„Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.“ 1. Mose 3, 23
Die Sesshaftwerdung des Menschen, das Bauen fester Wohnstätten und das Umgraben der Erde, wird in der Historie der Menschheit als eine Art Revolution erkannt – gefeiert oder verdammt. Die einen sagen, das Wohnen an einem Ort und das Nutzbarmachen der Umgebung hat die Schöpfungskraft des Menschen erst beflügelt und ihn groß und bedeutend gemacht. Was wir gemeinhin Kultur nennen, Dinge wie Schrift und Kunst und Gebräuche, soll so erst möglich geworden sein. Die anderen sagen, indem der Mensch sich fest an einem Ort verwurzelt und das Umherstreifen und Jagen aufgibt, gibt er so etwas wie seine Unschuld auf, sein Eins-sein mit der Natur, die ihn umgibt. Drohend schweben über ihm sogenannte „Zivilisationskrankheiten“, die sein Leben schwer machen und frühzeitig beenden. Heute versuchen Mann und Frau von Welt, sich sogar „steinzeitlich“ zu ernähren und zu bewegen. Gesundheit und langes Leben sind das erklärte Ziel.
Doch sterben muss der Mensch, ob er Nomade oder Ackerbauer ist. Und jedes Volk neigt irgendwann dazu, sich eine kleine Hütte an irgendeinem Ort zu setzen oder zumindest immer wieder zu denselben Orten zurückzukehren. Die sogenannte „Neolithische Revolution“ ist nicht das, was den Menschen quält oder erlöst. Das Geheimnis ist ein Verlust und die Suche nach diesem Verlorenen. Das, was wir Heimat nennen. Zuhause. Ursprung. Es ist uns verloren gegangen. Und alles Bauen, Umgraben und Pflanzen, Dichten, Denken und Forschen, Musizieren, Malen und Formen – alle Kultur ist die Sehnsucht und Suche nach dem, was wir verloren haben.
„Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (1.Mo3,19) spricht Gott das Urteil. ~ Sterben wirst du. Der Baum des Lebens ist dir verweigert. Von der falschen Frucht, die ich dir verboten hatte, hast du gegessen. Du wirst bauen und groß werden, aber du wirst sterben. Du selbst und alles, was du formst, werden zu Staub zerfallen. Alles ist vergänglich und du bist vergänglich, weil du deinem Ursprung den Rücken zugekehrt hast. ~
Und seither drehen Adam und Eva ihren Rücken zum Schöpfer und neigen den Kopf und lauschen auf Dinge, für die sie besser die Ohren verschließen sollten. Sie tun Dinge, die besser nicht getan wären. Sie lauschen der Schlange, aber vor dem Rufen Gottes verbergen sie sich. „Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?“ (1.Mo3,8-9)
Gott ruft: Wo bist du? Die Antwort könnte lauten: Nicht zu Hause – nicht da, wo ich sein sollte. Ich verberge mich hinter einem Baum. Von einem falschen Baum habe ich gegessen. Und den Baum, der mich heilen und retten könnte, den finde ich nicht, weil das Flammenschwert mir den Zutritt verwehrt. „… die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“ (1.Mo3,24) Es gab Menschen, die nach der Entdeckung der „Neuen Welt“ in den tiefsten Amazonas-Dschungel aufgebrochen sind, um die Frucht, die ewiges Leben verleiht, zu finden. Zurückgekehrt sind wenige. Gestorben sind sie alle. Und nachdem fast jeder Ort durchgegraben ist in dieser Welt, haben wir immer noch keinen Zugang zum Baum des Lebens.
Und doch ist es ein Baum, der uns rettet, uns den Weg zurück nach Hause anbietet. Wir Christen sehen im Kreuz diesen Baum, der für uns aufgerichtet wurde. Ein Holz der Qual, das durch die Auferstehung zum Baum des ewigen Lebens für uns wird. So glauben wir, dass wir im Tod und in der Auferstehung Jesu das Leben wiedergefunden haben, das uns einst verloren gegangen ist. Ohne Schmerzen keine Geburt. Ohne Hingabe keine Heimkehr. „Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.“ (Offenbarung2,7)


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