„Da brachen die Männer auf und wandten sich nach Sodom, und Abraham ging mit ihnen, um sie zu geleiten. Da sprach der Herr: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will, da er doch ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen?“ 1. Mose 18, 16 – 18
Das Menschenpaar Adam (Der von der Erde genommene) und Eva (die Mutter aller Lebenden) hat Eden verlassen. Ihre Kinder, obwohl sie wussten, was Gut und Böse ist, haben die Erde mit Blut getränkt. Die Kinder Noahs streben nach Macht und Größe und das Blutvergießen und Unrecht haben nicht aufgehört. Immer weiter scheint der Mensch sich von seiner Heimat zu entfernen, von seinem Ursprung.
Da wird plötzlich ein anderes Menschenpaar in den Mittelpunkt gerückt. Abraham und Sarah, der „Vater vieler Völker“ und die „Fürstin“. Zwar ist es Abraham, der zuerst berufen wird, so wie Adam zuerst geschaffen wird, doch die Frau ist ihm zugeordnet und trägt mit ihm gemeinsam das Versprechen Gottes. Und nein, auch wenn Abraham der Herr seines Zeltes ist, so lesen wir von Sarah erstaunlich selbstbewusste Dinge. Sie fordert von ihrem Mann, sie besteht auf ihrem Recht. Zwei Menschen also, die herausgesucht werden. Diesem Menschenpaar wird jetzt das Versprechen einer „Heimat“ gegeben.
„Und der Herr sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“ (1.Mo12,1)
Das tut dieser Mann und er hält sich in dem Land, das ihm versprochen ist, zunächst als Gast auf. Ein Nomade im Zelt, aber kein unbedeutender Mann. Er hat Vieh, er ist sogar reich zu nennen. Männer dienen ihm, auch mit Waffengewalt. Abraham ist kein kleiner Schäferjunge, der Visionen von Gott hat. Abraham ist ein Mann mit Haushalt, Besitz und Verantwortung. Und mit einem wirklich großen Problem. All dieser Besitz hat keinen Erben. Dieses wunderbare Land wird eines Tages vom Staub des toten Mannes Abraham bereichert werden, ohne dass ein Sohn sein Erbe antritt. Nun hat er gemeinsam mit Sarah eine Sache gedeichselt, um dieses Problem zu lösen. Die Magd Hagar wird ihm als Zweitfrau buchstäblich „untergeschoben“ und der daraus entstandene Sohn gilt jetzt als Sohn Sarahs und Abrahams.
Diese Sitte müssen wir nicht nachvollziehen können. Was hier zu verstehen ist: das war nicht Gottes Absicht. Er hat sich ein Menschenpaar ausgesucht und dieses Menschenpaar wird Nachkommen haben. Um diese Sache zu bestätigen, treten hier plötzlich drei geheimnisvolle „Männer“ auf, die Abraham bei seinem Zelt besuchen. Engel sind es. Und wir müssen unsere gemeine Vorstellung von Engeln korrigieren, wenn wir die Texte des Alten Testamentes lesen. Keine süßen Chöre blondgelockter Knaben und Mädchen. Männer. Männer im eigentlichen Sinn des Wortes. Männer, die etwas zu sagen haben. Männer, die Macht haben. Männer, die Botschaften überbringen. Männer, die Befehle ausführen. Keine Sängerknaben. Soldaten. Gott hat zwar seinen Kriegsbogen in die Wolken gesetzt, aber er hat Männer, die seine Befehle ausführen.
Geheimnisvoll ist diese Begegnung. Abraham weiß, dass ihm in diesen drei Männern Gott selbst begegnet. Woher er das weiß? Er weiß es einfach. Er weiß einfach, dass ihm jetzt der gewaltige Gott begegnet. In Form dieser Männer. Sind sie nur Engel? Ist Gott selbst in ihnen verkörpert? Spricht Er durch sie oder ist Er selbst in und unter ihnen? Das Versprechen wird noch einmal bestätigt. Jetzt, Abraham, ist die Zeit. Deine Frau wird ein Kind bekommen und dieses Land ist euer Land. Gott will sich ein Volk erschaffen, dem er Heimat gibt, Heimat in dem ausgewählten Land und Heimat bei sich selbst. Abraham zweifelt, Sarah spottet und lacht. Gott straft sie nicht, er bestätigt.
„Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ (1.Mo18,14)
Und dann folgt etwas, das dem aufmerksamen Leser, dem Leser, der mit seinem Herzen beim Text bleibt und versucht, Gott darin zu finden, Ehrfurcht einflößt.
Abraham bewirtet als ein guter Gastgeber nicht nur seine Gäste, sondern er begleitet sie auch bis kurz vor ihr nächstes Ziel. Er gibt ihnen Geleit. Das heißt, er reist ein Stück mit ihnen und nimmt vielleicht sogar ein paar seiner Männer mit, bewaffnete Männer, die die Reisenden auf dem Weg beschützen. Abraham ist ein Herr und Fürst in seinem Zelt. Er erfüllt seine Pflicht. Und so stehen sie vor Sodom. Zwei der Männer gehen hinab in die Stadt (siehe1.Mo19,1). Einer bleibt. Der HERR bleibt. Und Abraham verhandelt mit diesem dritten Mann. Dem „Engel Gottes“… Eine geheimnisvolle Gestalt, in der Gott selbst anwesend ist und mit Abraham redet.
Sodom soll vernichtet werden. Gott offenbart dies mit einer Absicht, denn Gott weiß ebenso gut wie Abraham selbst, dass dort unten in der Stadt der Neffe Abrahams wohnt, Lot, den Abraham liebt wie einen Sohn. Bei aller Nüchternheit der Schrift und bei aller Knappheit der Berichte und den erschreckenden Schilderungen gewaltiger Ereignisse, dürfen wir nicht vergessen, sollen wir nicht vergessen, dass ein Abraham ein Mensch ist wie wir alle. Er hat Gefühle und Gott weiß um diese Gefühle. Gott selbst hat ein Herz, wird uns mitgeteilt: „… und es bekümmerte ihn [Gott] in seinem Herzen…“ (1.Mo6,7) Wir können also schlussfolgern, was immer mit Sodom los war – die Auslöschung bekümmerte Gott und er offenbart es Abraham und hat bereits vor, das zu erwartende Gebet Abrahams zu erhören. Natürlich bittet Abraham um das Leben seines Neffen. Jedoch in verschleierter Form. „Willst du denn den Gerechten mit dem Ungerechten umbringen? Es könnten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? […] Der Herr sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihretwillen dem ganzen Ort vergeben.“ (1.Mo18,23-26) Wir wissen, dass Abraham weiter verhandelt, bis auf die Zahl 10 herunter. Und wir wissen, dass nur Lot und seine Töchter gerettet werden.
Also ist Lot der einzige, gerechte Mann in ganz Sodom? Das ist er nicht. Mit keiner Silbe wird seine Gerechtigkeit erwähnt. Er handelt zwar gastfreundlich und beschützt die zwei Männer, aber er wird nicht ausdrücklich gerecht genannt. Die Stadt wird auch nicht verschont. Aber Lot wird trotzdem gerettet. Warum? Weil Gott damit Abrahams Bitte erfüllt, die dieser niemals ausgesprochen hat. Warum tut Gott das? Genau wissen wir es nicht. Was wir aber schlussfolgern können ist dieses:
Gott weiß um unsere Empfindungen und Gedanken. Gott selbst ist nicht grausam. Das Handeln der Menschen hat jedoch Konsequenzen für sie selbst und andere.
Das Motiv, welches uns von den ersten Kapiteln der ersten Buches Mose an begleitet hat, taucht in dieser Geschichte erneut auf: die Gefahr der Sesshaftwerdung. Wo immer der Mensch sich eine feste Heimat baut, sich konzentriert zusammenfindet und optimiert, da potenzieren sich eben nicht nur die Vorteile, sondern auch das Böse und die Ungerechtigkeiten. Das ist eine Mahnung, die noch im 5. Buch Mose an das Volk Israel ausgesprochen wird, kurz bevor es in das ihm versprochene Land einzieht: „Wenn dich nun der HERR, dein Gott, in das Land bringen wird, von dem er deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, es dir zu geben – große und schöne Städte, die du nicht gebaut hast, und Häuser voller Güter, die du nicht gefüllt hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast –, und wenn du nun isst und satt wirst, so hüte dich, dass du nicht den HERRN vergisst, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat, sondern du sollst den HERRN, deinen Gott, fürchten und ihm dienen und bei seinem Namen schwören.“ (5.Mo6,10-13)
Wenn es uns gut geht und wir alles haben, was wir wollen, dann ist uns oft egal, wie es dem anderen neben uns geht, weil unser Wohlbefinden uns ganz ausfüllt. Und wenn es uns nicht ausfüllt, dann sticht der alte Schmerz der Heimatlosigkeit uns wieder und wir versuchen, noch mehr und noch größer zu werden. Das ist die Krankheit dieser Welt, vor der uns schon die alten Texte des 1. Buches Mose warnen.
Gott weiß darum und der Handel mit Abraham um das Leben der todgeweihten Menschen endet. Nicht, weil Gott ihn abschneidet, sondern weil Abraham aufhört zu hoffen, dass die Stadt verschont werden würde, auch wenn nun ein einziger Mensch mit Anstand in ihr lebte. Oder keiner.


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