Spuren, die das Böse hinterlässt

Spuren, die das Böse hinterlässt

Buchbesprechung zu:

„Hitlers erster Feind“ Der Kampf des Konrad Heiden

Von: Stefan Aust

Rowohlt Verlag, 2016, 372 S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass ich den Zugang zum Autor (Konrad Heiden) über eines seiner Werke gesucht habe, war von großem Vorteil (siehe Buchbesprechung zu: „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“). Überhaupt ist es neben „Zurück zur Quelle“ eines meiner Prinzipien, den Schreiber über das Geschriebene kennenzulernen, ehe man den Spuren seines alltäglichen Lebens nachgeht, um das Bild eines ganzen Menschen vor die Augen gemalt zu bekommen. Denn was ein Schreiber schreibt, das schreibt er aus seinem innersten Wesen heraus. Und wie man Adolf Hitlers unangenehmes Wesen ganz sicher aus „Mein Kampf“ herauslesen kann (wie Konrad Heiden es ja auch getan hat), so kann man Konrad Heidens Wesen recht klar aus seinem geschriebenen Wort herausleuchten sehen.

Andererseits ist das schriftliche Werk eines Mannes auch eine Hinterlassenschaft, deren Qualität unabhängig von Vorurteilen (egal ob negativer oder positiver Art), beurteilt werden muss. Ein anständiger Mensch kann schlechte Arbeit leisten, ebenso wie ein charakterschwaches Individuum Großes vollbringen kann. Ein Mensch ist nie nur ganz gut oder ganz schlecht. Eine Sichtweise, die man auch Konrad Heiden in seiner Betrachtung von Hitler vorgeworfen hat. Ja, vielen war sein Umgang mit dem Monstrum Hitler noch nicht scharf genug. Und doch war Heiden ein Mann mit äußerst scharfem Verstand, nach Aussagen von Bekannten sogar oft unangenehm schneidend, wie Stefan Aust in seiner Biografie „Hitlers erster Feind“ bemerkt.

„… während Heiden eher von sperriger Art war. Sein messerscharfer Verstand wurde nicht nur bewundert, sondern bisweilen auch gefürchtet. Er konnte sehr schneidend sein, wenn er jemanden nicht mochte. Er war schüchtern und arrogant zugleich. Und er wusste durchaus, dass er ein guter Autor war, eine kritische Instanz, der als „Hitlers erster Feind“ auch in den USA prominent geworden war.“ (S. 334)

Eine interessante Zusammenfassung, der ich nach der eigenen Lektüre von „Das Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“ gerne Glauben schenke. Umso eher, als dass auch Stefan Aust in seiner Biografie eben diesen Zugang zu dem Menschen Konrad Heiden gewählt hat. Auch seine erste Begegnung mit Hitlers Feind Nr. 1 begann mit einem Buch, eben jener ersten Hitler-Biografie aus dem Jahre 1936. So war ich gleich auf den ersten Seiten eins mit Stefan Aust, eins im Zugang und in der Faszination für das Thema und den Mann Konrad Heiden. Ohne diesen Zug in die Materie hinein wäre es mir vermutlich schwerer gefallen, die Biografie so zügig durchzulesen, denn man merkt die schwer zu bewältigende Fülle an Literatur, die hinter dieser Arbeit steckt.

Stefan Aust lässt Konrad Heiden über Seiten hinweg einfach selbst sprechen, in Zitaten aus seinen Büchern und Artikeln, von denen es eine solche Unzahl gibt, dass auf ihre Aufzählung im Anhang glatt verzichtet werden musste. (Anmerkung S. 375) So ist rund ein Drittel dieser Biografie ein Zusammenschnitt aus Zitaten, Anmerkungen über das zeitgeschichtliche Geschehen bis hin zu Hitlers Aufstieg zur Macht und eine Art Parallel-Betrachtung der Männer Heiden und Hitler, die nichts anderes als einander entgegengesetzte Feinde werden konnten. Die biografischen Details über Konrad Heidens Kindheit und Jugend aufzuzählen erspare ich mir. Man mag es selbst bei Stefan Aust nachlesen, der bei schwieriger, unvollständiger Quellenlage (Heiden musste bei seiner Flucht wie so viele andere manches in Deutschland zurücklassen) eine wirklich gute Arbeit geleistet hat.

Bezeichnend erscheint mir allerdings eine Anekdote, die auf den Seiten 40 bis 43 geschildert wird. Der Schüler Konrad Heiden wird beschuldigt, sich despektierlich über den Kaiser geäußert zu haben (man vergesse nicht, der Erste Weltkrieg ist im Gange, als Heiden ein Knabe ist, Vaterlandsliebe und Kaisertreue ist Pflicht!). Es gibt ernsthafte Ermahnungen, Gespräche mit seinem Vater. Beinahe hätte man den Schüler Konrad des Gymnasiums verwiesen. Ob es nun ein übles Gerücht war, von einem neidischen Mitschüler in Umlauf gebracht, oder ob der junge Konrad sich tatsächlich kritisch geäußert hat, lässt sich nicht mehr herausfinden. Trotzdem beschreibt diese Geschichte einen intelligenten Jungen, der sehr früh gelernt hat, auch vom Elternhause aus, selbst zu denken und eigene Schlüsse zu ziehen. Während Adolf Hitler sich in seine eigenen Ansichten tiefer und tiefer verstrickt und sich die Fesseln einer verqueren Ideologie um den Verstand legt, ist Konrad Heiden dabei, mit wachen Augen die Welt zu entdecken und zu verstehen. Über diesen Gegensatz verstehen wir, dass es nur so kommen konnte, dass Konrad Heiden als Journalist sofort in heiße Opposition zum aufsteigenden Nationalsozialismus kommt.

Gefördert durch Otto Groth, bayerischer Korrespondent der Frankfurter Zeitung, beginnt für Konrad Heiden seine journalistische Karriere. Stefan Aust schildert anschaulich, wie der junge Mann zunächst wirklichen Erfolg verzeichnen kann, seine Arbeit jedoch mehr und mehr erschwert wird. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten erfolgt auch eine rasante Gleichschaltung der Medien. Fast alle Zeitungen rücken nach rechts. Aus Angst, auf Befehl oder eben von den Nazis selbst aufgekauft und infiltriert. Konnte er mit seinem Buch „Geschichte des Nationalsozialismus“ (1932!) noch einen starken Erfolg feiern, so sieht es einige Monate später (1933 Machtergreifung!) ganz anders aus. Sein Buch wird umgehend verboten. In Deutschland ist es für Konrad Heiden nicht mehr sicher. Das weiß er zu genau, hat er doch von erster Stunde an kritisch berichtet, als die Nationalsozialisten noch bierseelig im Hofbräukeller beisammen saßen und sich in Hitlers ersten Reden suhlten. Da nahm man sie noch nicht ernst. Konrad Heiden nahm sie sehr ernst und beim Wort. Und das machte ihn 1933 sofort unmöglich.

Stefan Aust schildert nun die Stationen von Konrad Heidens Flucht, seine Versuche, jeweils in der Schweiz, im noch neutralen Saargebiet und schließlich in Frankreich weiter zu publizieren und seinen Wort-Kampf gegen die Nationalsozialisten fortzuführen. Auch hier erspare ich mir die Details. Es lohnt sich jedoch, den Spuren dieser Flucht nachzugehen. Was Konrad Heiden selbst über sein eigenes Schicksal zu dieser Zeit empfunden und gedacht haben mag, das hat er nicht festgehalten. Stefan Aust greift deshalb zurück auf die geschilderten Erlebnisse anderer Autoren, die zu der gleichen Zeit wie Konrad Heiden über Frankreich, verschiedene Internierungslager, schließlich über die Pyrenäen hinweg nach Lissabon und zu Schiff in die USA emigriert sind, verbunden mit all den Schwierigkeiten, Papiere und Genehmigungen zu erhalten. Es war Thomas Mann, der Konrad Heiden dem Rettungskommitee (Emergency Rescue Committee) empfahl. Eine Flucht in letzter Sekunde, denn die Gestapo war ihm und anderen bereits hart auf den Fersen.

Diese Flucht, dieses Leben voller Leidenschaft im Kampf gegen Hitler, forderte natürlich auch seinen Preis. Es ist Konrad Heiden bis zum Schluss nicht gelungen, sich eine Art wirklich familiäres Umfeld zu schaffen. Er lehnte wohl auch eine zu enge Bindung an eine Frau ab, verheiratet mit seiner Arbeit könnte man sagen. Selbst zu seiner späteren Lebensgefährtin hat er zwar ein sehr inniges Verhältnis und er setzt sie als Alleinerbin ein, bezeichnet sie als seine ganze Welt, doch immer wieder zieht er sich zurück in seine Arbeit, die ihm eigentlich alles ist und ihn von Anfang an tief geprägt hat. So gibt er selbst zu, dass eine so intensive Beschäftigung mit einem Mann wie Adolf Hitler eben auch ihre Spuren hinterlässt. (S. 318)

Konrad Heiden kann in den USA mit einer Buchveröffentlichung großen Erfolg und einige Bekanntheit erlangen („Der Fuehrer. Hitler´s Rise to Power“ Boston, 1944), doch das Glück währt nicht lange. Eine schwere Krankheit (Parkinson) vermindert schließlich seine Arbeitsfähigkeit und sicher auch seine finanziellen Mittel. So sehr, dass er sich irgendwann entschließt, einen Antrag auf Wiedergutmachung zu stellen. Stefan Aust skizziert auf den letzten Seiten die dramatische Verschlechterung des Gesundheitszustandes parallel zu dem laufenden Antrag. Es fehlen Papiere (natürlich fehlen sie, er musste schließlich fliehen und alles zurücklassen!). Nach langem Hin und Her einigt man sich auf eine nachträgliche Rentenzahlung, doch schließlich wurde der Entschädigungsantrag abgewiesen. Drei Wochen später stirbt Konrad Heiden. Es ist ganz sicher einer der vielen kleinen Skandale, dass Menschen, die es wirklich verdient hätten, keine Entschädigung und Wiedergutmachung erhalten haben. Stefan Aust lässt es unkommentiert stehen, doch aus den vorangegangenen Schilderungen, aus der gesamten Biografie geht hervor, dass es eine Unverschämtheit sondergleichen ist.

In den USA ist Konrad Heiden noch ein letzter Erfolg vergönnt gewesen. In Deutschland ist er bis heute vergessen. Das sollte sich nun mit der Neuveröffentlichung seiner Werke und mit der vorliegenden, wirklich hervorragend recherchierten Biografie von Stefan Aust ändern. Es ist nicht die beste und schillerndste Biografie, die ich je gelesen habe. Dazu ist sie einfach zu trocken und gespickt mit zahlreichen Fakten auf engstem Raum. Man merkt dem Buch an, dass es zusammengefasst werden musste, um lesbar zu sein. Dennoch bleibt es eine hervorragende Zusammenfassung, eine gute Einführung in das Thema Konrad Heiden und eine starke Anregung, sich den Werken Heidens neu zuzuwenden.