Der Schmerz des hinausgezögerten Endes

Der Schmerz des hinausgezögerten Endes

Buchbesprechung zu:

Eine Handvoll Staub“ (Originaltitel: „A Handfull of Dust“)

Erstausgabe 1934

Diese Ausgabe:

Diogenes Verlag, 2017, Übersetzung aus dem Englischen von pociao, 344 Seiten

Und wieder habe ich ein ruhiges Wochenende darauf verwendet, Evelyn Waugh zu begegnen. Seine Werke eignen sich hervorragend dafür, an zwei regenreichen Tagen in einem Rutsch gelesen zu werden. Sie bereiten Vergnügen und jeder Roman schafft es, die Leserschaft zu überraschen, auch wenn der Stil des Autors sonst hinlänglich bekannt ist.

Der Verlag Diogenes ist eigentlich immer sehr stilsicher und treffend in der Gestaltung von Buchcover und Klappentext, doch führt die Kurzbeschreibung dieses Mal leicht in die Irre. Evelyn Waugh wird gerne beworben, indem man die komischen, bissig-ironischen Elemente seiner Werke betont. Nun, das ist sein Markenzeichen, trifft aber in sehr unterschiedlichem Maße für die einzelnen Romane zu.

Mit „Eine Handvoll Staub“ befinden wir uns in jener tristen Zeit der 30er Jahre, bevor die Welt erneut in den Abgrund eines wahnsinnigen Krieges stürzt. Waughs Geschichten aus dieser Zeit sind nicht mehr so herrlich absurd wie zum Beispiel „Verfall und Untergang“ oder „Lust und Laster“, die sich auf die goldenen Zwanziger beziehen. Auch der gesetzte, menschenfreundliche Zynismus der 40er nach dem Krieg stellt sich noch nicht ein. Die Romane der 30er Jahre spiegeln am deutlichsten den Kulturpessimismus Waughs wider, sein Bedauern über den unvermeidlichen Verfall und Umbau der wohlgeordneten, britischen Gesellschaft.

Waughs Romane sind zudem stets eng mit seiner eigenen Biografie verknüpft. 1929 endet die Ehe mit Evelyn Gardner, 1930 konvertiert Waugh zum Katholizismus. Ab 1933 bemüht er sich um die Annullierung seiner Ehe durch die katholische Kirche, weil er erneut heiraten und eine Familie gründen möchte. Vor diesem Hintergrund sind einige Inhalte des Romans „Eine Handvoll Staub“ sehr viel nachvollziehbarer.

Wir begegnen einem ungleichen Traumpaar. Lord Tony Last ist ein bemühter Gentleman und seinem Haus und Gut „Hetton Abbey“ treu verpflichtet. Wie so oft verrät der Name des Mannes in Waughs Roman auch etwas über das Wesen seines Trägers. Last übersetzt sich etwa: „überdauern“, „andauern“ oder als Nomen „der Letzte“. Diese Doppeldeutigkeit ist bewusst. Tony Last bemüht sich um den Erhalt des Anwesens und des Namens der Familie, um Fortbestand der Dinge wie sie seit Generationen Tradition sind. Und doch schwebt die Ungewissheit über ihm. Finanziell ist „Hetton Abbey“ mitsamt den Angestellten gerade eben zu halten. Tonys Frau Brenda ist vor allem wunderschön und charmant und gelangweilt. Nicht einmal ihr 7jähriger Sohn John Andrews braucht sie mehr. Wie es in diesen Kreisen üblich ist, kümmert sich eine angestellte Nanny um ihn. Die Dialoge des Paars sind humorvoll bis liebevoll, aber auch schmerzhaft oberflächlich, ganz zu schweigen von der fehlenden Ehrlichkeit. Man vermeidet es schicklich, das gemeinsam vereinbarte Eheglück durch das Ansprechen unterschiedlicher Ansichten und Wünsche leichtfertig zu torpedieren.

Unnötig zu sagen, dass solch eine Geschichte nicht gut gehen kann. Das amüsante Geplänkel nimmt ein baldiges Ende. Der geneigte Leser schmunzelt und lacht, bis ihm die Mundwinkel in Überraschung und Melancholie wieder herabsinken. Wobei auch die Katastrophe wieder ihre ganz eigene Komik hat, denn Brenda legt sich einen Liebhaber zu. Jetzt kommt der typische Waugh-Kniff. Wir haben ein wunderschönes Weib, das in vollen Zügen einem lasterhaften Leben frönt, während der gehörnte Ehemann nichts ahnt und den stillen Dulder all der Kapriolen seiner Frau gibt. Sie nimmt sich eine Wohnung in London, geht auf Partys, studiert Wirtschaft, lässt ihn Wochen, ja fast Monate allein. All das nimmt Tony Last mit übermenschlicher Geduld in Kauf.

Der Höhepunkt der Katastrophe kann nicht schlimmer sein. (Achtung Spoiler!). Der gemeinsame Sohn, dieses seltsame Kind, das in seinen naiv-frechen Äußerungen einen erschreckend absurden Spiegel dieser zerbrechenden Welt abgibt, kommt ums Leben. Natürlich ganz klassisch und herrschaftlich bei einem Reitunfall auf einer Jagdgesellschaft. So übel es den geneigten Leser / die geneigte Leserin trifft, noch übler ist, was folgt. Denn keiner kann aus seiner Haut. Tony Last stürzt sich ohne Tränen in eine pflichtbewusste Geschäftigkeit der Dinge, die eben in einem solchen Fall zu regeln sind. Und Brenda, ja sie gibt ein derart erbärmliches Beispiel moralischer Verkommenheit ab, dass man fast schon Mitleid mit ihr haben möchte. Als man ihr mitteilt: „John ist tot.“ Denkt sie zuerst, dass ihr Liebhaber desselben Vornamens verunglückt sei. Als man es ihr dann erklärt, entfährt ihr ein „Gott sei Dank!“ Im nächsten Augenblick wird ihr bewusst, welche Ungeheuerlichkeit sie sich geleistet hat. Sie bricht in Tränen aus. Tränen sehr viel mehr über sich selbst als über den Sohn.

Noch ein weiteres Mal kommen Tränen in diesem Roman vor. Tony Last weint aufgelöst in Selbstmitleid, als er nach dem angestoßenen Scheidungsverfahren gegen seine Frau im Dschungel des Amazonas von Fieberschüben geplagt wird. Parallel dazu weint Brenda über den Verlust ihres Liebhabers und ihre Mittellosigkeit, die eine Scheidung ihr einbringen wird. Ja, verdientermaßen sinkt Brenda in die Bedeutungslosigkeit und verdientermaßen bleibt Tony im Amazonasgebiet verschollen. Passivität, Gleichgültigkeit und Blindheit haben den gemeinsamen Sohn und die Zukunft getötet. Ein unbedeutender Zweig der Familie Last übernimmt das Anwesen und versucht, es durch rigorose Sparmaßnahmen und Fuchszucht zu retten.

Es gibt nur zwei Personen, die in der Geschichte erfolgreich überdauern. Der verschlagene, unanständige Reitmeister des Anwesens „Hetton Abbey“, der sich als einziger Angestellter dort halten und geschickt unersetzlich zu machen weiß. Und die Mutter von Brendas Liebhaber, Mrs. Beaver (Bieber in der Übersetzung, sie schlägt ihre gierigen Zähne tatsächlich überall hinein). Sie macht ein Vermögen, indem sie den gut betuchten Mitgliedern der englischen Gesellschaft unnötige Verschönerungen und Modernisierungen ihrer Wohnstätten verkauft. Das ist die neue Welt der Verschlagenheit und des Strebens nach Gewinn. Sie löst die alte, wohlgeordnete Welt der Stände mit ihren jeweiligen Privilegien und Ehrverpflichtungen ab.

Die Lektüre von „Eine Handvoll Staub“ bereitet ein vergnügliches Missvergnügen. Denn es ist eben das, was scheinbar übrig bleibt, wenn eine Welt untergeht: Staub. Der Verlust ist ebenso schmerzhaft wie unvermeidlich. In diesem Sinne passen Evelyn Waughs Romane wieder ganz in unsere Zeit, in der Dinge zu Ende zu gehen scheinen und das Neue vielen Menschen bedrohlich erscheint. Wir werden sehen, was aus der Handvoll Staub wachsen kann.