.
„Und was lehrt uns Gottes heiliges Wort über das Opfern eines Menschen?“, fragte Schmuel weiter und lächelte hintersinnig.
„Es ist ein Gräuel. Wir dürfen es nicht tun. Nicht wie die anderen Völker, die anderen Göttern dienen.“, antwortete Joab ernst.
„Wenn Jeftah also sein Gelübde halten musste und es gleichzeitig untersagt ist, ein Menschenleben als Dankopfer zu bringen, was wird er getan haben?“, fragte Schmuel.
Joab nickte ernst. „Das Richtige.“, antwortete er.
„So ist es.“, bestätigte Schmuel. Verständnislos blickten die Männer und Knaben zwischen dem kleinen, schmutzigen Joab und dem alten Richter hin und her, doch keiner wagte, nach einer Erklärung zu verlangen.
Als das Feuer zu roter Glut und zu schwarzen Schlacken wurde, erhielt Joab seinen strafenden Schlag gegen den Kopf, den er unbekümmert hinnahm. Er ging wie alle anderen auf sein Lager und sah am nächsten Morgen Schmuel und seinen Söhnen nach, wie sie Bethlehem in Richtung Rama verließen, wo der Prophet seinen Sitz hatte. Ehe er ging, legte er segnend die Hände auf alle Söhne und Enkel Isais.
Joab vergaß nicht die Worte, die Schmuel dabei zu ihm redete. „Ich segne dich mit dem Segen Jeftahs, mein Sohn. Du wirst ein großer Held sein und ein berühmter Kriegsmann. Du wirst deinem König dienen und treu zu deinem Wort stehen. Wie es Jeftah tat. Doch du wirst auch wie er das verlieren, was du am meisten liebst. Auch du wirst Dinge tun, die das Ende deines Lebens unruhig machen. Groß wird dein Name sein und unvergessen. Aber dein Anfang und dein Ende werden hart sein wie Anfang und Ende Jeftahs.“

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