„Kusch aber zeugte Nimrod. Der war der Erste, der Gewalt übte auf Erden, und war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn. Daher spricht man: Das ist ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn wie Nimrod. Und der Anfang seines Reichs war Babel, Erech, Akkad und Kalne im Lande Schinar. Von diesem Lande ist er nach Assur gekommen und baute Ninive und Rehobot-Ir und Kelach, dazu Resen zwischen Ninive und Kelach. Das ist die große Stadt.“ 1. Mose 10, 8 – 12
Erste Schlagzeile der Weltgeschichte, die Ninive betrifft: Ein Mann namens Nimrod gründet eine Siedlung und baut feste Häuser. Er ist der erste Herrscher in dieser Gegend, vor tausenden von Jahren. Ein Mann, geschickt im Umgang mit Waffen und wohl auch in der Führung von Menschen.
Letzte bedeutende Schlagzeile dieser Tage: Der IS zerstört die ausgegrabenen und restaurierten Überreste Ninives und reißt die freigelegten Statuen nieder; sprengt, was von dieser Stadt noch übrig ist.
Ninive ist zu Staub zerfallen wie alles, was der Mensch erschafft. Und doch kann Ninive nicht aus dem Gedächtnis der Menschheit gelöscht werden. Ebenso wenig wie Babel. Die ersten größeren Städte der Menschheit lagen im sogenannten Zweistromland, gesegnet von den zwei Flüssen Euphrat und Tigris. Eine erste sogenannte Hochkultur. Erste Zeugnisse von Schrift, Keilschrift. Das fasziniert uns. Größe und Schöpferkraft der Menschheit.
Doch in Nimrod, dieser dunklen, unbekannten Gestalt, begegnet uns ein ganz typischer Wesenszug der seit Eden von Gott entfernten Menschheit, wie er nun nach Noah bis heute zur vollen Entfaltung kommt. Nimrod ist der „Empörer“, der „Widerstreitende“, also der sich gegen Gott auflehnende, wie man seinen Namen auslegen kann. Er strebt nach Macht. Er will herrschen. Er will überwinden. Sinnbild dessen ist sein großer Ruf als Jäger. Wie er das Tier verfolgt und niederbringt, so jagt er auch der Macht nach. Babel ist sein Ort und von dort aus stößt er weiter nach Norden vor, bis hin zu Ninive. Stätten, die im heutigen Irak liegen. Babylon und Assyrien, die beiden Weltreiche, die auch in der Geschichte des Volkes Israel noch eine bedeutende Rolle spielen sollen. Sie stehen bis heute symbolisch für Macht und Herrschaft des Menschen; Macht und Herrschaft, die sich selbst oft genug zu Gott macht.
Das Wesen des Schadens, der durch die Begegnung der Schlange mit dem Menschen entstand, bricht hier in Gänze hervor. „… und ihr werdet sein wie Gott…“ (1.Mo3,5), spricht die Schlange. Sein wie Gott, an höchster Stelle sein. Den eigenen Willen als absolut setzen und alle anderen Geschöpfe diesem Willen unterordnen. Das Ego den ganzen Raum einnehmen lassen und alles andere in dieses integrieren. Losgelöst von aller Begrenzung. Ein Rausch, der die Seele bis ins Tiefste erfassen kann. Da der Mensch ein begrenztes Wesen ist, muss sein Streben nach grenzenloser Macht unweigerlich Formen annehmen, die irgendwo zwischen grausam und absurd liegen. Was anderes können wir denn dieser Tage beobachten? Monstrosität und Lächerlichkeit sind zwei Enden desselben Elends.
Wie denn hat Nimrod sein Reich gebaut? Warum wird uns mitgeteilt, dass er ein Jäger war? Geschick in der Jagd macht noch keinen König. Doch die Waffe ist es. Wenn mein eigener Wille sich am Willen des anderen stößt, dann kann ich den Willen meines Gegenübers nur mit Gewalt durchbrechen, um das zu erhalten, was ich will. So funktioniert Macht und Herrschaft auf allen Ebenen.
Nichts von all dem, was vor der Sintflut war, ist im Menschen ausgelöscht worden. Alles ist noch da. Der Verlust der Heimat schmerzt. Also müssen wir ins Unermessliche eine neue bauen. Das vergossene Blut des Bruders Abel ist nicht weggewaschen worden und ruft immer noch aus den Ackerfurchen. Wo einmal Blut ist, bringt es noch mehr Blut. Die Endlichkeit und Begrenzung des Menschen erfüllt ihn mit Furcht, Hast und Unwillen. Um sich selbst nicht endlich zu fühlen, muss er seine Grenzen erweitern. Das beruhigt so lange, bis er eine neue Grenze vor sich sieht.
Warum sonst fordert uns Jesus auf, uns selbst zu verleugnen? Warum sonst spricht Paulus davon, dass der alte Mensch in uns sterben muss? Das ist das einzige Heilmittel für ein Ich, das begrenzt und verwundet ist. Die Begrenzung anzuerkennen und sich in die Hände dessen zu begeben, der selbst unendlich ist. Darum glauben wir Christen, dass wir in der Hingabe unseres Lebens das eigentliche Leben gewinnen.


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