Turmbau

„So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.“ 1. Mose 11, 8

In der Tradition vermutet man Nimrod als den Herrn über jenes Babel, in dem man einen Turm bis an den Himmel bauen will. Wer auch immer der Meister hinter diesem Plan war oder ob es eine – modern gesprochen – demokratische Entscheidung darüber gab, die Menschen gehen nach der überstandenen Katastrophe der alles überspülenden Flut frisch an ihr neues Werk. Das neue Werk ist dabei aber ihr altes Werk. Eine Heimat bauen, Sicherheit schaffen, Grenzen überwinden, Macht ausüben. Nur dieses Mal soll alles besser werden.

~ Wir fangen neu an und denken größer. Am Konferenztisch, bei stillem Wasser und bitterem Kaffee, wird der Plan festgemacht. Man erfindet sich neu, man macht sich einen Namen… Die Marke „B.A.B.E.L.“ wird noch Reden von sich machen! ~

Es ist die Geburtsstunde von Herrschaft, Kultur und Ritual. Der Mensch vermehrt sich und formt sich aus. Er gibt an seine Kinder weiter, was er kennt. Seine Kinder dünken sich größer als die Eltern und begehen doch dieselben großen Taten und Fehler. So dreht sich die Spirale in den Himmel und kratzt an den Wolken, will die Sterne pflücken, den Mond antasten und die Sonne überflügeln. Will sein wie Gott. Will größer sein als Gott. Will selbst Gott sein.

„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.“ (1.Mo11,1) Glauben wir denn, dass unsere Vorfahren dümmer waren als wir? Natürlich kann der Mensch als Gemeinschaft größere Dinge erschaffen, wenn alle dieselbe Sprache reden und sich auf gemeinsame Pläne absprechen. Arabisch einte die Welt des Islam. Latein schuf eine Kultur des Wissens und Forschens, gewachsen in den Klöstern und bis heute von enormem Einfluss. Und heute? Wer, der unter 30 ist, kann nicht zumindest ein paar Brocken Englisch verstehen und reden? Englisch ist unser neues Latein. Und damals war „Babelisch“ das Latein für die Baupläne des Turms.

Gemeinsame Sprache überwindet Grenzen, natürlich! Das ist keine neue Erkenntnis. Und darum geht es in dieser Geschichte wieder um eine Begrenzung des Tuns des Menschen.

„Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.“ (1.Mo11,6)

Und darum – so die Erklärung des Textes – wird die Sprache der Menschen verwirrt und sie werden in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Nichts anderes bedeutet es, als dass hier die Entstehung verschiedener Sprachen und Völker beschrieben ist. Geographische und linguistische Grenzen als Grenzen für das Tun des Menschen. Nun wird dieser Text bis heute äußerst unterschiedlich bewertet und ein jeder sucht darin die Rechtfertigung der eigenen Sichtweise. Mancher betont: Schau an, wir haben alle einen Ursprung, alle sind wir Menschen. Es gibt aber auch jene Sichtweisen am ganz anderen Ende: Siehe da, Gott will keine Vermischung und Verbrüderung! Noch in den 50er und 60er Jahren hat man damit zum Beispiel Heiratsverbote zwischen Schwarzen und Weißen begründet.

Der Text selbst aber kommt ohne Bewertung daher. Wieder einmal ist dem Menschen gesagt, dass sein Tun nicht immer gut ist und dass es Grenzen haben muss. Oh, und wie schwer tun wir uns mit Grenzen! Wir nehmen sie als persönliche Beleidigung wahr, als Rückständigkeit. Nicht alle Grenzen sind gut. Nicht alle Grenzen sind böse. Aber die Begrenztheit des Menschen verhindert eben nicht nur die Hervorbringung vorteilhafter Dinge. Sie verhindert auch, dass sich das Böse ebenso wie das Gute potenziert.

Es kratzt an unserem Stolz, wenn wir nicht alles tun können, was wir wollen. Aber es ist eben nicht alles gut für uns oder andere. Neben der Schönheit von vielen Dingen, die der Mensch pflanzt, schießt auch manches Unkraut auf. Das ist seit Eden nicht zu vermeiden. „Dornen und Disteln soll er [der Ackerboden] dir tragen…“ (1.Mo3,18)