Waffen und Frauen

Waffen und Frauen

Buchbesprechung zu:

„The Gun Seller“

von Hugh Laurie

Erstveröffentlichung 1996, diese Ausgabe 2009 bei Arrow Books, Randomhouse UK

339 Seiten

?

Dieses Buch verkauft sich durch den Namen und die Rolle, die er so lange Zeit getragen hat. Wer kennt und liebt oder hasst ihn nicht mit großer Inbrunst? Dr. House, genial verkörpert durch den britischen Schauspieler Hugh Laurie, der die Figur zwar mit amerikanischem Akzent versieht, aber dabei doch immer eine gewisse zynische „Britishness“ an den Tag legt. Dass in jeder Figur auch immer ein Teil der Persönlichkeit desjenigen steckt, der sie verkörpert, lässt sich nicht leugnen. So findet man dieses britische Augenzwinkern auch in Lauries Romandebüt „The Gun Seller“. Auf Deutsch: Der Waffenhändler. Die aktuelle deutsche Übersetzung gibt dem Buch den Namen „Bullshit“, was ich für völlig verfehlt halte, weil das Buch selbst eben kein Bullshit ist und nicht einmal von Bullshit spricht. Eher ziemlich viel von „fuck“ und „fuck you“ und fuck off“…

Denn „The Gun Seller“ ist mit großer Sicherheit zunächst einmal: Eine wunderbare Männerspielwiese. Wir haben da zum einen die schönen Frauen. Eine, die bewundernswert ist und gerettet werden muss. Das spricht den schlummernden Helden im Manne an. Dann eine, die ihre alte Beziehung loswerden will und sich an die nächste Gelegenheit hängt. Nicht besonders spaßig, aber Mann kann den Tröster und guten Freund geben. Und eine weitere, mit der es sich hervorragend terroristische Anschläge verüben lässt und nebenbei gibt es auch ein bisschen Sex. Sex als mechanischer Akt und auch als eine Philosophie des „Männer und Frauen sind verschieden“. Und es gibt Waffen. Nie habe ich so viel über Waffen gelernt (und wieder vergessen, denn ich bin ja eine Frau…), wie in diesem Buch.

Unser Held ist Thomas Lang, Ex-Militär, der sich in London ein bequemes, spartanisches Leben als Single und Motorradfan eingerichtet hat. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs, hin und wieder einem Glas Whiskey und Zigaretten über Wasser. Freunde hat er keine. Bis auf Solomon vielleicht, einen Agenten des britischen Geheimdienstes, der ihm wohl ein paar seiner Jobs vermittelt hat. Alles ganz locker. Bis sich Lang plötzlich in einer geschmacklos eingerichteten Luxus-Wohnung wiederfindet und einen vermeintlichen Auftragsmörder bewusstlos schlägt und würgt. Dort trifft er auch auf Sarah, deren Vater er vor dem sicheren Tod bewahren wollte. Sie glaubt ihm natürlich nicht. Genauso wenig wie der britische Geheimdienst. Denn Lang wacht am nächsten Morgen auf, um ein volles Konto vorzufinden und verdächtigt zu werden, selbst dieser Auftragsmörder zu sein. So nehmen die Dinge ihren unheilvollen Lauf. Bei dem Versuch, die fantastische Sarah Woolf (sie hat ja so faszinierende, graue Augen) zu retten, gerät Lang in einen Sog von unschönen Ereignissen (sie reichen von angeschossen werden über provozierte Unfälle und Kidnapping bis hin zu wirklich üblen Dingen, die ich hier nicht verrate). Bis er sich schließlich gezwungen sieht, im Auftrag eines skrupellosen Waffenhändlers und korrupter CIA-Beamter eine terroristische Gruppe zu infiltrieren. Er soll ihnen helfen, ihren Auftrag zu Ende zu führen, um der Welt die Wirksamkeit einer bestimmten Geheimwaffe zu verdeutlichen. Letztlich dient Lang also der Absatzsteigerung der Rüstungsindustrie. Das passt ihm gar nicht und erst Recht nicht, dass Unschuldige bedroht werden und der Name eines pflichtbewussten, jungen Beamten mit Schmutz beworfen wird. Lang wird wütend. Er wird so wütend, dass er sich kurzerhand ein eigenes, großes Spielzeug organisiert, um dem Waffenhändler und seinen willigen Schergen gründlich die Tour zu vermasseln …

Deftige Sprache, überzogenes männliches Geltungsbedürfnis, beißende Ironie, flache Wortwitze und geschickt gestrickte Spielereien, die abgedroschene Erzählmuster erst verwenden und sie dann wieder satirisch aufbrechen, indem sie erklärt und bewertet werden – das ist eine Mischung, die das Buch zum Lesevergnügen machen. Sicher ist „The Gun Seller“ kein Anwärter auf den nächsten Nobelpreis für Literatur, aber er ist beste Unterhaltung und ziemlich intelligent geschrieben. Besorgt habe ich mir das Buch aus Vorliebe für den Schauspieler Hugh Laurie, der neben seiner Rolle als Dr. House auch einige andere Talente hat. Unter anderem sind seine musikalischen Fähigkeiten nicht zu verachten. Auch sein Buch ist ein guter Wurf.

Neben den herzlichen Lachern, die die Lektüre von „The Gun Seller“ durchgehend provoziert, finden sich auch Passagen, die zum Nachdenken anregen. Insgesamt ist der Roman auf Unterhaltung angelegt, besitzt jedoch einen durchaus ernsthaften Hintergrund. Nicht erst seit gestern weiß man, dass die globale Wirtschaft zu einem großen Teil auf dem Handel mit Waffen fußt. Die Moral des Ganzen: es kann nicht umgangen werden. Im Schlusssatz leuchtet diese Wahrheit bitter-ironisch auf. Statt der Waffe, die durch Langs Aktion in ihrem Verkauf befördert werden sollte, steigert sich nun der Absatz der Waffe, die Lang selbst verwendet hat, um aus seinem Schlamassel zu entkommen. Was also kann man Anderes tun, als zu leben? Humor, ein Glas Whiskey und die Frau seines Lebens suchen, obwohl Männer und Frauen ewig unterschiedlich bleiben werden. Das sind die Waffen eines Thomas Lang. Die Waffen eines kleinen Mannes in einer Welt, die von Korrupten und Gierigen beherrscht zu werden scheint.

Der Roman, bereits 1996 erschienen, besitzt immer noch und gerade heute Aktualität. Es ist diese Mischung aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, die einen bei Verstand hält. Darum habe ich das Buch wirklich genossen und halte es für empfehlenswert. Ein hoch auf die „Britishness“ in uns!

Zum Schluss ein Zitat:

„There´s a thing, I thought, as we thrummed along towards Paris, and Christ knew that. There´s a strange piece of philosophy in action. I just hadn´t realized that before.

Thou Shalt Not Kill, I´d always assumed, was top of the list. The Big One. Coveting neighbour´s asses, obviously, was a thing to avoid; likewise, committing adultery, not honouring thy father and thy mother, and bowing down before graven images.

But Thou Shalt Not Kill. Now that is a Commandment. That´s the one everyone can remember, because it seems the rightest, the truest, the most absolute.

The one that everyone forgets is the one about not bearing false witness against thy neighbor. It seems paltry by comparison to Thou Shalt Not Kill. Nit-picking. A parking offence.

But when it´s thrust in your face, and when your gut reacts to it seconds before your brain has had a chance even to digest what it´s heard, you realise that life, morality, values – they just don´t seem to work the way you thought they did.

Murdah shot Mike Lucas through the throat, and that was one of the wickedest things I´d ever seen, in a life not unmarked by the seeing of wicked things. But when Murdah dicided, for reasons of convenience, or amusement, or administrative neatness, to bear false witness against the man he´d killed – to take away not just his physical life, but his moral life too; his existence, his memory, his reputation […]

That was the point when I started to get really angry.”

(S261/62)

Übersetzung:

„Da gibt es eine ganz bestimmte Sache, dachte ich bei mir, als wir Richtung Paris dampften, Gott wusste es. Da ist eine eigenartige Form von Philosophie am Wirken. Ich habe es zuvor nur noch nicht bemerkt.

Du Sollst Nicht Töten habe ich immer für das Ding ganz oben auf der Liste gehalten. Die Große Nummer. Den Esel des Nachbarn zu begehren, ist sicherlich eine Sache, die man vermeiden sollte; genauso wie Ehebruch begehen, den Vater und die Mutter nicht ehren und sich vor geschnitzten Bildern niederzuwerfen.

Aber Du Sollst Nicht Töten. Nun, das ist ein klares Gebot. Es ist dasjenige, an das sich jeder erinnern kann, weil es als das Richtigste, Wahrste und Absoluteste erscheint.

Das Gebot, das hingegen jeder vergisst, ist dasjenige über das falsche Zeugnis gegen den Nächsten. Es erscheint im Vergleich zu Du Sollst Nicht Töten ziemlich harmlos. Geradezu pingelig. Ein Parken im Halteverbot.

Aber wenn es dir förmlich ins Gesicht geschlagen wird und wenn dein Bauch sofort darauf reagiert, noch Sekunden bevor dein Hirn überhaupt die Chance hat zu verdauen, was es da gerade gehört hat, dann begreifst du, dass das Leben, die Moral, Werte – dass sie einfach nicht so funktionieren wie du dachtest, dass sie funktionieren.

Murdah schoss Mike Lucas durch den Hals und das war eines der bösartigsten Dinge, die ich je gesehen habe, in einem ganzen Leben, das nicht gerade arm war an bösartigen Dingen, die ich gesehen habe. Aber als Murdah sich dazu entschied, etwa aus Bequemlichkeit oder zum puren Vergnügen oder aus verwaltungstechnischen Gründen, Falsches Zeugnis gegen den Mann abzulegen, den er getötet hatte – also nicht nur sein körperliches Leben zu beenden, sondern auch sein moralisches, seine Existenz, die Erinnerung an ihn, seinen guten Ruf zu töten […]

Das war der Punkt, an dem ich wirklich sehr wütend wurde.“