Die gar nicht so überraschende Provokation
Buchbesprechung zu:
Der vergessene Jesus. Auf keinen Fall von gestern und auf jeden Fall für heute
von: Martin Dreyer
erschienen im Gütersloher Verlagshaus (Gruppe Random House), 2016
254 Seiten
Zunächst einmal, wer auch immer es verbrochen oder zusammengestellt hat: Chapeau! für das Cover dieses Buches. Wer da nicht zumindest beherzt ins Regal greift, um sich den Klappentext und die Beschreibung auf der Rückseite durchzulesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Ich liebe es, wenn klassischer Kitsch kombiniert und ironisch gebrochen wird. Hier ist es eben religiöser Kitsch, der mit moderner ästhetischer Wahrnehmung verbunden wird. Wer das Teil in die Hand nimmt, weiß sofort, worauf er sich einlässt. Oder auch nicht. Da spricht die Künstlerseele. Spätestens der Inhalt des Buches klärt dann auf.
In 13 knackigen Kapiteln werden der Leserschaft mehr oder weniger bekannte Bibelstellen aus dem Neuen Testament vorgestellt und ausgelegt. Soweit ist das eine klassische Vorgehensweise für einen Pastor oder Theologen. Auch die gewählte Übersetzung spricht eher für so etwas wie Gediegenheit, eine kulturelle Geborgenheit, in die sich gestandene Christen so gerne einkuscheln. Der revidierte Luthertext von 1912, dem man immerhin sehr viel mehr Genauigkeit in der Übersetzung nachsagt als dem von 1984. Ein wahrhafter Kunstgriff. Man fährt herunter und muss sich auf die ältliche Redeweise einlassen, um dann ziemlich schnell und zackig aufgeweckt zu werden von der modernen, lockeren Ausdrucksweise des Autors. Die Konstruktion des Buches erfüllt also die Vorhersage des Covers. Über Geschmack lässt sich trefflich streiten. Mir gefällt es.
Einem breiteren Publikum bekannt geworden ist Martin Dreyer ganz sicher durch die „Volxbibel“. Die Reaktionen auf dieses Projekt reichten in frommen Kreisen von mildem Lächeln über Skepsis bis hin zu überschäumender Begeisterung oder zornigem Zähnefletschen. Persönlich konnte ich die große Aufregung niemals nachvollziehen, da für mich immer klar war, dass es einen himmelweiten Unterschied zwischen der sezierenden Arbeit einer Übersetzung aus dem Urtext und einer Art von kreativer Übertragung in moderne Redeweise gibt. Beides hat meiner Meinung nach seine absolute Berechtigung und seine jeweilige Verwendung. Es ist ein nahezu trauriger Gedanke, dass man sicher sein kann, „Der vergessene Jesus“ wird ähnliche Reaktionen hervorrufen. Auch und gerade in evangelikalen Kreisen. Die Gläubigen in diesen sagen wir „Lagern“ (Jepp, ich gehöre selbst auch zu solch einem „Lager“ und kenne Freud und Leid in diesen Dingen) nehmen die Sache mit Jesus sehr ernst, aber sie schießen auch oft über das Ziel hinaus oder eben daran vorbei.
Was aber ist das Ziel? Es ist auch als Kernpunkt in dem Buch „Der vergessene Jesus“ formuliert und dargelegt. Es geht darum, Christus zu erkennen. Wie er ist, in allen seinen Facetten. Nicht wie wir ihn gerne hätten oder wie wir ihn uns all die Jahre vorgestellt haben oder unser Lieblingsprediger ihn uns verklickert hat oder die Tradition ihn uns süßlich vor Augen malt. Vor allem die menschliche Seite, die uns eigentlich so nahe ist oder so nahe sein will. Es ist eigentlich seit Jahrhunderten Teil der christlichen Tradition: Jesus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Wir haben jedoch den Gott genommen und ihm unsere eigenen Regeln angehängt. Den wahren Menschen haben wir vergessen. Der Mensch wie er ist und wie er sein sollte. Der Gott, der Mensch wurde, um uns nahe zu sein und zu sich zu ziehen. Das ist einer der Punkte in diesem Buch, die mich persönlich besonders angesprochen haben. Wer traut sich schon, überhaupt daran zu denken, dass Jesus ein Mann wie jeder andere war. Ein Mensch mit – ohja, jetzt kommt es – mit sexuellen Gefühlen und allen anderen Regungen, die uns täglich überkommen. Hunger, Durst, Müdigkeit… Provokant? Für manche vielleicht. Aber es ist die Wahrheit. Wie sonst sollten wir verstehen und annehmen können, dass Christus uns in allen Dingen verstehen kann, wenn er nicht selbst auch alle Dinge gefühlt und erlebt hätte?
Ja, ein leidiges Thema. Der frommsten Christen am liebsten und am schärfsten verurteilter Bereich – die Sexualität. Ein heißes Eisen in der christlichen Szene. Martin Dreyer packt es an und zwar sehr offen und geschickt, ohne vielleicht in so etwas wie „Geschmacklosigkeit“ abzugleiten. Er schreibt wie es ist. Das erste Gebot Gottes in der Bibel ist: „Seid fruchtbar und mehret euch.“ – Modern gesprochen eben: Habt Sex! Tja… das sind Worte, die nicht in unseren frommen Horizont zu passen scheinen. Dennoch sind sie wahr. Und da halte ich es zum Beispiel mit C. S. Lewis – sexuelle Versuchungen und Verfehlungen sind ebenso Versuchungen und Verfehlungen wie alle anderen. Sie sind nicht höher zu bewerten. Sie nehmen in unserem Hirn nur so viel Raum ein, weil wir als Menschen darauf hin gestrickt sind, uns zu verbinden und zu vereinigen. Das ist etwas Gutes und Wertvolles.
Wie gesagt gibt es insgesamt 13 Kapitel, die mehr oder weniger provokant verschiedene Seiten von Jesus aufzeigen. Unter anderem: Jesus war kein Pazifist und er hatte auch wenig bis gar nichts am Hut mit unserem modernen Denken von Toleranz. Und er hatte nichts gegen Alkohol. Er war nicht abstinent und bieder. Wie kommen wir damit klar? Lassen wir uns davon neu herausfordern und inspirieren? Wagen wir es, diesem lebensfrohen, lebensbejahenden und wilden Jesus zu begegnen, uns ihm zu nähern und ihn ganz neu, ja tiefer kennen zu lernen? Er hat uns so viel mehr zu sagen, wenn wir es zulassen und unsere verhärteten Ansichten aufweichen. Denn dann ist Raum für Neues, nämlich für Jesu Worte, die uns wirklich bewegen wollen, anders zu werden. Ganz anders.
Sicher kann ich auch nicht jeden einzelnen Satz aus diesem Buch unterschreiben, aber doch die allermeisten. Provoziert hat mich daran kaum etwas. Doch das hängt vermutlich mit meinen persönlichen Vorlieben und Hintergründen zusammen. Andererseits habe ich es als wirklich wohltuend empfunden, einen bestimmten Gedankengang bestätigt zu finden: Meinungen und Ansichten und Streitereien über theologische Spitzfindigkeiten… das alles ist unwichtig. Es geht darum, Jesus zu begegnen. Als wahrer Mensch und als wahrer Gott. Das Credo eigentlich aller Gläubigen – unser gemeinsames Zentrum.
Darum ist der Schluss des Buches wirklich versöhnlich und berührend. Martin Dreyer legt anhand des klassischen Glaubensbekenntnisses – wie es in allen Denominationen heute noch gesprochen wird – dar, was er selbst glaubt, was sein Herz erfüllt. Das setzt ihn und die Leserschaft in Beziehung, es lädt ein, sich selbst damit zu beschäftigen, was man wirklich glaubt. An welchen Christus glaube ich? Ist es der aus der Bibel, der ganz viele verrückte Sachen gesagt und getan hat? Oder ist es mein eigenes, zusammengebasteltes Bild – hübsch „gephotoshopt“ wie das Cover des Buches?
Ohja, Jesus bewegt und provoziert auch heute noch. Und gerade weil er nicht glattgebügelt und gefällig ist, kann ich ihm glauben und ihm vertrauen. Das ist dann wohl jetzt mein eigenes, kleines Credo. Welches hast du?


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