Katholische Teddybären und was sonst noch wichtig ist
Buchbesprechung zu:
Wiedersehen mit Brideshead
Die heiligen und profanen Erinnerungen des Captain Charles Ryder
(Original:
Brideshead Revisited. The Sacred and Profane Memories of Captain Charles Ryder –
1945 / 1960)
von: Evelyn Waugh
diese Ausgabe:
neu übersetzt von pociao, im Diogenes Verlag, Neuauflage 2017, 503 S. ohne Nachwort
Nachdem ich den Autor Evelyn Waugh für mich entdeckt habe, bleibe ich seinen Werken, die nach und nach in Neuübersetzungen und Neuauflagen erscheinen, treu. Dieses Mal habe ich einen Roman gelesen, der unter vielen Vorzeichen in meine Hände gekommen ist. Denn Wiedersehen mit Brideshead gilt als das ziemlich bekannteste und beliebteste Werk des Autors, nicht zuletzt, weil es eben auch verfilmt wurde. Man hält es für einen modernen Klassiker des 20. Jahrhunderts, ein hervorragender Spiegel für die Auflösung der alten englischen Gesellschaftsordnung zwischen den beiden Weltkriegen.
Andererseits gab es auch immer Gegenstimmen, die Wiedersehen mit Brideshead für unerträglich halten, für eines der schlechtesten Bücher Waughs. Es polarisiert. Es ist original Waugh und doch ganz anders. Es vermag eine breite Masse anzusprechen, weil die romantischen Elemente in den Bann ziehen. Und es lässt den sonst so spitzen, scharfzüngigen Autor in sanfteren Tönen hindurchscheinen. Mehr noch als in anderen Geschichten aus seiner Feder, leuchtet das Autobiographische aus den Zeilen hervor, wohl auch, weil die Erinnerungen des Charles Ryder in der Ich-Perspektive geschildert werden. Das ist für Waugh ebenfalls eher ungewöhnlich, pflegt er doch sonst eine große Distanz zu seinen Protagonisten herzustellen, indem er sie entweder passiv dulden und beobachten lässt oder sie in satirischer Meisterschaft völlig überzeichnet und zu einem Zerrbild der gesellschaftlichen Wirklichkeiten macht.
Was Wiedersehen mit Brideshead eigentlich so anders macht und eine Leserschaft anzieht, die vielleicht sonst nur wenig für die klirrende Schärfe des frühen Waugh übrig hat, ist die Erschaffung einer kleinen, in sich geschlossenen Welt, mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Ordnungsstrukturen. Man kann darin eintauchen, mit den Figuren lächeln und traurig sein. Es ist keine dieser brutalen Draufsichten, keine zynische Weltverachtung. Neben der offensichtlichen Ironie, die ein Evelyn Waugh niemals ablegen kann, ist die Geschichte voll von zärtlichen Tönen über Freundschaft, Liebe und eine verlorene Welt, derer sich Charles Ryder ohne Bitterkeit erinnert.
Es klingt abwegig, doch ich musste an den anderen, katholischen, englischen Autor denken, für den ich so viel übrig habe. Tolkien. Warum Tolkien? Weil auch er mit seinem Werk auf eine ganz andere Weise eine eigene Welt erschaffen hat, durch die immer wieder ein bestimmter Funke schlägt. Die Überzeugung, dass es etwas gibt, das alles überdauert, auch wenn die ganze Welt zerbricht. Das Gute. Die Güte. Die göttliche Vorsehung. Es ist auch in Wiedersehen mit Brideshead das zu Grunde liegende Motiv. Das, was dieses Buch zu einem Ganzen macht und auch das, was viele ihm vorwerfen.
Meiner Meinung nach hat Waugh hier etwas wirklich Bemerkenswertes konstruiert. Vergessen wir nicht, dass der Autor selbst ein überzeugter Katholik ist, ein Konvertit, der ganz besonders an den traditionellen Riten und ihrer Bedeutung festhält. (Ähnlich wie für Tolkien ist auch für Waugh nur eine lateinisch gehaltene Messe eine richtige Messe.) Dennoch lässt er die katholische Adelsfamilie in ihrem Katholizismus scheitern. Um sie durch dieses Scheitern wieder zurück zu sich selbst zu bringen, zurück zu Gott. Und gegen alle verzweifelte Fehlerhaftigkeit, vor dem Hintergrund des Untergangs dieser Familientradition am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, erlebt der agnostische Charles Ryder eine eigene Hinkehr zum Glauben. Die Gnade Gottes rührt ihn an, gerade durch die Zerbrochenheit der katholischen Familie hindurch, mit der er auf das Engste verbunden und befreundet war. Das ist sicher nicht der Punkt, den die meisten Leser als den bezauberndsten und wesentlichsten in Wiedersehen mit Brideshead sehen werden. Aber es ist diese Bewegung, die den Roman zu einer in sich geschlossenen Welt macht, in der man sich für eine Zeit verlieren kann. Und wie sieht sie aus, diese beschriebene Welt? Ganz menschlich, ganz poetisch. Verzweifelt und leidenschaftlich. Absurd und zärtlich. Alles findet in ihr seinen Platz.
Charles Ryder wird während des Zweiten Weltkrieges mit seinen Männern in ein anderes Ausbildungslager verlegt. Das Militär hat einen Teil des alten Anwesens Brideshead für seine Zwecke beschlagnahmt. Im Morgengrauen erkennt Charles, wo er sich befindet und seine Erinnerungen an diesen Ort und seine Bewohner setzen ein.
Es beginnt mit einer jener typischen Männerfreundschaften, die in den Colleges von Oxford geschmiedet werden. Charles Ryder hat sich Anfang der 20er für ein Geschichtsstudium eingeschrieben und entgegen aller gut gemeinten Ratschläge seines unerträglichen Cousins Jasper ein Zimmer im Parterre zum Hof hinaus genommen. Es kommt wie es kommen muss. Sebastian Flyte beugt sich auf dem Rückweg von einem recht ausschweifenden Umtrunk in das Fenster von Charles, um sich herzhaft zu übergeben. Was für ein Auftakt! Entschuldigt wird sich daraufhin mit Blumen und der Einladung zum Dinner. Wie es sich gehört. Hier also beginnt die innige Freundschaft zwischen dem gutbürgerlichen Charles und dem adligen Sebastian. Und es ist mehr als eine Freundschaft. Es ist eine liebevolle Anziehung, die auch über das Ästhetische geht. Man würde wohl heute offen sagen: homoerotisch. Einer jener Zwischentöne, die damals unter männlichen Studenten geduldet wurden. Charles jedenfalls liebt Sebastian innig und im Laufe ihrer Freundschaft wird Charles immer tiefer in die Welt von Sebastian gezogen. Er lernt seinen Teddybären Aloysius kennen, seine Nanny und bald auch die streng katholische Mutter und die drei Geschwister seines Freundes, obwohl Sebastian dies lange Zeit krampfhaft zu verhindern sucht.
Charles wird Zeuge des komplizierten Beziehungsgeflechts der Flytes. Der Vater der Familie lebt seit Jahren mit seiner Geliebten in Venedig. Die Mutter umsorgt mit der ihr eigenen Art die gemeinsamen Kinder. Man ist katholisch, eine Scheidung kommt daher nicht in Frage. Alle Energie der Mutter fließt also in die Erziehung der Kinder. In die katholische Erziehung. Dabei hat diese Art der Sozialisierung auf alle vier Geschwister eine sehr unterschiedliche Wirkung. Den Ältesten Bruder – Bridey genannt – trocknet es langsam von innen aus. Er genügt seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht. Julia, die attraktive Schwester von Sebastian, kann von ihrem Glauben nicht lassen, aber sie ist hungrig nach Leben und der Liebe. Sie sucht ihre Erfüllung in der Ehe und findet dort nur Leere, Langweile und Unglück. Die Jüngste, Cordelia, ist die Einzige, die sich ihren kindlichen Glauben bewahrt und ihn mit ihrem Wesen und ihrem Leben vereinbaren kann. Sebastian kann ähnlich wie Julia nicht vom Glauben lassen, aber auch er ist hungrig nach Leben. Er liebt seine Familie und ist doch ständig auf der Flucht vor ihnen, vor ihrer Sorge um ihn, die ihn schier erdrückt und nur noch tiefer in einen schleichenden Alkoholismus treibt. Auch der Tod der erdrückenden Mutter ändert nichts an dem tiefen Absturz des Sebastian Flyte, der schließlich als Laienbruder gnädige Aufnahme und Fürsorge in einem katholischen Kloster findet.
So erlebt Charles immer wieder Zeiten der Trennung und des Zusammenseins mit der ganzen Familie. Seine Karriere als Architekturmaler ist glänzend, seine Ehe hingegen scheitert und auch eine spätere, lange dauernde Affäre mit Julia, in der er immer wieder auch den verlorenen Freund Sebastian sieht und liebt, endet nicht in der erhofften Eheschließung. Über dem Totenbett des Herrn von Brideshead, der schließlich aus Italien in seine Heimat zurückgekehrt ist, um seine Angelegenheiten zu regeln, zerbricht die Verbindung von Charles mit der Familie, weil Julia erkennt, dass sie auf diese Weise nicht weiter leben will. Es ist ein trauriges Ende, aber es ist ohne Bitterkeit und voller Verständnis. Und als Charles später nach Brideshead zurückkehrt und in der Kapelle des Anwesens das Ewige Licht brennen sieht, schließt sich der Kreis.
Die Familie ist untergegangen, es gibt keine Nachkommen. Das Anwesen ist so gut wie verwüstet. Düstere Bilder des Untergangs werden beschworen. Und doch brennt ein hässliches, rotes Licht in der lächerlich dekorierten Jugendstil-Kapelle und erinnert daran, dass es etwas gibt, das darüber hinaus weist und zu dem jeder Einzelne der Flytes zurückgekehrt ist, um seinen Frieden zu machen. Denselben Frieden, den Charles Ryder jetzt mit seinen Erinnerungen macht, während er betet und zu seinen Aufgaben zurückkehrt.
In solcher Weise endet das Buch und diese Inhaltsbeschreibung ist ungenügend, denn sie kann nicht den sprachlichen Reichtum Waughs erfassen, die ausladenden Beschreibungen, die opulenten Schilderungen einer sterbenden Welt. Es gibt zahlreiche, hier nicht erwähnte Nebenfiguren, die eine eigene Betrachtung wert sind, autobiografische Parallelen zu Waughs Studienzeit und eigenem Leben und Erleben, mystische Bilder wie poetisch-prophetische Visionen, scheinbar deplatzierte Monologe, die Erklärungen transportieren, satirische Einschübe, die den Ernst der Romantik durchbrechen.
Ist es nun Waughs bester Roman? Technisch betrachtet ist er es nicht. Es gibt sehr viel straffere, brillantere Arbeiten von ihm, die in sich ein viel konsistenteres Bild ergeben. Aber Wiedersehen mit Brideshead ist ein Buch, das man lieben kann. Und darin besteht für mich die Güte dieses Werks, dass es trotz seiner Unvollkommenheiten irgendwie ein Ganzes ist, ob man nun mit dem Katholizismus und der seltsam wirkenden Gnade Gottes etwas anfangen kann oder nicht. Man muss einfach zugeben, dass dieses Zugrundeliegende auf eine sehr tröstliche, glücklich machende Weise Sinn stiftet. Die Absurdität des menschlichen Daseins verlangt nach etwas, das sie erträglich macht und das Leiden bleibt hier nicht ziellos. Es mündet in Gnade. So lese ich es. Andere mögen es anders lesen. Von mir gibt es wieder eine klare Empfehlung, sich mit dem Autor Waugh auseinanderzusetzen.


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