Abraham und Melchisedek

„Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten und segnete ihn und sprach: Gesegnet seist du, Abram, vom höchsten Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat; und gelobt sei Gott der Höchste, der deine Feinde in deine Hand gegeben hat. Und Abram gab ihm den Zehnten von allem.“ 1. Mose 14, 18 – 20

Ein kleines Stück vor der Geschichte um die Vernichtung Sodoms und die Verschonung Lots liegt diese Begebenheit. In jenem Fall wird nicht nur Lot gerettet, sondern auch die ganze Stadt Sodom. Ein Ereignis, das gern übersehen wird, konzentriert man sich doch eher auf die Vernichtungsgeschichte und vergisst, dass es auch ein Davor gegeben hat. Denn Abraham lebte ja nicht in einem luftleeren Raum beziehungsweise in einer öden Gegend ohne Nachbarschaft.

Die zahlreichen, aufgeführten Namen erspare ich mir jetzt aus Gründen der Bequemlichkeit und Lesbarkeit. Wichtig ist, dass hier von zwei feindlichen Lagern die Rede ist. Jedes Lager besteht aus einem Bündnis mehrerer Könige. Nun sind das keine Könige, die ein Römisches Reich verwalten oder in der Westminster Abbey in London gekrönt werden. Es sind die Herren einzelner Städte mit umliegendem Land. Sozusagen mittlere Großstadt plus angegliederte Kommunen. Eine Art Oberbürgermeister mit Königsbefugnissen. Davon also gab es mehrere in Abrahams Nachbarschaft. Die stritten sich um Vorherrschaft und Abgaben. Jeder will eben das größere Stück vom Kuchen haben.

An und für sich ging Abraham das nichts an. Er hatte seine Zelte in einem schönen Hain aufgeschlagen, das Vieh weidete friedlich. Ein paar Schutzbündnisse und Verträge mit den engsten Nachbarn sicherten ihm das friedliche Dasein. Wenn da nur nicht sein Neffe Lot gewesen wäre, der sich ausgerechnet in Sodom niedergelassen hatte. Die große Stadt mit ihren Möglichkeiten war eben verlockender als das Umhertreiben des Viehs von einem Brunnen zum nächsten. Da Abraham nun seinen Neffen Lot über alles liebt, strengt er die eigenen Bündnisse an, um den gefangenen Lot zu befreien, denn Sodom hat den Krieg verloren.

So schlägt sich Abraham ein erstes Mal auf die Seite dieser Stadt, um den Neffen zu retten. Mit verstärkten Kräften und durch einen nächtlichen Überraschungsangriff von zwei Seiten, gelingen der Sieg und die Rückeroberung des geraubten Besitzes und der geraubten Menschen. Abraham erweist sich hier als ein weiser Mann, der es versteht, Bündnisse zu schließen und entschlossen zu handeln. Und er erweist sich als noch viel weiser, wenn er sich nach getaner Arbeit wieder zurückzieht und jede weitere Verbindung mit diesen Königen meidet. Er lehnt Geschenke ab, überlässt die ihm zustehende Entlohnung seinen eigenen Bündnispartnern, in deren Land er lebt, und gibt zusätzlich noch ein Opfer an den höchsten Gott, den er verehrt. Abraham hält Frieden, aber er macht sich nicht abhängig. Abraham steht zu seinen Verpflichtungen, aber er hält sich vorsichtig zurück, wenn es um eigene Vorteile geht. Hier finden wir ansatzweise eine Erklärung, warum Abraham von Gott ausgewählt wurde und eben nicht Lot oder der König von Sodom. Er war nicht besser, aber er hatte den Blick in die richtige Richtung gewandt.

So kommt ihm jener König entgegen, der an dem beschriebenen Krieg gar nicht beteiligt war. Der König von Salem. Die Tradition ist sich einig, dass hiermit Jerusalem gemeint ist. Wer oder was dieser Melchisedek genau ist, darüber ist man sich uneins. Er ist ein Geheimnis. Sicher ist nur, dass Abraham und Melchisedek etwas gemein haben, nämlich den Blick auf den einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat. Den Schöpfer von allem. Der Ursprung. Die Heimat. Sie erkennen sich gegenseitig. Und offensichtlich ist Melchisedek eine Autorität, denn er ist in der Stellung, Abraham zu segnen und Abraham übergibt ihm ein Opfer. Nach dieser Begegnung und Segnung geschieht es, dass Abraham ablehnt, etwas von Sodoms König anzunehmen. Er hat bereits von Gott bekommen, was ihm zusteht. Sein Teil ist nicht mit den Königen der Umgegend. Sein Teil liegt bei dem Gott des Himmels und der Erde.

Aber auch der König von Salem trägt eine Art Feiertags-Opfer hinaus zu Abraham. Brot und Wein. Wie finden Brot und Wein jetzt plötzlich einen Platz in dieser Geschichte? Ist es wirklich ein vorweg genommenes Abendmahl, wie es die Christen heute allerorten feiern? Ja und nein. Natürlich wird hier Wein und Brot ausgeteilt, damit man es zu sich nimmt, es verzehrt. Dazu sind sie ja schließlich bestimmt. Natürlich bedeuten Wein und Brot hier aber gleichzeitig mehr als nur Wein und Brot. Immer schon und nicht erst seit gestern oder heute waren sie Symbol für Blut und Fleisch. Schon Noah pflanzte einen Weinberg, schon Kain war ein Ackerbauer. Natürlich ist das Brot, welches das eigene Fleisch ernährt und kräftigt, selbst ein Symbol für Fleisch und Nahrung im Allgemeinen. Natürlich ist der Wein wegen seiner Farbe und berauschenden Wirkung ein Symbol für Blut und Leben. Und auch das Vergießen von Blut im Krieg ist ein Rausch, den Abraham gerade erlebt hat. Und auch nicht erst seit gestern oder heute begreift man das Korn, das aus der Erde bricht, als Sinnbild für die Gottheit selbst, für Fruchtbarkeit und Leben. Und der Wein gilt allerorten als ein „Trank der Götter“. Also ja, Gott schenkt sich selbst dem Abraham, deshalb muss und kann und will er kein Geschenk von dem König Sodoms annehmen. Gott gibt dem Abraham Sein Leben, Seinen Segen in Gestalt von Brot und Wein, von Nahrung und Belebung.

Darum verstehen wir Christen den Melchisedek als einen „Vorschatten“, ein Sinnbild für Christus, der kommen soll. Für den wahren Priester des Höchsten, der sich mit Leib und Blut hingibt, um sich selbst an uns zu verschenken und uns Leben zu geben. Jenes Leben, das wir in Eden verloren haben. Tiefste Heimat in Brot und Wein. Etwas, das uns so erfüllen kann, dass wir die Geschenke eines Königs von Sodom nicht mehr brauchen.