„Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.“ 1. Mose 28, 12
Abraham und Isaak waren ein Herz und eine Seele und der Sohn machte im Großen und Ganzen dieselben Fehler wie der Vater und auch dieselben Dinge richtig. Doch jetzt kommt mit den Söhnen Isaaks, dem Esau und dem Jakob, eine ganz andere Bewegung in die Geschichte der sogenannten „Erzväter“. Waren Abraham und Isaak noch ernste Männer der Herrschaft über ihre Zelte, so ist der Jakob im Vergleich zu ihnen ein rechter Filou. Auf der einen Seite nimmt er die Sache mit diesem großen Gott recht wichtig und er versucht für sich selbst so viel wie möglich dabei herauszuholen. Ein bisschen Segen von oben kann nicht schaden. Einmal den älteren Bruder betrogen und den blinden, alten Vater ausgetrickst. Ein rechter Betrüger, der lieber der Erstgeborene sein will. Doch bloß nicht dieser Esau, der raubeinige Lümmel mit den heidnischen Weibern und der fürchterlichen Angewohnheit, für Tage durch die Wildnis zu streifen und Tiere zu jagen! Statt artig die Schafe und Ziegen zu hüten, benimmt der sich wie ein rechter Nimrod. Ich bin besser als du, lieber älterer Bruder. Kain und Abel lassen grüßen…
Unter echten Männern dieser Zeit ist solch ein Familienzwist weit mehr als harmlos. Esau will den Bruder töten, der ihn um sein Erbrecht gebracht hat. Zweimal Kain, einen rechtschaffenen Abel, ein unschuldiges Opfer gibt es in dieser Geschichte nicht. In der Wirklichkeit ist jeder des anderen Kain. Also ist Jakob jetzt auf der Flucht in die Heimat seines Großvaters Abraham. Selbst der eigene Vater, den er ja genauso betrogen hat, erkennt: Tja, du bist ein Halunke, aber vielleicht am Ende doch besser zu gebrauchen als dein Bruder – such dir wenigstens eine anständige Frau unter deinen Verwandten – damit hier Ordnung reinkommt in die Familie.
Und so flieht Jakob, der die Dinge Gottes ernst nimmt und doch wieder nicht, in Richtung fremde Heimat. In der Nacht liegt sein Kopf auf einem harten Stein. Das ist zwar nicht besonders bequem, aber vielleicht tut der Nacken am nächsten Tag nicht so weh – man hat schließlich noch einen weiten Weg vor sich. Das Leben nur nicht zu ernst nehmen.
Doch da begegnet ihm Gott im Traum. Es ist fast so, als würde der Herr des Himmels und der Erde sagen: „Du willst meinen Segen? Du willst Erstgeborener sein und wie Abraham und Isaak zu mir gehören? Dann nimm die Sache ernst! Die Knabenstreiche sind vorbei! Werde ein Mann! Ich will dich segnen und bei dir sein, aber das ist keine Kleinigkeit – es wird ein langer Weg!“
Und so spricht Gott wirklich zu ihm: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“ (1.Mo28,13-15)
Die Fronten sind geklärt. Klare Ansage. Ich bin Gott. Ich tue, was ich sage.
Als Jakob erwacht, ist seine Reaktion der Furcht nur allzu verständlich. Man träumt nicht jeden Tag von einer Leiter, an deren Spitze Gott steht und mit einem redet. „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!“ (1.Mo28,16) Es ist fast so, als würde Jakob auch aus dem Traum seines leichtherzigen Lebens aufwachen und erkennen: Der Gott, mit dem ich spielte, nimmt mich ernst.
Von jetzt an begleiten wir einen Jakob, der zwar immer noch gewitzt ist und die Dinge zu den für sich selbst günstigsten Bedingungen aushandeln will, aber er ist schon anders. Seine Perspektive hat sich geändert. Kein Betrügen mehr. Er entwickelt sich zu einem Mann, der zu seinem Wort und zu seinen Versprechen steht. Er dient seinem Schwiegervater und erfüllt alles, was von ihm verlangt wird. Er lässt sich in jede Prüfung seiner Geduld hineinnehmen, ohne sich durch neue Ränke zu entziehen.
Am Ende kehrt er heim mit großem Besitz, vier Frauen und elf Söhnen (der zwölfte wird in der Heimat geboren). Obendrein kann er mit seinem Bruder Frieden schließen. Das aber nur, weil er selbst ein anderer Mann geworden ist. Gott hat die Sache in die Hand genommen: ~ Du willst zu mir gehören, Jakob? Dann aber zu meinen Bedingungen. Es steckt eine Menge für dich drin, aber von jetzt an habe ich die Sache in der Hand. ~
Wie ungern geben wir selbst unsere Unabhängigkeit preis. Wie sehr winden wir uns, nachzugeben und anzuerkennen, dass wir nicht jede Sache selbst hinbiegen können? Und wie hart ist es, zu erkennen, dass man selbst das größere Übel in einer Sache ist und eine Veränderung nur eintritt, wenn man sich selbst ändert?


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