„Jakob aber blieb allein zurück. Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er an das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ 1. Mose 32, 25 – 27
Kehrt hier wieder die alte Gewohnheit Jakobs zurück? Um jeden Preis den Segen Gottes gewinnen, mit allen Mitteln, egal wie? Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Das erscheint frech, geradezu anmaßend. ~ Ich werde solange mit dir streiten und kämpfen, bis ich habe, was ich will! Und wenn du mir sämtliche Gliedmaßen verrenkst, so werde ich mich doch festklammern und dich nicht weglassen. ~ Das ist eine Forderung, keine Bitte.
Erinnern wir uns, weshalb Jakob nun allein am jenseitigen Ufer des Jabbok, wo diese Szene stattfindet, ausharrt. Er ist auf dem Rückweg in seine Heimat und ihm geht gehörig die Muffe. Er ist ganz sicher nicht allein geblieben, um Ruhe zu haben vor den vier Frauen und den elf Kindern und dem ganzen Vieh und den Bediensteten. (Nunja, vielleicht ein bisschen.) Aber an Schlaf ist sowieso nicht zu denken. Er weiß, dass er am kommenden Morgen über das Wasser gehen wird und dort drüben seinem älteren Bruder begegnet, den er vor so vielen Jahren gehörig abgezogen hat. Es liegt im Bereich des Möglichen, dass Esau – mittlerweile ein Kriegsmann mit einem großen Gefolge – kurzen Prozess machen wird. Die Menschen töten, das Vieh einsacken und abziehen. Jakob bleibt nichts anderes übrig, als mit allem, was zu ihm gehört, vor diesem Bruder zu erscheinen und sich zu entschuldigen. Gut orientalisch mit großzügigen Geschenken, versteht sich. Ein Rückzug bleibt ihm nicht, denn auch die Söhne seines Schwiegervaters trachten ihm nach dem Leben. Nur ein komplizierter Bundesschluss mit diesen Leuten und das Versprechen, sich nicht noch einmal über den Weg zu laufen, konnte Jakobs Familie bewahren. Also eine Art Zwei-Fronten-Krieg. Ganz dumme Sache.
Als würde das alles nicht genügen, tritt ein Mann zu Jakob und fängt an, mit ihm zu ringen. Aus dem Nichts wird er angegriffen und kämpft die ganze Nacht. Der Mann wird nicht näher bezeichnet oder beschrieben, doch wir ahnen, dass es sich wie bei den drei Männern, die schon Abraham besuchten, wieder nur um einen Engel Gottes, einen Botschafter Gottes handeln kann. Warum nur schickt Gott jemanden aus, um mit Jakob zu rangeln? Das erscheint fast absurd und wir müssen es auch nicht völlig verstehen. Vielleicht ringt Jakob auch mit sich selbst oder mit dem Bösen? Wir wissen es nicht genau. Fest steht, dass es eine Art letzte Bewährungsprobe ist, ehe Jakob in das verheißene Land zurückkehrt.
In diesem Kampf, in diesem „Ringen mit Gott“, zeigt sich, wer Jakob wirklich ist – oder vielmehr, was aus ihm geworden ist. Denn die uns anmaßende Forderung „Ich lasse dich nicht!“ ist in Gottes Augen keine Unverschämtheit. Sie ist das, was Jakob hier in dieser Stunde besonders auszeichnet. Denn damals, als er das Erstgeburtsrecht wollte und es sich erschlichen hat, da spielte er auf Risiko. Jugendlicher Leichtsinn. Doch jetzt, nach all den Jahren der Prüfungen in der Fremde, ist es Jakob endlich ernst. Es ist ihm ernst mit diesem Gott. Jetzt will er wirklich diesen Segen, er ist bereit dafür. Jakob hält fest, Jakob hält aus, Jakob verlangt von Herzen nach dem Segen. Er will Gottes Heimat, das verheißene Land tatsächlich annehmen, für sich und seine Kinder.
Und Gott antwortet. „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.“ (1.Mo32,29) Ein neuer Name bedeutet ein neues Wesen. Aus dem listigen, verschlagenen Jakob, der sich genommen hat, was und wie er wollte, ist nun ein aufrechter Mann geworden, der seinen Besitz hart erarbeitet und erkämpft hat. Jetzt ist er der reife Mann, der vor Gott und Menschen bestehen kann.
Und ist es nicht wunderbar, dass es keine Anmaßung ist, mit Gott zu kämpfen? Der Glaube Jakobs ist kein billiger Glaube. Auch unser Glaube sollte nicht billig sein. Es ist gut, wenn wir mit manchen Dingen zu kämpfen haben, mit Gott und unseren eigenen Schatten ringen. Was nützt es, alles hinzunehmen und abzunicken, wenn es nicht in das Herz gedrungen ist und aus dem kleinen Jungen einen Mann gemacht hat, aus dem kleinen Mädchen eine Frau – aus dem unreifen Kind einen mündigen Gläubigen, der allein am Ufer des Jabbok stehen kann und in der Lage ist, in Ruhe sowohl seinem Schöpfer, als auch seinen Mitmenschen zu begegnen?
Gott wollte den Menschen immer als sein Gegenüber. Und deshalb begegnet Er Jakob auf diese Weise. „Und Jakob nannte die Stätte Pnuël: Denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.“ (1.Mo32,31) Wie sein Großvater Abraham, so erlebt auch Jakob, dass Gott mehr will als nur Gehorsam. Er will den ganzen Menschen, damit er wieder im rechten Verhältnis zu seinem Schöpfer und seinen Mitmenschen steht.
Und wir wissen, dass die Sache gut ausging. Esau versöhnt sich mit Jakob. Aber Jakob wird sein Leben lang hinken. Wir mögen zwar einige Schlachten überstehen, aber manches Mal gehen wir aus einer Sache gezeichnet hervor. Wer will schon gern gedemütigt werden? Aber meist ist es der Weg zur wirklichen Reife.


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