Geist über dem Wasser

Geist über dem Wasser

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“ 1. Mose 1, 1 – 2

Kein Auge hat die Finsternis gespürt oder den ersten Lichtstreif gesehen. Kein Ohr hat das Rauschen der Wasser wahrgenommen oder der Stimme gelauscht, die da sprach „Es werde!“ Und doch gab es einen Anfang von Raum und Zeit. Von diesem Anfang berichten uns die ersten Verse des ersten Buches der Bibel.

Ein Bild versucht sich der Mensch von diesem Anfang zu machen, an dem er nicht beteiligt war. Er stellt Theorien auf und Berechnungen an. Wie sah es aus, dieses Ur-Meer? Wie war er beschaffen, der erste Flecken trockener Erde? Wie setzten sich die Elemente zusammen – Wasser, Feuer, Luft und fester Stoff? Unzahl sind die Werke und Forschungen dazu. Doch sie alle kommen nicht heran an dieses eine, gewaltige Bild, das uns durch diese zwei Verse vor das innere Auge gestellt wird.

„Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“ Das ist der entscheidende Pinselstrich, der in allen Bildern fehlt. Der Grund, weshalb jedes von Menschen erstrebte Bild der Geburtsstunde von Erde und Menschheit unvollständig bleiben muss.

Eine Variable fehlt in der Gleichung. Ein Teil fehlt im Puzzle. Ein Hinweis fehlt im Rätsel. Und wie auch immer man es dreht und wendet: ohne Gott ist Alles ein Nichts. Denn ist es nicht gewaltig, dass überhaupt etwas ist? Dass es überhaupt etwas gibt, was das Auge sehen, das Ohr hören und die Hand fühlen kann? Ist nicht das allein schon Grund genug für Ehrfurcht, Erstaunen und Demut?

Nicht die Natur ist es, die da etwas erschaffen hat. Denn sie, die Natur, ist selbst die Erschaffene. Ja, es muss eine Macht, eine Gewalt gegeben haben, die das ins Sein setzte, was jetzt ist. Da wir Raum und Zeit empfinden, muss es einen Anfang von Raum und Zeit gegeben haben und einen Endpunkt, auf den dies alles hinausläuft. Was aber ist davor und dahinter? Was ist um Raum und Zeit herum? Da ist Gott. Der Ewige. Der so groß ist, dass der hebräische Text von „Elohim“ spricht. Das ist grammatische Mehrzahl, die in Sprache versucht zu erfassen, was nicht zu erfassen ist. Dass Gott Einer ist und doch Gemeinschaft. Dass Er etwas hervorbringt, zu dem er in Beziehung steht und stehen will. Dass Er Wille ist. Macht. Kraft. Dass er Liebe ist, denn sonst hätte es keinen Sinn, etwas zu erschaffen.

Erschaffen wird nur aus Liebe und Leidenschaft. Und wenn der Mensch das Bild Gottes ist, Ihm ähnlich, dann spürt der Adam in allem, was er selbst erschafft und sich ausdenkt, eine Kraft und Fähigkeit, die ein dünner und blasser Schatten jener Kraft ist, die ihn selbst erschaffen hat.