Familie und rote Pest
Buchbesprechung zu:
„Denunziation“ – Erzählungen aus Nordkorea
von Bandi („Glühwürmchen“ – Deckname)
Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Mit einem Vorwort von Thomas Reichart
Piper Verlag 2017 – Originalausgabe erstmals 2014 in Seoul
220 Seiten
Es ist schon etwas Besonderes, ein Buch in Händen zu halten, dessen Autor sterben würde, wenn sein richtiger Name auf dem Cover gedruckt würde. Der Sterben würde, wenn nicht die Hände, durch die das Manuskript gegangen ist, die Namen der in den Erzählungen erwähnten Orte noch einmal abgeändert hätten. Das sind die Realitäten, mit denen ein Schriftsteller, der in Nordkorea seine Gedanken frei äußert, konfrontiert ist.
Doch Nordkorea ist uninteressant. Medial nehmen wir es kaum wahr. Im kollektiven Gedächtnis bleiben drei Dinge haften. Die Berichte einer schweren Hungersnot in den 90er Jahren und die lange Weigerung der Regierung des Landes, Hilfsleistungen des Auslands anzunehmen. Bis heute weiß niemand wieviel tausend Menschen dabei zu Grunde gegangen sind. Dann sehen wir die über zwei Meter hohen Statuen Kim Il-sungs und Kim Jong-ils in der Hauptstadt Pjönjang. Vor ihnen werden Blumen niedergelegt und Menschenrücken beugen sich andächtig. Und als drittes schwebt das feiste Gesicht des aktuellen Diktators Kim Jong-uns durch den Äther, wenn er mal wieder einen erfolgreichen Waffentest verkündet, den die UNO zwar kategorisch verurteilen muss, aber die Welt doch ob der Lächerlichkeit mit einem Schulterzucken abtut. Ein dickes, großes Kind mit überdimensionalem Spielzeug. Das ist jenes Nordkorea unserer Wahrnehmung. Wir verbinden es nicht mit den 20 Millionen Menschen, die dort leben; leben müssen.
Jene Lücke unserer Herzenswahrnehmung vermag das Buch „Denunziation“ von Bandi zu schließen. Wer innerlich nachvollziehen möchte, wie es ist, unter der letzten tiefroten Diktatur dieses Planeten zu leben, findet in den sieben Geschichten die Verbindung zu den Menschen Nordkoreas. Tatsächlich ist der Autor ein „Glühwürmchen“, ein winziges Licht, kaum in der Lage die Nacht zu durchdringen und doch fällt es ins Auge und erregt Aufmerksamkeit. Seine Momentaufnahmen der erzählten Einzelschicksale berühren ohne zu bedrücken. Mit poetischer Leichtigkeit vermag der Schreiber uns die grausamen Strukturen einer geschlossenen Gesellschaft zu vermitteln. Jede Erzählung enthält in ihrem Kern einen dichterischen Vergleich, der einen Aspekt des Lebens unter dieser Diktatur verdeutlicht.
Sämtliche Geschichten wurden Anfang bis Mitte der 90er Jahre verfasst. Sie liegen in ihren Schilderungen also schon ein wenig zurück, dürften aber immer noch ein aktuelles Bild zeichnen. Achtung „Spoiler“ – im Folgenden deute ich den Inhalt der einzelnen Erzählungen an. Es erscheint mir notwendig, um den Kern der Sache herauszuschälen.
In „Die Stadt der Gespenster“ werden wir nach Pjönjang mitgenommen. Seit zwei Monaten bereiten sich eine Million Menschen auf den Nationalfeiertag vor. Doch der Himmel will es offenbar nicht, denn schweres Unwetter geht über der Stadt nieder. Sintflutartiger Regen macht es unmöglich, auf dem großen Platz die geplante Aufstellung in Menschen-Blöcken zu nehmen. Doch eine Diktatur kennt kein Erbarmen. Als der Regen aussetzt, erschallt durch die überall angebrachten Lautsprecher – genannt das „Dritte Programm“ (wir fühlen uns sehr stark an Orwells 1984 erinnert!) – der Befehl, in einer dreiviertel Stunde bereit zu sein. Tatsächlich leisten eine Million Männer und Frauen unbedingten Gehorsam. Sie treten an und die Feierlichkeiten finden wie geplant statt. Eine unheimliche Macht ist das. Dieselbe Macht, die am gleichen Tag eine der Familien aus Pjönjang verbannt. Eine Mutter und ein Vater haben es nicht geschafft, ihrem zweijährigen Sohn die Angst vor den großen Portraits von Marx und Kim Il-sung auszutreiben. Er schreit und weint und bekommt Anfälle, wenn er die überdimensionalen Gesichter dieser Männer sieht. Für ihn sind sie schreckliche „Eobis“, riesige Monstergestalten aus Geschichten (eine Art Godzilla, der alle Häuser überragt). Und dieser Eobi ist es, der dann die Familie zur Strafe aus der Stadt auf das Land vertreibt. Von treuen Genossen werden sie zu Feinden degradiert, denn die Verderbtheit des Kindes spricht für die verdorbene Haltung der Eltern. So einfach ist es in einer Diktatur. Die Feindschaft wird vererbt. Tanzt ein Familienmitglied aus der Reihe, ist das Zeichen dafür, dass auch alle anderen nicht treu und ergeben sind. Sie müssen verbannt werden. In die Provinz oder schlimmer noch ins Arbeitslager. (Ja, es gibt Kinder, die in jenen Zwangslagern geboren werden und sie bis zum Tag ihres Todes nicht verlassen!)
Der „Eobi“, das Monstrum, als Sinnbild einer grausam verurteilenden Diktatur. Und sie funktioniert. Jedes Haus hat einen Blockwart oder eine Blockwartin, die Meldung machen. Die Angst treibt die einzelnen Bewohner an, sich gegenseitig zu bezichtigen, wenn in einer Familie etwas anders ist als in den anderen. Wenn sie eine Stunde zu lang die Vorhänge schließen oder zu seltsamer Zeit der Rauch des Kochfeuers aufsteigt. Alles verdächtig. So erhält und kontrolliert die Gesellschaft Nordkoreas sich selbst durch ein dichtes Netz aus Angst und Denunziation.
In „Irya Madya, Schatzpferd!“ spielt eine große Schatzulme die Hauptrolle. Sie steht für den Tag, an dem der Mann, der sie gepflanzt hat, in die Partei eingetreten ist. Sie verkörpert all die Hoffnungen auf Unabhängigkeit von der Japanischen Besatzungsmacht, Hoffnung auf eine reiche Zukunft, die man sich durch Treue und Fleiß für sich und die nachfolgende Generation erarbeitet. Jener Tag, an dem der Mann Irya Madya erkennt, dass das alles nur ein Trugbild war, ist der Tag, an dem die Ulme fällt und er selbst stirbt. Das System vernichtet Existenzen. Es frisst seine treusten Diener und Arbeiter. Ein unbedachtes Wort genügt dafür. Ja eine einzige zur falschen Zeit geweinte Träne genügt und wird als Verrat gewertet. Ein Volk ist angehalten, auf Befehl zu lachen und zu weinen.
In „Die Flucht“ schreibt ein Mann seinem Freund einen Brief, in dem er ihm die Gründe darlegt, aus denen er sich zur Flucht aus Nordkorea entschlossen hat. Er selbst stammt aus einer Familie, die vom Staat als feindlich eingestuft wurde, weil sein Vater aus Versehen eine Anpflanzung Reis hat eingehen lassen. Seine Frau stammt aus einer staatstreuen Familie. Heimlich verhütet sie, denn sie will kein Kind in diese grausame Welt setzen. Ein Kind, das von Anfang an per Gesetz (ja, es gibt einen Paragrafen 149, der dies festlegt!) als Staatfeind eingestuft ist. Im Laufe der Geschichte erleben wir eine innige, ergreifende Liebesgeschichte, voller Hingabe und Selbstaufopferung. Wir erkennen die Kehrseite der grausamen Realität, in der die Menschen gezwungen sind zu leben. Sie rücken nahe zueinander. Familie ist alles für die Nordkoreaner. Eine Ehe, in der man sich aneinander festhält und Kinder, denen man sich erbarmend und liebevoll zuwendet. Immer wieder spielt das in den Erzählungen die alles überstrahlende Rolle.
In „So nah und doch so fern“ versucht ein Mann eine Reisegenehmigung zu erhalten, weil er seine im Sterben liegende Mutter aufsuchen möchte. In Nordkorea herrscht keine Bewegungsfreiheit. Jede Reise muss beantragt werden. Ein kranker Verwandter in einer anderen Region ist für den Staat kein Grund, eine Ausnahme zu machen. Aus Verzweiflung über die dreimalige Ablehnung seines dringenden Ersuchens macht sich der Sohn illegal auf. Nur einige Schritte entfernt von seinem Heimatdorf wird er aufgegriffen. Die Strafe für sein Vergehen sind zwei Wochen Arbeitslager, aus denen er abgemagert und voller Läuse zu seiner Frau zurückkehrt, nur um dort zu erfahren, dass seine Mutter inzwischen verstorben ist. In dieser Geschichte wird der Wert der Familie noch einmal überdeutlich. Treue zur Familie überwindet die Angst vor dem strafenden System. Die Menschen reden sich gegenseitig als „Mutter von…“, „Vater von…“, „Tante von…“ oder „Onkel von…“ an. Sie betonen die Eltern-Kind-Beziehung. Das ist es, was den Menschen ihren Halt gibt, was sie leben lässt inmitten aberwitziger Regulierungen.
In „Pandämonium“ haben wir die kuriose Geschichte einer alten Frau, die ihren Mann und das Enkelkind auf dem Bahnhof zurücklässt, um sich zu Fuß auf den Weg zum Haus ihrer Tochter aufzumachen. Alle Züge stehen still, weil das Staatsoberhaupt reisen will. Auch auf den Straßen ist es verboten zu gehen. Die alte Frau wird vom Konvoi des Staatschefs abgefangen und dazu genötigt, die Gnade der Mitfahrgelegenheit anzunehmen. Während sie den Luxus des gepolsterten Autos unter Zwang in Anspruch nimmt, werden ihr Mann und die Enkeltochter in einer ausbrechenden Panik unter den seit Tagen wartenden Reisenden verletzt. Auch hier ist wieder die Familie der Mikrokosmos, in dem der Einzelne Trost, Geborgenheit und auch Vergebung findet.
In „Die Bühne“ fällt ein Schauspieler in Ungnade des Systems, weil er während einer Improvisation eine 23-jährige Kollegin scherzhaft zum Mitspielen aufruft und ihre seit 23 Jahren geschulte Fähigkeit des Schauspielerns lobt. Der Konflikt über diesen Ungehorsam wird in die Familie des jungen Mannes getragen. Es kommt zu einem erbitterten Streit zwischen dem intelligenten und klarblickenden Sohn und dem systemtreuen Vater. Letztlich muss auch der Vater erkennen, dass ganz Nordkorea eine Bühne ist, auf der das Volk ein Schauspiel aufführt. Es ist die Zeit der dreijährigen Staatstrauer um Kim Il-sung (er stirbt 1994, bleibt aber der „Ewige Präsident“ und wird weiter verehrt wie ein Heil bringender Messias). Die Menschen legen Jeden Tag Blumen vor den Gedenkaltären überall im Land nieder. Ihre Besuche werden protokolliert, darum gibt es bald in keinem Garten mehr eine Blüte. Die Menschen ziehen in die Berge und pflücken unter Einsatz ihres Lebens Wildblumen, um nur nie aus der Trauerrolle zu fallen. Wer keine Tränen vergießt, verurteilt sich selbst.
In „Der Rote Pilz“ schließlich wird das Leben eines Mannes beleuchtet, der in den beginnenden Zeiten von Knappheit und Hunger alles versucht, um wie ihm befohlen wurde, neues Land urbar zu machen. Das Wetter vernichtet, was er geschaffen hat. Das System kann die Schuld dafür nicht auf sich nehmen, darf aus Propagandazwecken keine Fehler zugeben. Die Verurteilung trifft den Mann. Um ihn beiseiteschaffen zu können, wirft man ihm auch vor, eine Frau mittels roter Pilze fahrlässig vergiftet zu haben. Im Moment seiner Verurteilung blickt der Mann auf das rote Parteigebäude und murmelt sein eigenes Urteil, nämlich dass der rote Pilz überall ausgerottet werden müsse. Dass er damit die Ideologie des Marxismus/Sozialismus meint, ist allen Beteiligten nur zu deutlich. Am Ende sind es seine Kinder, die laut schreiend hinter dem Wagen her rennen, der ihren Vater abtransportiert.
Das Zusammenspiel von poetischen Vergleichen für die Grausamkeit des Staatssystems und der Geborgenheit und Fürsorge der Familie, macht die Lektüre von „Denunziation“ zu einem erträglichen Erlebnis. Sicher gehen einem die Einzelschicksale zu Herzen, man empfindet am Ende jeder Erzählung echte Empörung und Wehmut. Dennoch kann man sich der sanften Menschlichkeit und der schlichten Schönheit der Geschichten ebenso wenig entziehen. Man empfindet Achtung vor den Menschen, man versteht sie besser, warum es so unmöglich ist, sich gegen den roten Kult aufzulehnen. Und dass es eine Menge Mut und Treue kostet, Selbstaufopferung und Hingabe, um die eigene Familie zu schützen. Es ist für die meisten nicht möglich, in ein besseres Leben nach Südkorea zu flüchten, weil sie damit ihre Angehörigen in höchste Gefahr bringen. Ist ein Familienmitglied ungehorsam, so leiden alle anderen dafür. Die Liebe der Menschen zueinander wird als Waffe gegen sie gerichtet, um ihren Gehorsam zu sichern.
Das ist der wiederkehrende Kern aller Grausamkeiten in jeder Art von Diktatur: Menschen durch ihre eigene Liebe und Güte zu zwingen und zu vernichten. Darum bewegt das Buch und darum gehört es in das allgemeine Gedächtnis. Als Erinnerung daran, dass wir zwar über einen fetten und feisten Jungen lachen, wenn er alberne Spiele vorführt, doch hinter den Grenzen dieses abgeschotteten Landes 20 Millionen Menschen ihre Tränen nach innen weinen müssen, wenn sie ihre Lieben schützen wollen.
„Es war einmal ein Dorf, das von dreißig Meter hohen Hecken umgeben war. Darin lebte ein Zauberer, für den Millionen von Bediensteten arbeiteten. Das Verwunderliche daran war, dass aus dem Dorf nur Gelächter nach draußen drang. Die Leute lachten ununterbrochen und zu jeder Jahreszeit, da der alte Zauberer sie durch einen Fluch zum Lachen zwang. Warum hatte er sie dazu verdammt, ohne Unterlass zu lachen? Das war seine Art, vor der Welt draußen zu verschleiern, dass er seine Bediensteten unterdrückte, und die Leute glauben zu machen, die Dorfbewohner seien immer glücklich. Er hatte die hohen Hecken wachsen lassen, damit die Bewohner der umliegenden Dörfer nicht hineingehen und sehen konnten, was wirklich passierte. Kannst du dir das vorstellen? Selbst wenn die Bediensteten des alten Zauberers vor Schmerz und Traurigkeit weinten, verwandelten sich ihre Schluchzer sofort in Lachen. Kann es einen Zauberspruch geben, der grausamer ist? Und dieses Dorf, kann es einen Ort geben, der schrecklicher ist?“ (S. 145 – Frau Ohs Märchen)


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