„Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.“ 1. Mose 4, 15
Eine dritte Möglichkeit, sich zu bewähren und rechtschaffen zu leben, wird dem Menschen gegeben. So muss man dieses geheimnisvolle Zeichen sehen. Es ist kein Fleck der Schande, Bestrafung und Entstellung. Es dient zum Schutz des Menschen, der einen anderen Menschen getötet hat. Ja, siebenfach soll Kain sogar gerächt werden, wenn einer es wagt, ihn zu töten, weil er getötet hat. Unbegreiflich ist dieses Wort Gottes für uns. Warum also wird Kain nicht gerecht abgeurteilt? Warum trägt Gott Sorge dafür, dass dieser Mörder nicht angetastet wird? Ist Abels Leben denn nichts wert? Hat Gott nicht das Opfer Abels gnädig angenommen und nun soll Abel vergessen sein, niemals gerächt werden? Siebenfach soll getötet werden, wenn der Töter getötet wird?
Siebenfältigkeit ist die Zahl der Vollkommenheit Gottes. Er handelt hier in Vollkommenheit, auch wenn es uns unverständlich ist. Denn die Strafe Kains ist schwerer, als sie sich einer ausdenken könnte. Er ist gestraft und „gezeichnet“ durch das, was er getan hat. Er muss mit sich selbst leben.
„Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden.“ (1.Mo4,14) spricht Kain zu seinem Gott, der sein Opfer nicht gnädig angenommen hat und nun auch noch den Ackerboden verflucht, dass er keinen Ertrag mehr bringt und Unkraut aufschießen lässt. Die Erde, auf die er das Blut seines Bruders gegossen hat, verweigert ihm, sich von ihr zu ernähren. Er muss fort aus dem Land, an das er sich gebunden hat. Hinaus aus der gerade gewonnenen Sesshaftigkeit. Heimatlos, getrieben, verfolgt. Verfolgt von sich selbst und den eigenen Taten, die er nicht abstreifen kann.
Noch härter ist die Strafe. Weg vom Angesicht Gottes. Gottesferne. Fern der Heimat und des Ursprungs, die innere Hölle, sich durch sein Wesen und seine Taten immer weiter von dem zu entfernen, was gut ist. Die „äußerste Finsternis“, von der Jesus in seinen Reden spricht (Matthäus8/22/25). Der Mensch entscheidet sich selbst für Nähe oder Ferne. Und er versucht Heimat zu finden, wo keine ist. Im Osten wohnt Kain und baut dort eine Stadt. Er gibt sein Zeichen weiter an die Nachkommen. In sechster Generation bezieht sich Lamech auf seinen Urgroßvater Kain und spricht: „Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule. Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.“ (1.Mo4,23-24)
Gott gedachte Kain zu schützen. Es sollte kein weiteres Blut vergossen werden. Doch dem Kain war die Schuld so schwer, dass er sie an seine Nachkommen weitergab. Die Kinder wie der Vater nehmen sich mit Gewalt, was ihnen recht dünkt. Und sie begründen es damit, unantastbar zu sein. Das Schutzzeichen, die Möglichkeit zur Bewährung, wird verkehrt in die Rechtfertigung weiterer Untaten. Ist es nicht heute noch so? Bin ich einmal davongekommen, komme ich auch ein zweites Mal davon, ein siebentes Mal, siebenundsiebzig Mal. Immer wieder. Gottesferne, die die eigene Finsternis nicht mehr erkennt. Das ist Heimatlosigkeit und Verlorenheit auf dem Erdboden, von dem ich genommen bin und zu dem ich wieder werden soll.
Zu schwer ist die Schuld. Sie kann nicht allein getragen werden, nicht ausgelöscht werden. Gott kann nur ein Zeichen setzen. Ein Zeichen seiner Gnade. Wenn wir es erkennen, können wir uns aus der Hölle unserer Heimatlosigkeit wieder auf Ihn, unser Zuhause zubewegen. Dann wird Kain nicht mehr umherirren. Dann wird der Acker keine Dornen mehr gebären.


Hinterlasse einen Kommentar