Vergebung für alles?

Vergebung für alles?

Buchbesprechung zu: „Das Haus der zärtlichen Hände“

(amerikanischer Originaltitel: „The House of Gentle Men“)

von Kathy Hepinstall

Erstausgabe 1999 – für diese Buchbesprechung deutsche Taschenbuchausgabe 2002, Knaur Verlag

Übersetzung von: Veronika Cordes

350 Seiten

Vergriffene Ausgabe, gebraucht und in Bibliotheken zugänglich

Im Grunde wollte ich zu dieser Nebenbei-Lektüre keinen Text schreiben. Es gibt weitaus mehr Bücher, die ich zur Unterhaltung oder aus Interesse lese und über die ich nicht blogge. Was mich dann doch dazu bewogen hat, ist das spezielle Thema, zu dem mir einiges in den Sinn kam, denn das „Das Haus der zärtlichen Hände“ gehört zwar nicht zu den Romanen, die mich in ihrer Machart wirklich packen konnten, aber die Idee dahinter ist bemerkenswert.

Den Klappentext zum Inhalt sollte man schnell vergessen, denn es handelt sich eben nicht nur um die angegebene Geschichte „Vergewaltigtes, traumatisiertes Mädchen verliebt sich wider Erwarten“. Die Story kommt ganz anders daher, wenn man die ersten Seiten hinter sich hat. Wir begegnen Charlotte, die nicht redet, sondern nur mit Hilfe von Stift und Zettel kommuniziert. Vor 7 Jahren hat sie einfach aufgehört zu reden, nachdem sie mit zerrissenem Kleid aus dem Wald zurückgekehrt ist. Ihr Bruder Milo, der Dinge anzündet und im Wald seine Fäuste an Bäumen blutig schlägt, hat vermutlich auch seine eigene Mutter verbrannt, wenn man dem Gerede der Leute glaubt. Charlottes Freundin Belinda vergöttert ihren Sherriff-Soldaten-Helden-Ehemann und näht wie besessen Lavendelkissen. Die beiden Freundinnen hassen sich übrigens, aber sie sind immerhin Freundinnen, kaum vermeidbar in einer amerikanischen Kleinstadt. Jenseits dieser beschaulichen Südstaaten-Kleinstadt, den Pfad durch den Wald hinunter, gibt es das „Haus der Galanten Männer“ [im Original etwas gefälliger als Haus der „Gentle Men“ bezeichnet, die deutsche Übersetzung wirkt den ganzen Roman über seltsam gestelzt – aber der Titel „Haus der sanften Männer“ hätte sich vermutlich schlechter verkauft…]. Dort beherbergt Mr. Olen wie eine Art heiliger Zuhälter eine Gruppe Männer, die verzweifelten Frauen zu Diensten sind. Nicht etwa mit Sex, nein, der ist streng verboten! Es geht darum, nett zu den Damen zu sein und sie zu trösten, eine hehre Mission zur Seelenrettung, die sich Mr. Olen vorgenommen hat, während er davon träumt, dass seine durchgebrannte Frau wieder zurückkehrt. Mr. Olen hat zwei bemerkenswerte Kinder. Benjamin, ein Halbwüchsiger, der es gern, frech und ausdauernd älteren Frauen besorgt und im Schuppen haust. Und Louise, die wir ständig auf den Knien finden, wie sie die Fußböden schrubbt, weil alles in der Welt gesäubert werden muss, sogar hin und wieder die Bäume im Wald, deren Rinde sie mit Seife, Wasser und Scheuerbürste bearbeitet. Dann gibt es da noch den kleinen, fast siebenjährigen Jungen namens Daniel, blond und unglaublich blaue Augen. Woher er kommt, weiß keiner. Er ist einfach da und wohnt im „Haus der Galanten Männer“. Seine Aufgabe ist scheinbar, die Frauen, denen Benjamin das Herz gebrochen hat, zu trösten. Doch im Grunde sucht er nur seine Mama. In diese Welt der – wie es scheint – völlig Irren tritt eines Abends Justin, Ex-Soldat und am Leben in der Nachkriegszeit gescheitert. Er bewirbt sich um eine Stelle im „Haus der Galanten Männer“ und versucht bereits in der ersten Nacht seinem Leben mittels Strick ein Ende zu setzen.

Soweit, so verrückt.

Jetzt kommt das äußerst Vorhersehbare. Charlotte erhält zu ihrem 23. Geburtstag von ihrer gehassten Freundin Belinda 4 Dollar, das übliche Trinkgeld für eine Nacht im „Haus der Galanten Männer“. Nach viel Wut und Zögern entscheidet sie sich, dem Ganzen eine Chance zu geben und trifft – wie kann es anders sein – auf Justin, mit dem sie fortan fast jeden Abend verbringt, ihre Sprache zurückgewinnt, Vertrauen fasst, sich verliebt. Ab der Mitte des Buches ist ziemlich klar, wohin die Reise geht und auch das Ende ist schlüssig. Die Storyline stürzt rasant in sich zusammen und beschert ein Ende, in dem alles in Flammen aufgeht, aber die Erlösung für sämtliche Seelenschmerzen der meisten Protagonisten greifbar ist.

Soweit, so offenkundig.

Unnötig zu erwähnen, dass Justin einer jener Soldaten ist, die Charlotte damals vergewaltigt haben. Die anderen beiden sind während des Krieges der Einfachheit halber eliminiert worden. Sie haben es ja sowieso nicht anders verdient. Doch Justin, der eigentlich nicht von Anfang an beteiligt war, sondern nur dazu gekommen ist und mitgemacht hat, anstatt Charlotte zu helfen – blauäugig, halbwüchsig, Mitläufer – ist am meisten hassenswert. Er überlebt und will sich mit dem Strick von seinem schlechten Gewissen erlösen. Hätten wir ihn gerne baumeln sehen? Oder gestehen wir ihm die Vergebung, ja sogar die Liebe durch sein einstiges Opfer Charlotte zu?

Ja, der Roman ist typisch amerikanisch. Ständig wechselnde Perspektiven, Südstaatenflair und das immerwährende Thema einer konservativen, durch fundamentales Christentum beeinflussten Gesellschaft, dazu eine romantische Liebesgeschichte, etwas lädiert, aber doch konsequent im Hollywood-Happy-End. Ein bisschen Arthouse-Irrsinn, aber leicht lesbar. Der amerikanische Stil ist nicht ganz nach meinem Geschmack; irgendein Trigger in mir verursacht, dass ich bei solcher Art Lektüre sofort auf Distanz gehe, trotzdem kann man dem Roman vielleicht Vorhersehbarkeit vorwerfen, aber keinesfalls Oberflächlichkeit.

Die Themen des Romans sind groß. Es geht um die Suche nach Erlösung und Gewissenserleichterung, die Sehnsucht nach Liebe und Vergebung, Sehnsucht nach Ganzheit, die in den „Macken“ der Protagonisten zum Ausdruck kommt. Die Menschen sind unvollständig, ihnen fehlt die Ergänzung durch einen Ehepartner, einen Vater, eine Mutter, ein Kind – ihnen sind wichtige Menschen abhandengekommen, darum suchen sie die Erleichterung in der Stille (wie die schweigende Charlotte), in der Gewalt oder in der  übertriebenen Fürsorge gegen andere Menschen und Dinge.

Es geht auch um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Zunächst wird, geschickt platziert in der Nachkriegszeit und in der konservativ-frommen Gemeinschaft eines Südstaaten-Fleckens, das Bild eines einseitig bewerteten Missverhältnisses gezeichnet. Männer sind Unterdrücker und Feinde der Frauen. Sie engen sie ein, nutzen sie aus, missbrauchen sie, tun ihnen Gewalt, sind blind für ihre Bedürfnisse. Die Frauen sind allesamt Opfer, denen man helfen muss. Diese Mission erfüllt das Haus der Galanten Männer. Hier leben sie, die Wesen, nach denen sich vernachlässigte Frauen so sehr zu sehnen scheinen. Männer mit Anstand und Manieren; Männer, die devot nach den Bedürfnissen ihrer weiblichen Kundschaft fragen; Männer, die gute Zuhörer sind und sauber gewaschen und rasiert. Glatte Wesenheiten ohne Triebe, eine mönchische Gemeinschaft, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die verletzten Frauen durch Zärtlichkeit zu heilen, um für die eigenen, an Frauen begangenen Sünden Absolution zu erhalten. Doch so einfach ist es nicht. Stück für Stück erfahren wir von der anderen Seite. Charlottes Vater, der vor dem Tod seiner Frau, ganz anders war. Unerhörter Weise hat er sogar den Abwasch und andere Aufgaben im Haushalt übernommen! Der kleine Daniel, eine Trost spendende Engelsgestalt. Und die Niedertracht und Eifersucht einer Frau hat am Ende beinahe tödliche Konsequenzen. Es ist eben nicht so einfach, wie wir es gerne hätten. Sind viele der Frauen auch durch ihre unschönen Begegnungen und ernüchternden Beziehungen mit Männern verletzt, so stehen die Höllenqualen der Männer diesem Leid nicht nach. Die Gräuel des Krieges und die selbst begangenen Gräuel haben auch ihre Seelen durchgraben und Dämonen hinterlassen. Es ist hart, sich nach Wiedergutmachung und Erfüllung zu sehnen, doch ebenso hart ist es, um Vergebung zu ringen. Und das härteste Stück ist, sich selbst zu vergeben, um neu beginnen und leben zu können und den Strick nicht mehr nötig zu haben. Es ist Charlotte, die es ihrem Peiniger Justin gegenüber ausspricht:

„… Ich verzeihe dir. Weil Gott dir verzeiht. Und als ich die Schlinge [Anmerkung: der Strick, mit dem Justin sich das Leben nehmen wollte] in Händen hielt, ist mir klargeworden, daß wir beide – ich und Gott – dir bereitwilliger verzeihen als du dir selbst…“ (S. 320)

Wofür plädiert also der Roman „Das Haus der zärtlichen Hände“? Dass alles bedingungslos vergeben und vergessen werden soll? Die Autorin schreibt viel von Vergebung, Erlösung und Gnade und das ziemlich deutlich in den traditionell-christlichen Bezügen. Kann eine Vergewaltigung vergeben werden? Es gibt eine ganze Reihe an Geboten und moralischen Grundsätzen, die man als Mensch relativ leicht vergeben und ausgleichen kann. Vater und Mutter ehren. Wenn man es nicht getan hat, so steht den meisten doch immer die Tür zum Elternhaus offen mit dem Angebot des Friedens. Stehlen. Was genommen wurde, kann man bezahlen oder zurückgeben. Mord ist freilich etwas anderes. Ein Menschenleben kann nicht wiederhergestellt werden. Und Vergewaltigung? Dazu gibt es keines unter den 10 Geboten. Was sagt die Bibel im Alten Testament dazu?

  1. Mose 22, 25 – 29:

„Wenn aber jemand ein verlobtes Mädchen auf freiem Felde trifft und ergreift sie und schläft bei ihr, so soll der Mann allein sterben, der bei ihr geschlafen hat, aber dem Mädchen sollst du nichts tun, denn sie hat keine Sünde getan, die des Todes wert ist; sondern dies ist so, wie wenn jemand sich gegen seinen Nächsten erhöbe und ihn totschlüge. Denn er fand sie auf freiem Felde, und das verlobte Mädchen schrie, und niemand war da, der ihr half. Wenn jemand eine Jungfrau trifft, die nicht verlobt ist, und ergreift sie und schläft bei ihr und wird dabei betroffen, so soll der, der bei ihr geschlafen hat, ihrem Vater fünfzig Silberstücke geben und soll sie zur Frau haben, weil er ihr Gewalt angetan hat; er darf sie nicht entlassen sein Leben lang.“

Vergewaltigung wird in ihren Konsequenzen mit Mord verglichen. Warum ist das so? Weil man damit das Leben der vergewaltigten Frau tatsächlich beendet und das unabhängig von den gesellschaftlichen Bezügen in jeder Zeit. War es damals für ein junges Mädchen danach unmöglich, eine normale Ehe einzugehen und somit ein anständig versorgtes Leben zu führen, so ist es heute nicht weniger hart für eine Frau, ihr Leben danach weiterzuleben. Früher wollte mir die zweite Anweisung in diesen Versen ziemlich abwegig erscheinen. Warum soll die Frau, die von einem Mann vergewaltigt wurde, nun auch noch mit diesem Mann zusammenleben? Das erschien mir angesichts des Urteils im Vers zuvor, dass Vergewaltigung wie Mord ist, absolut grausam und unverständlich. „Er darf sie nicht entlassen ein Leben lang“ bedeutet aber auch, dass er für das Leben und die Versorgung der Frau verantwortlich ist, weil er ihr Gewalt angetan hat. In den damaligen Verhältnissen ist das also ein durchaus sinnvolles Gebot, eines, das Überleben sicher, auch wenn es uns heute grauenhaft vorkommt. Der entscheidende Punkt hierbei ist: Wiedergutmachung, Reue, Verantwortung.

Es geht eben nicht um eine Vergebung um jeden Preis. Auch nicht in dem Roman von Kathy Hepinstall. Vergessen wir nicht, dass die anderen beiden Vergewaltiger von Charlotte, jene Männer, die ihr zuerst Gewalt antaten und dies ohne Bedenken, von Granaten zerfetzt wurden. Das ist wohl nicht nur ein Kniff im Plot, um der lieben Charlotte nur einen einzigen Mann wieder über den Weg zu schicken, damit sich eine romantische Liebesgeschichte entwickeln kann. Das Entscheidende ist, dass Justin es zutiefst bereut und dass er letztlich Verantwortung übernimmt. Für die Frau und für das Kind, das er gezeugt hat. Allein deshalb wird ihm vergeben und er bekommt die Chance zu einem neuen Leben ohne Dämonen. Vergebung gibt es für alles, aber nur um den Preis des Bekenntnisses, der Reue und der Übernahme von Verantwortung.

Alles in allem bewegen die Ideen und das Thema des Romans. Sicher, die Storyline ist sehr offensichtlich und hat ihre Schwächen, aber die sensible, leicht verrückte Herangehensweise an ein solch schwieriges Thema, macht es doch leicht, das Buch zu lesen und sich für die Geschichte zu erwärmen. Weil es eben nicht so einfach ist, wie es auf den ersten Blick erscheint. Erwähnenswert ist noch ein anklingendes Nebenthema des Buches. Im Weitesten Sinne geht es auch um ein Gleichgewicht zwischen Liebe und Triebleben, ein verantwortungsvoller Umgang mit den eigenen Bedürfnissen; nicht um jeden Preis die Erleichterung des sexuellen Dranges zu suchen, aber auch nicht zu leugnen, dass es ihn gibt. Dieses Ungleichgewicht führt letztlich dazu, dass das „Haus der Galanten Männer“ im Feuer untergeht, während Justin, Charlotte und ihr gemeinsamer Sohn durch das Feuer hindurch gerettet werden, weil sie dieses Gleichgewicht und die ehrliche Vergebung verkörpern. Ein durch und durch symbolischer Text mit Tiefe. Für meinen Geschmack zu durchschaubar konstruiert, aber in Anlage und Idee groß, in der Formulierung angemessen sensibel.

Klare Empfehlung bei Interesse für das Thema und als nicht zu schwierige Lektüre.