Gottessöhne und Menschentöchter

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„Als aber die Menschen sich zu mehren begannen auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Gottessöhne, wie schön die Töchter der Menschen waren, und nahmen sich zu Frauen, welche sie wollten.“ 1. Mose 6, 1 – 2

Der rätselhafteste aller Texte des ersten Buches Mose berichtet von männlichen Wesen, die als Söhne Gottes bezeichnet werden, Gott in irgendeiner Weise zugeordnet sind, und von menschlichen Frauen. Diese Gottessöhne und Menschentöchter gehen Verbindungen ein, aus denen Kinder hervorgehen, die als Riesen oder Helden der Vorzeit bezeichnet werden. Soweit, so unverständlich. Das Wesentliche dieses Textes ist wieder eine Zäsur, ein Einschnitt in der Geschichte der Menschheit mit ihrem Gott, der sie erschaffen hat. Es findet eine nicht weiter kommentierte Vermischung statt, die eine Sorte Menschen hervorbringt, die sich von anderen unterscheidet. Riesen. Helden. Was immer das bedeutet. Gottes Antwort darauf ist fast noch seltsamer als die Geschichte selbst.

„Da sprach der Herr: Mein Geist soll nicht immerdar im Menschen walten, denn er ist Fleisch. Ich will ihm als Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre.“ (1.Mo6,3)

Nun, es hat wenige in der Moderne dokumentierte Fälle gegeben von Menschen, die etwas mehr als 120 Jahre alt wurden. Verschiedene Studien und wissenschaftliche Untersuchungen stellen interessanterweise fest, dass das theoretisch erreichbare, biologische Lebensalter eines Menschen durchschnittlich bei 120 bis 125 Jahren liegen könnte. Sicher ist man sich nicht. Sicher ist nur, dass der Mensch sterben muss.

Offensichtlich wird dem aufstrebenden Menschengeschlecht hier eine Grenze in seiner Macht und Entfaltung gesetzt. Die Zeit des Menschen wird stark begrenzt. Und das ist Gnade, denn war es schon für Kain schwer, mit sich selbst zu leben, so ist es für die nachfolgenden Generationen nicht minder schwer. Lebenserfahrung und Lebensleid häufen sich auf. Das ist nicht einfach zu tragen. Wer will schon 500 Jahre mit sich selbst leben?

Wenn man in diesen kurzen Versen von den hochberühmten Helden der Vorzeit liest, dann fallen einem auch zahlreiche Legenden aus aller Herren Ländern ein, die von Helden und sogenannten Halbgöttern berichten, die große Taten vollbracht haben; meist sehr martialischer Natur. Der Stoff für einen überlangen 3D-Kinofilm und eine Tüte Popcorn.

Was bleibt, ist das Wissen: unsere Zeit ist begrenzt; wir wissen wenig. Und es hat eine Nähe zu Gott gegeben, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können. Eine andere Qualität der Begegnung zwischen Himmlischem und Irdischem. Der Mensch kann nicht zurück zum Paradies. Er wird sich seine eigene Welt, fern von Gott, aufrichten. Riesig und heldenhaft und doch dazu bestimmt, frühzeitig zu Staub zu verfallen.

Gott lässt den Menschen laufen, aber nicht aus seiner Hand. Der Mensch ist groß und von Würde, aber begrenzt, denn neben dem Guten in ihm, was nach dem Bilde Gottes erschaffen ist, würde auch die Finsternis ins Unermessliche wachsen, wenn der Mensch nicht begrenzt wäre. Darum ist es Gnade, wenn Gott sagt, er zieht sich zurück, damit der Mensch Grenzen erfährt und sich sehnsuchtsvoll umwendet zu dem, was er verloren hat, um es wirklich von Herzen zu suchen.