„Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.“ 1. Mose 22, 2
Diese grauenerregende Geschichte, in der ein Vater bereit gewesen wäre, seinen Sohn zu schlachten, weil sein Gott es so von ihm verlangt hatte, lesen selbst die nüchternsten Gläubigen bis heute mit Entsetzen. Dabei ist sie eigentlich keine Geschichte der Grausamkeit, sondern eine Geschichte der Zärtlichkeit, der Zuwendung, der Liebe.
In vielen Bibeln ist die Geschichte überschrieben mit Zeilen wie „Opfer des Abraham“ oder „Abraham opfert seinen Sohn“, was völlig falsch ist, weil es ja nicht passiert. Es geht eben nicht nur um das Opfer, sondern um die Auslösung, das „Anstelle-von“. Ein Widder wird zum Schluss geopfert, nicht der Sohn. Klassisches Hollywood-Happyend… gerade nochmal gut gegangen.
Es geht um Zärtlichkeit und Vertrauen. Zunächst zwischen Vater und Sohn. Denn wir lesen zwar, dass Isaak, der Sohn Abrahams, noch ein Knabe war, aber wir lesen auch, dass er mit seinem Vater sprach, selbständig den Berg hinauf ging und immerhin schon so groß und kräftig war, dass er den Stapel Holz tragen konnte. Ein großer Junge, der durchaus begreift, was hier geschehen soll. Wir lesen zwar, dass Abraham seinen Sohn festband, aber wir lesen weder von einem Widerwort des Sohnes, noch dass er sich wehrte. Schon als Abraham dem Sohn auf die Frage „…Wo aber ist das Schaf zum Brandopfer?“ (1.Mo22,7) antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ (1.Mo22,8), weiß der Sohn, was vor sich geht. „Und gingen die beiden miteinander.“(1.Mo22,8) steht da weiter. Isaak wirft nicht das Brennholz fort und rennt den Berg wieder herunter. Er geht mit dem Vater, obwohl er ahnt, was geschehen wird. Sonst hätte er auch die Frage nach dem Schaf nicht gestellt. Wer geht schon auf die Reise zu einem Berg, um dort zu opfern und nimmt alles mit außer dem Opfertier selbst?
Isaak ist nicht dumm. Isaak liebt einfach seinen Vater und er vertraut ihm, selbst als das Schlachtmesser schon über ihm schwebt. Wie tief muss diese Beziehung gewesen sein? Und Abraham liebt seinen Sohn. Er liebt ihn wirklich, auch wenn uns sein Handeln fremdartig erscheint. Gott legt ganz zu Anfang genau hier den Finger auf die schmerzende Stelle: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast…“ Das ist der Schlüssel zur Erduldung und zum Ertragen dieser Geschichte, zu ihrem Verständnis und zu ihrer Annahme als tiefere Wahrheit. Die Liebe. Das „In-Beziehung-zueinander-stehen“. Der Kern der Geschichte.
Im Garten Eden ruft Gott den Adam „Wo bist du?“ (1.Mo3,9) Und Adam antwortet: „Ich hörte dich… und fürchtete mich… darum versteckte ich mich.“ (1.Mo3,9) Hier ist die Beziehung zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf aus den Fugen geraten. Adam fürchtet sich. Adam hat die unverfälschte Liebe verloren, das Vertrauen ist getrübt. Darum ist die Heimat auch für immer verloren, weil Adam selbst sich dieser Heimat entfremdet hat.
Hier jetzt ruft Gott den Abraham (1.Mo22,1) und Abraham antwortet: „Hier bin ich.“ Abraham hat Gott wieder als seine Heimat, als den Hort seines Vertrauens gefunden. Er kann frei heraus sagen: ~ Ja, ich bin es, Abraham, da bin ich, was liegt an? ~ Abraham muss sich nicht verstecken.
Und noch ein zweites Mal antwortet Abraham mit „Hier bin ich.“ (1.Mo22,7) – nämlich als sein Sohn Isaak ihn anspricht: „Mein Vater!“ Auch vor Isaak muss Abraham sich nicht verstecken. ~ Ja, hier bin ich mein Sohn, es tut mir weh, dir die Wahrheit zu sagen, aber du ahnst sie ja sowieso schon, du weißt, dass ich dich liebe. ~ All das mag zwischen den Zeilen liegen.
Das Verhältnis zwischen Gott und Abraham ist also in Ordnung. Das zwischen Abraham und Isaak voller Liebe und Zärtlichkeit. Was also fehlt hier? Es fehlt, dass Gott zu Abraham sagt: „Hier bin ich.“ Das ist es nämlich, was Abraham – und wir mit ihm – hier lernen soll. Dass Gott dem Menschen gegenüber auch gerne sagen will: Hier bin ich.
Abraham lernt es auf die harte Tour. Ja, fast hätte er in der Ehrfurcht vor Gott seinen Sohn geschlachtet. So grauenhaft das für uns klingt, es ist die Wahrheit. Er hätte es getan. Er hätte den Sohn, den er liebte, getötet. Dieser Tatsache müssen wir in die Augen sehen. Doch Gott schreitet ein. Der Engel des Herrn taucht auf und verhindert das Opfer. Er ruft Abraham und wieder antwortet der: „Hier bin ich.“ (1.Mo22,11).
„Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.“ (1.M022,12) So spricht Gott und lässt Abraham einen Widder erblicken, den er stattdessen opfert.
Was genau ist hier geschehen? Gott hat nicht zugelassen, dass Abraham seinen Sohn opfert und Abraham hat stattdessen ein anderes Opfer gebracht. Er hat das eine mit dem anderen vertauscht. Der Mensch wird geschont. Darin steckt viel mehr noch als das künftige Verbot von Menschenopfern, was auch Mose durch den Herrn ganz klar verordnet wird. Darin steckt eine noch tiefere Lektion, die Abraham gelernt hat. Nämlich, dass seine Beziehung zu Gott genauso wichtig ist wie die Beziehung Gottes zu ihm. Es ist etwas Gegenseitiges. Ebenso wie er als Vater sich liebevoll an seinen Sohn wendet und sagt: Hier bin ich, genauso wendet Gott sich an sein Geschöpf Abraham und lässt ihm mitteilen: Hier bin ich. Woher wissen wir, dass Abraham diese Zuwendung Gottes so verstanden hat? Indem er mit einem neuen Namen für den Ort, an dem es stattgefunden hat, das Wesen dieser Begegnung ausdrückt:
„Und Abraham nannte die Stätte `Der HERR sieht`. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da der Herr sich sehen lässt.“ (1.Mo22,14)
Der Herr hat sich sehen lassen. Er hat sich Abraham gezeigt: ~ Schau, hier bin ich. Ich liebe dich mehr noch als du deinen Sohn Isaak liebst. Darum lasse ich nicht zu, dass Hand an dich oder ihn gelegt wird. ~
Wir Christen glauben, dass wir in Jesus dieses vollkommene Opfer der Liebe Gottes erblickt, erkannt und erfahren haben. Wie Abraham seinen Sohn liebte, so liebt Gott die Menschen, die er erschaffen hat und – gibt sich selbst hin. Dabei ist Jesus wie Isaak. Gottes Sohn, vom himmlischen Vater unendlich geliebt, ihm vertrauend, aber er selbst lässt sich im Garten Gethsemane freiwillig gefangen nehmen, festbinden und zum Tode verurteilen. Die ganze Schrift, von der Schöpfung an, lässt Jesus auf diese Weise an sich selbst wahr werden.
Es gehört Vertrauen dazu, selbst zu Gott zu sagen: Hier bin ich.


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