Die Vielschichtigkeit der simplen Dinge
Buchbesprechung zu:
„Das Reich Gottes“
von Emmanuel Carrère
(französ. Original: Le Royaume, 2014, P.O.L. Éditeur)
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm
Deutsche Ausgabe 2016 bei Matthes und Seitz Berlin
507 Seiten
„Alle Mystiker sind sich darin einig, dass das, was von uns verlangt wird, das ist, was wir am wenigsten hergeben wollen. Wir müssen nach dem suchen, das zu opfern uns am meisten schmerzen würde, darum geht es. […] Für mich ist es mein Werk, der Ruhm, die Gewissheit der anderen, meinen Namen schon einmal gehört zu haben. Dafür hätte ich meine Seele gern dem Teufel verkauft, aber der Teufel wollte sie nicht, und nun bleibt mir nichts übrig, als sie dem Herrn gratis darzubieten. Trotzdem sträube ich mich.“ (S, 58/59)
Eine schwere, innere Krise bringt Emmanuel Carrère dazu, sich dem christlichen Glauben zuzuwenden und sich zu bekehren. Doch auch das erweist sich als schwierig. Kaum begonnen, stürzen ihn Selbstzweifel in die Auflösung seines Glaubens, an dem er doch so verzweifelt festhalten will. Am Ende ist die Krise überwunden und der Verlust des Glaubens wird gar nicht als solcher und als so schwerwiegend empfunden. Doch es bleiben Spuren, die den Autor erneut auf die Fährte schicken. Auf die Fährte von Paulus und Lukas, auf die Fährte der ersten Christen, ehe sie überhaupt „Christen“ genannt werden. Die ersten knapp 100 Seiten sind den autobiografischen Beweggründen für diese Nachforschung gewidmet. Doch es ist keine Autobiografie. Um die Ecke lauert der Romancier, der seinen Text abliefern will. Ein Mann, der von Pornos über Prostituierte zu Caravaggio hin zu Maria und wieder zurück zur Überlieferung des Lukas kommt. Er produziert ein Werk. Das behalte der Leser im Hinterkopf!
Was also ist es, das ich gerade gelesen habe? Die meisten Verlage bereiten ihre Leser schon auf dem Cover oder spätestens auf der Rückseite oder im Klappentext darauf vor, was sie gleich lesen werden, wenn sie die erste Seite aufschlagen und tatsächlich beginnen. Einen Roman, ein Sachbuch, eine Biografie, eine Autobiografie. Was auch immer es ist, es gibt klare Kategorien, in die Bücher eingeordnet werden. Nicht so dieses. Es ist weder das Eine noch das Andere oder das Nächste. Und doch ist es alles zusammen. Oder nicht?
Genauso werden auch die dem Buch immanenten Fragen beantwortet oder nicht beantwortet. Was ist dieses verkündete, prophezeite, geglaubte, gelebte Reich Gottes? Wie entstand es oder vielmehr was trug dazu bei und wer war es, der dahinter stand? Welches sind die Gesichter und die Leben der Autoren der Apostelgeschichte, der Briefe und der Evangelien im Neuen Testament?
Überhaupt geht es hier ganz und gar nicht um eine fachlich-theologische Auseinandersetzung oder eine diffizil-historische Auswertung von Quellen und Ereignissen. Es geht um Autorschaft und was es bedeutet – bedeuten kann, dass die Schriften des Neuen Testamentes Autoren hatten. Es ist äußerst wichtig, das Buch als das zu nehmen, was es ist. Ein Stück Literatur, das sich aus Literatur speist, die subjektiv gespiegelt, verarbeitet und verbaut wird. Mit einer gehörigen Portion Fiktion, die der geneigten Leserschaft auch noch als solche ganz offen angezeigt wird. Das ist es, was die eigentlich schwierige Beschäftigung mit einem so unfassbar komplexen Thema wie dem persönlichen Glauben oder Nichtglauben nahbar und authentisch macht. Emmanuel Carrère behauptet nie nur. Er kündigt an, dass etwas aus seiner eigenen Lesart und Interpretation hervorgegangen ist. Das macht es leichter, die teils wirklich gewagten Thesen zu verdauen. Sie werden nicht als Faktum angepriesen, sondern beinahe sanft vorbereitet als subjektive Sicht eines agnostischen, durchaus aufgeschlossenen Menschen angeboten.
„Wenn ich frei bin zu erfinden, dann unter der Bedingung, dass ich meine Erfindungen kenntlich mache und […] ihren Wahrscheinlichkeitsgrad zwischen Gesichertem, Anzunehmendem, Möglichem und, kurz vor dem völlig Ausgeschlossenen, Nichtunmöglichem bestimme – einem Terrain, auf dem sich dieses Buch zum größten Teil bewegt.“ (S. 391)
Das Buch ist nichts für einfache Gemüter oder fanatisch Verbohrte. Es ist das Werk eines gebildeten, belesenen Mannes und es wendet sich an ein ebenfalls gebildetes Publikum mit zumindest Grundkenntnissen über biblische Geschichte und das Christentum im Allgemeinen. Je belesener man selbst ist, desto leichter wird einem die Lektüre fallen. Es ist ein exklusives Buch für ein exklusives Publikum. Das muss ganz klar gesagt werden.
Ansonsten ist es fabelhaft geschrieben und konstruiert. Der Autor versteht sein Handwerk und er wirft genau das den Autoren des Neuen Testamentes vor, insbesondere Lukas. Erwischt, du gebildeter Hellene! Du hast dein Evangelium geschickt zusammengestellt und womöglich einiges ganz neu erfunden… Das ist eine These, die gläubige Menschen vielleicht erschrecken mag. Doch vergessen wir nicht: es handelt sich keinesfalls um eine stichhaltige Beweisführung, sondern um die subjektive Spiegelung eines Mannes, der selbst findiger Autor ist. Wenn man diesen Trick durchschaut hat, kann man das Buch mit umso mehr Gewinn lesen und den einzelnen, teils wilden Fährten folgen, die sich zu einem fiktionalen Ganzen schließen, aber doch nie die endgültige Antwort geben.
Nach den 100 Seiten autobiografischer Einführung steigt Emmanuel Carrère in der Apostelgeschichte ein, in jenem Moment, wo Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, durch ein „wir“ im Text kennzeichnet, gemeinsam mit Paulus auf der Reise zu sein. Von dieser Begegnung ausgehend entfaltet Carrère skizzenhaft das Lebensbild eines Paulus und eines Lukas, eingebunden in ihre damalige Lebenswelt und die historischen Ereignisse. Es ist tatsächlich kein eigentliches Gemälde, das sich hier entfaltet. Es sind gebündelte, zusammengefasste Skizzen, Puzzleteile einer Ermittlung.
Bibelzitate sind sehr frei übersetzt und gestaltet. Historische Quellen aus der Zeit Jesu und der Apostel sind genau studiert worden, aber doch nur wieder indirekt zitiert und geschickt mit der Grunderzählung verknüpft worden. Alles schwebt scheinbar frei im Raum. Die Biografie des Autors, seine ganz persönlichen Lebens- und Glaubenskrisen, die Texte des Neuen Testamentes, die antike Geschichte. Texte von Sueton, Seneca, Flavius Josephus. Aber man traut der Sache nicht. Es ist ein raffiniertes Gedankenspiel, das uns eine überspitzte Version der Tage und Jahre nach dem unfassbaren Ereignis der Auferstehung vor Augen malt. Die Auferstehung als solche glaubt Emmanuel Carrere nicht, ihre wesentliche Bedeutung für das Christentum bestreitet er aber auch nicht. Ohne sie ist alles nichts. Darin sind sich auch Petrus und Paulus einig. Doch es gibt andere Dinge, die zu Streitigkeiten führen. Es werden zwei feindliche Lager gebildet. Ein Autorentrick, der die nötige Spannung in einer Geschichte erzeugt. Das eine Lager schart sich um Paulus, der das Gesetz verwerfen will und das andere um die Säulen der Gemeinde in Jerusalem, die an der Beschneidung festhalten und überhaupt am ganzen Gesetz der Juden. Und zwischen diesen Lagern befindet sich der Arzt Lukas, der zwar Paulus treu bleibt, aber sich doch sehr für alle Quellen interessiert, die ihm mehr sagen können von diesem Jesus, den Paulus verkündigt und der immer weniger mit dem Jesus zu tun haben scheint, der wirklich gelebt, geatmet und geredet hat. Emmanuel Carrère treibt es soweit, zu behaupten, dass Paulus und seine Anhänger jene in einzelnen Versen der Offenbarung verdammten Nicolaiten, die „Esser von Götzenfleisch“, sind. Diese Theorie ist nicht neu auf dem Markt der Möglichkeiten, doch sie wurde bereits hinreichend widerlegt. Ja, es gab in den ersten Jahren sehr ernsthafte Auseinandersetzungen unter Jesu Nachfolgern in genau diesen Fragen. Und ja, die folgenden Entwicklungen wie die Zerstörung Jerusalems und des Tempels und die Verschiebungen nach Rom hin haben eine Aufspaltung von Judenchristen und Heidenchristen befördert und begünstigt, bis mit Konstantin im Jahre 312 der Prozess vollendet war, der in einer Jahrhunderte währenden, wirklich verhängnisvollen Theologie des Ersatzes mündete, die die neu entstandene Kirche an die Stelle des Volkes Israels setzen wollte. Die Juden als die Verdammten und die Heidenchristen als die wahren Erwählten.
Doch gerade als Autor müsste Emmanuel Carrère eines klar sein: man kann mit seiner eigenen Person und unter seinen eigenen Umständen in einen vorliegenden Text alles hineinlesen, was man will. Daraus macht er auch keinen Hehl, doch meiner Meinung nach präsentiert er neben all seiner authentischen Mühe um eine sanfte Annäherung an die Persönlichkeiten von Paulus und Lukas schlichtweg falsche Tatsachen. Dass Paulus Zeit seines Lebens Jude war und blieb, lässt sich niemals von ihm ablösen, auch wenn er noch so scharf gegen „die Juden“ wettert. Er tut es nicht gegen sie, sondern gerade weil er einer von ihnen ist. Diese heftige Streitkultur ist uns Heutigen fremd. Wir legen sie vielleicht heftiger aus, als es die Beteiligten empfunden haben. Dass Paulus das Gesetz gänzlich verworfen hat – ja, auch das könnte man tatsächlich in seinen Briefen lesen, aber mittlerweile sind sich wohl Theologen sämtlicher Couleur darin einig, dass es so einfach nicht ist. Auch Luthers „Allein der Glaube“ war immer ein wenig zu simpel. Jeder Gläubige weiß, dass in Jesu Bergpredigt das Gesetz der Juden nicht nur präsent ist, sondern gar überhöht und von den Anhängern zur Erfüllung gefordert ist.
Aber das ist meine Sicht als gläubige Leserin des Werkes von Carrère. Ein Buch lebt davon, dass es gelesen wird. Es ist jedes Mal ein anderes Buch, wenn ein anderer Mensch es zur Hand nimmt. Und gerade deshalb ist es hier nicht der wahre Paulus oder Lukas, sondern der Paulus und Lukas des Emmanuel Carrére, die uns in „Das Reich Gottes“ begegnen Und dennoch muss ich seinen Mut, sich der Frage des Glaubens zu stellen, anerkennen. Ich muss ihn mögen für seinen achtungsvoll zu nennenden Umgang mit der Schrift und dem Christentum. Immerhin hat er in Zusammenarbeit mit Theologen auch an einer Bibelübersetzung gearbeitet. Er ist kein Atheist. Er ist Agnostiker. Das macht seine Ansichten vielleicht schwankend und schwammig in den Augen eines Entschiedenen, aber doch muss ich seine Offenheit schätzen und ihm mit der Lektüre seines wirklich hervorragend komponierten Werkes in derselben Offenheit begegnen. Als einem Mann, der auf dem Weg ist und sich der Möglichkeit, eines Tages vielleicht ja doch wieder zu glauben, nicht völlig verschließt.
Immer wieder sucht Carrère persönliche Anknüpfungspunkte zum Christentum und seinen Schriften. Er sucht das offene Gespräch. Er arbeitet mit seinen Zweifeln und komponiert sie zu einem tastenden Werk, das ein Ganzes seiner aktuellen Befindlichkeit abgibt und zugleich doch nur ein geschickt verwebtes Bündel von Skizzen bleibt. In diesem Sinne erhebt es keinen Anspruch auf Endgültigkeit, wie auch der Autor keinen Anspruch darauf erhebt, seinen endgültigen Weg gefunden zu haben. Es gibt etwas, nach dem er sich sehnt und wofür das folgende Zitat ein Zeugnis ist. Es ist das, was für Emmanuel Carrère das Reich Gottes letztlich ausmacht und zu dem Jesus vielleicht gesagt hätte: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“. Wer weiß?
„Aber Bewunderung ist nicht Liebe. Liebe will Nähe, Austausch, Akzeptanz der Verletzlichkeit. Nur die Liebe behauptet nicht, was wir alle unser ganzes Leben lang ständig gegenüber allen behaupten: „Ich bin mehr wert als du.“ Die Liebe kennt andere Arten der Selbstbestätigung. Sie hat eine andere Autorität, die nicht von oben, sondern von unten wirkt.“ (S 502)
Mehr – obwohl es so viel mehr gibt, was dieses Werk enthält – schreibe ich nicht dazu. Auch mein Text soll eine Skizze bleiben. Letztlich muss jeder selbst den Schritt zur Begegnung mit den unerhörten Dingen wagen. Den unerhörten Dingen, die Jesus einst sagte und die das Reich Gottes bedeuten, eine Wirklichkeit neben dieser Wirklichkeit.


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